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StartseiteSport am Wochenende"Fußballspielen war ein Symbol des Widerstands"21.08.2021

Fußballerinnen in Afghanistan"Fußballspielen war ein Symbol des Widerstands"

Durch die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen in Gefahr. Die internationale Spielergewerkschaft Fifpro versuche deshalb, die Frauen auf Listen für die Ausreise zu bekommen, sagte Fifpro-Generalsekretär Jonas Baer-Hoffmann im Deutschlandfunk.

Jonas Baer-Hoffmann im Gespräch mit Marina Schweizer

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Bildnummer: 07619768 Datum: 01.04.2011 Copyright: imago/Xinhua Afghan women s national soccer team cheer up before a friendly match against NATO-led International Security Aid Force women s soccer team in Kabul, capital of Afghanistan, on April 1, 2011. The match ended with a 0-0 tie. PUBLICATIONxNOTxINxCHN; Fussball Damen Frauenfussball Nationalteam Afghanistan NATO Sozialengagement Fotostory vdig xcb 2011 quer Aufmacher premiumd o0 Symbol Kameradschaft Spielerkreis, Motivation, motivieren, einschwören, team spirit, Teamgeist Image number 07619768 date 01 04 2011 Copyright imago Xinhua Afghan Women s National Soccer team Cheer Up Before A Friendly Match Against NATO LED International Security AID Force Women s Soccer team in Kabul Capital of Afghanistan ON April 1 2011 The Match Ended with A 0 0 Tie PUBLICATIONxNOTxINxCHN Football women Women\u0026#39;s football National team Afghanistan NATO Social commitment Photo Story Vdig 2011 horizontal Highlight premiumd o0 symbol camaraderie Players circle Motivation Motivate Einschwören team Spirit Team spirit  (IMAGO / Xinhua)
Die afghanische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen vor einem Freundschaftsspiel gegen eine NATO-Mannschaft in Kabul im Jahr 2011. (IMAGO / Xinhua)
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Der Sport in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban "Schweigt und verschwindet"

Während der vorherigen Taliban-Herrschaft in Afghanistan war Sport verboten. Viele befürchten, dass es jetzt wieder so kommt. Die afghanische Olympia-Pionierin, Judoka Friba Rezayee hat gerade noch einmal unterstrichen: "Nachdem die Taliban sich niedergelassen und ihre Regierung eingesetzt haben, werden sie die Personen verfolgen, die sich gegen sie ausgesprochen haben. Frauen, die zur Schule gegangen sind, Frauen, die zur Universität gegangen sind und Frauen, die Sport getrieben haben".

Nun drängt sich die Frage auf, was Sportorganisationen machen können und welche Berichte sie von den Athletinnen und Athleten vor Ort bekommen. "Die Lage ist teilweise schon recht dramatisch", berichtet Jonas Baer-Hoffmann, Generalsekretär der internationalen Profifußballspieler-Gewerkschaft Fifpro im Dlf. Seine Organisation steht mit den Frauen der afghanischen Fußball-Nationalmannschaft in Kontakt. "Der Druck auf sie ist sehr hoch. Es gibt viele Sorgen, viel Unsicherheit. Wir wissen nicht ganz genau, wie schnell die Uhr tickt und wie groß die Gefahr in jedem Moment sein könnte. Es ist ein endloses Hoffen, dass sich ein Weg ergibt, aus dem Land ausreisen zu können."

Jonas Baer-Hoffmann, der Generalsekretär der internationalen Profifußballer-Gewerkschaft FIFPRO (zdf/imago)Jonas Baer-Hoffmann, der Generalsekretär der internationalen Profifußballer-Gewerkschaft FIFPRO (zdf/imago)

"Spielerinnen sind öffentliche Figuren geworden"

Die Vereinten Nationen berichten, die Taliban würde mittlerweile gezielt nach ihren Gegnern im Land suchen. Dazu gehörten auch Sportlerinnen und Sportler, sagte Baer-Hoffmann. "Das Sporttreiben, oder in diesem Fall das Fußballspielen selber, war letztlich ein Symbol des Widerstands. Und das ist so weit gegangen, dass die Nationalmannschaft nicht nur ein Ort war, wo sich Frauen getroffen haben, die gemeinsam Fußball spielen, sondern daraus auch eine gemeinsame Stärke, einen gemeinsamen Willen zur Veränderung, zu der sie beitragen wollen, entwickelt haben."

Viele der Spielerinnen seien öffentliche Figuren geworden, die für die Veränderung mit eingestanden haben, so Baer-Hoffmann. "Somit sind sie zu etwas erwachsen, was mehr war als einfach eine Fußballmannschaft. Und damit hat sich in der jetzigen Situation ihr Risikoprofil deutlich erhöht."

Doch auch die Männer müssen befürchten, nicht mehr Fußball spielen zu dürfen. Je nachdem, ob die Taliban den Fußball als Sport anerkennt. "Die Situation ist sehr unübersichtlich. Der nationale Verband ist de facto nicht operativ tätig und hat in so einer Situation auch gar keinen Einfluss. Das ist zum derzeitigen wirklich tertiär, ob jemand aktuell seinen Sport weiter ausüben kann, weil es für viele Menschen derzeit einfach um Leben und Tod und die Lebensführung der Zukunft geht", sagte Baer-Hoffmann. "Aber natürlich werden sich da langfristige Fragen auch für den Männerfußball ergeben. Das können wir momentan noch nicht überblicken."

Fifpro versucht Fußballerinnen bei Ausreise zu helfen

Mehrere Stimmen fordern mittlerweile auch die Sportorganisationen auf, ihren Einfluss geltend zu machen. Die Fifpro hat laut Baer-Hoffmann verschiedene Schritte eingeleitet, um den Fußballerinnen zu helfen. "Zum einen geht es darum, überhaupt erst einmal eine Evakuationsmöglichkeit zu schaffen. Da haben wir uns in den letzten Tagen mit diversen Regierungen in Kontakt gesetzt, um einfach zu erklären, warum diese Frauen ein enormes Risiko haben unter der aktuellen Machtherrschaft. Wir haben versucht, sie auf Listen zu bekommen. Das lief noch relativ gut, aber jetzt sind die nächsten Schritte deutlich schwieriger für uns. Wie kriegen wir sie zum Flughafen? Wie viele Flugzeuge werden Regierungen wirklich dort hinschicken? Wie lange wird das Ganze für Evakuierungen offen bleiben? Wann werden welche Gruppen priorisiert werden? Das ist alles wahnsinnig schwer einzuschätzen und bedeutet für die Frauen eine enorme Unsicherheit, weil sie sich permanent verfolgt fühlen und auch verfolgt sind und dementsprechend auch verstecken und versuchen, ihre Identität geheim zu halten."

Shabnam Mabarz (r.) und Khalida Popal, Mitglieder der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft.  (dpa / picture alliance / Jan M. Olsen) (dpa / picture alliance / Jan M. Olsen)"Schweigt und verschwindet"
Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat Auswirkungen auf alle Gesellschaftsbereiche – auch auf den Sport. Für Sportlerinnen ist die Lage aktuell offenbar besonders brisant, einige bangen um ihr Leben.

Der nächste Schritt sei dann, ein Asylrecht und eine Aufnahme durch einen Staat zu ermöglichen. "Da arbeiten wir schon sehr intensiv dran und haben auch Unterstützung von der Fifa erhalten. Man muss aber auch sagen, die einzig wirkliche Einflussmöglichkeit liegt bei Regierungen. Wir versuchen dort als Organisation so viel zu tun, wie wir können."  

Eine internationale Organisation wie die Fifpro habe hier das Privileg, Zugang zu Menschenrechtsanwälten und Immigrationsrechtsanwälten zu bekommen, so Baer-Hoffmann. "Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das für Menschen ist, die nicht etwa das internationale Netzwerk zur Verfügung haben, was wir haben. Wie man dann überhaupt durch die Bürokratie und die politische Aufmerksamkeits-Schwelle durchbrechen könnte, um dort Gehör zu finden und eventuell evakuiert zu werden. Da lernt man schon sehr viel über Einfluss und auch gewisse Privilegien. Und dementsprechend tun wir unser Möglichstes. Aber es ist sehr offen, was das Ergebnis sein wird."

"Ein Risikopotential gibt es für alle"

Die Entscheidung, wer priorisiert wird und letztlich auf Listen kommt, hätten letztlich die Regierungen, sagte Baer-Hoffmann. "Da haben wir bedingt Einfluss drauf. Worauf wir die Aufmerksamkeit legen, ist die Tatsache, dass diese Frauen der Nationalmannschaft beigetreten sind, war ein Zeichen von Widerstand." Danach gebe es weitere Dinge, die zu klären seien: "Manche sind vielleicht lauter als Aktivistinnen aufgetreten als andere. Das versucht man, Regierungen zu erklären. Aber ein Risikopotential gibt es für alle und dementsprechend versuchen wir natürlich, so vielen wie möglich zu helfen. Aber es ist menschlich gesehen und technisch gesehen unglaublich schwierig, da zu entscheiden, wen man früher auf eine Priorisierungsliste setzt und wen nicht."

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