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StartseiteInterview"Löw hat seine Autorität verbraucht"04.07.2018

Fußballnationalmannschaft"Löw hat seine Autorität verbraucht"

Joachim Löw bleibt Bundestrainer der Fußballnationalmannschaft. Bei Sportphilosoph Gunter Gebauer löst das keine Freude aus. Löw sei ein sorgfältiger Arbeiter, der sich jetzt in den Dienst eines Neuaufbaus stellen könne. Nach etwa einem Jahr könnte er dann die Entscheidung treffen, sich zurückzuziehen, sagte Gebauer im Dlf.

Gunter Gebauer im Gespräch mit Christiane Kaess

Bundestrainer Joachim Löw während des WM-Spiels gegen Südkorea in Kasan/Russland (imago sportfotodienst)
Bundestrainer Joachim Löw während des WM-Spiels gegen Südkorea in Kasan/Russland (imago sportfotodienst)

Christiane Kaess: Die Entscheidung ist gefallen: Joachim Löw bleibt Trainer der deutschen Nationalelf. Darauf hat er sich mit dem Deutschen Fußballbund geeinigt, obwohl die Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland schon in der Vorrunde ausgeschieden ist.

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin und er ist gleichzeitig Sportwissenschaftler. Guten Morgen, Herr Gebauer.

Gunter Gebauer: Guten Morgen, Frau Kaess.

Der Sportsoziologe Gunter Gebauer (imago sportfotodienst)Der Sportsoziologe Gunter Gebauer (imago sportfotodienst)

Kaess: Ein Neustart mit Jogi Löw – geht das überhaupt?

Gebauer: Das wird ja kein Neustart. Es ist so, dass erst mal die Strukturen, die da sind – da gibt es ja sehr gute Strukturen, auch im DFB und in der Nationalmannschaft -, dass die erhalten werden, so wie sie sind, und verbessert werden und angepasst werden an neue Entwicklungen. Das ist im Vorfeld der Weltmeisterschaft ganz offensichtlich nicht passiert.

Kaess: Die Freude darüber, dass er bleibt, die können Sie durchaus nachvollziehen?

Gebauer: Nein! Ich freue mich nicht besonders, dass er bleibt. Aber ich sehe keine Alternative im Augenblick. Es ist so, dass Löw sehr viele Verdienst hat. Darauf kann er sich jetzt nicht ausruhen. Das hat er vielleicht ein bisschen getan. Er hat eine Reihe von falschen Entscheidungen getroffen in Russland. Er hat falsch aufgestellt, er hat, finde ich, sehr passiv gecoacht. Er hat wichtige Spieler nicht rechtzeitig eingewechselt. Das alles habe ich eigentlich nicht recht verstanden, warum er diese Attitüde an den Tag gelegt hat. Aber er ist derjenige, der das alles am besten kennt, und er hat das Vertrauen der Mannschaft, das Vertrauen auch der anderen Spieler, der Bundesliga-Trainer und so weiter, und er kennt dieses ganze System – das ist ja ein sehr umfangreiches System -, das Spieler in die Nationalmannschaft hineinbringt, sehr genau, besser als jeder andere.

Alle Trainer-Talente sind untergebracht

Kaess: Warum gibt es keine Alternative?

Gebauer: Man muss sich einmal umschauen. Die Trainer-Talente, die es gibt in Deutschland, sind alle gerade untergebracht worden. Klopp coacht Liverpool mit ganz großem Erfolg. Tuchel ist in Paris Saint-Germain und verdient wahrscheinlich Millionen, Nagelsmann ist jetzt auch gerade untergekommen, Bayern München hat einen neuen Trainer gefunden. Es gibt auch niemanden, der geeignet wäre, auf dem Markt. Und dann ist das auch für den DFB eine Frage, wie sie sich zu ihren Angestellten verhalten.

Der Bundestrainer ist da ja ein Angestellter des DFB-Präsidiums. Und da ist es die Frage: Ein schwerer Misserfolg reicht, um eine elf- bis zwölfjährige sehr, sehr erfolgreiche Karriere zunichte zu machen. Das widerstrebt eigentlich den DFB-Funktionären. Da herrscht ein bisschen Beamtenmentalität und Ähnliches, was aber nicht unbedingt schlecht ist, wenn man es vergleicht mit Vereinen, die Rucki Zucki ihre Trainer abservieren, um am nächsten Wochenende dann einen neuen Trainer sitzen zu haben. Diese Mannschaft spielt ja nicht alle 14 Tage oder jede Woche, sondern sie spielt gelegentlich mal ein Länderspiel, das sorgfältig vorbereitet wird.

Ich denke mal, das Problem von Löw ist, dass er seine Autorität verbraucht hat. Es gibt zu viel Gegenwind, es gibt zu viel Kritik an ihm, teilweise durchaus berechtigte. Niemand will ihm die Verdienste nehmen. Die Spieler stehen zu ihm. Das ist auch wichtig, weil er ja auch zu den Spielern steht. Da gibt es ein großes Vertrauensverhältnis. Das ist moderne Trainer-Auffassung. Löw inszeniert sich nicht als den großen Magier wie andere Trainer vor ihm. Daher kann man sagen, seine Magie, die er nie hatte, ist auch dann nicht aufgebraucht. Er ist ein sorgfältiger Arbeiter. Das kann er in den Dienst eines Neuaufbaus stellen. Und ich denke mal, so nach etwa einem Jahr könnte er dann die Entscheidung treffen, dass er sich zurückzieht, nachdem er die Weichen neu gestellt hat.

"Er ist jetzt gescheitert"

Kaess: Bei allem, was Sie jetzt gesagt haben, Herr Gebauer, ist erst recht nicht klar geworden, warum ein so historisches Scheitern, so früh aus der WM auszuscheiden, letztendlich so belohnt wird.

Gebauer: Das wird doch nicht belohnt! Er hatte doch den Vertrag schon vorher. Das heißt, er wird nicht bestraft.

Kaess: Ja, gut. Aber er kann weitermachen oder er macht weiter.

Gebauer: Nein, Frau Kaess. Man muss das richtig sehen. Er hatte den Vertrag in der Tasche bis in die 20er-Jahre hinein. Er ist jetzt gescheitert. Und wenn man ihn jetzt entlassen würde, würde man ihn sofort bestrafen. Das ist auch nicht angemessen. Das wird im Bundesliga-Verein gemacht. Da werden Abfindungssummen bezahlt. Vereine, die schon in der Kreide stehen, löhnen dann noch mal locker zehn Millionen Euro, um den Trainer loszuwerden, und geben noch mal so viel Geld aus, um einen neuen Trainer anzuschaffen. Das sind keine guten Strategien.

Ich erinnere mal daran, dass der DFB das schon mal gemacht hat in der Richtung, nachdem Berti Vogts zurückgetreten war. Da gab es dann Erich Ribbeck als Ersatzlösung. Es gab Jupp Derwall; da waren alle heilfroh, dass der endlich weg war. Dann kam Rudi Völler, aber Rudi Völler ist ein guter Manager, aber kein toller Trainer. Und dann endlich, nach einer ganzen Serie von Rausschmissen beziehungsweise Rücktritten, kam dann Klinsmann, der hat total aufgeräumt.

In der entscheidenden Minute nicht geantwortet

Kaess: Jetzt haben Sie in unserem Gespräch schon ein paar Fehler angesprochen, die Löw vorgehalten worden sind. Wie groß ist denn auf der anderen Seite der Anteil der Mannschaft an diesem frühen Ende?

Gebauer: Ja, da sprechen Sie genau das richtige an. Löw ist ja nicht der einzige, der gescheitert ist. Er hatte eine Mannschaft, die in der entscheidenden Minute sozusagen (bis auf das Schweden-Spiel, wo das ja auf die letzte Minute tatsächlich noch geklappt hat) nicht geantwortet hat. Jogi Löw hatte eigentlich immer einen Spieler, der ihn rausgehauen hat. Wenn Sie Spiele nehmen, die Entscheidungsspiele waren und die ganz schwer waren, in denen Deutschland zurücklag, haben wir immer Spieler gehabt, die gekommen sind und dann entschlossen gewesen sind auf dem Feld und ein Tor gemacht haben.

17.06.2018, Russland, Moskau: Fußball: WM, Vorrunde, Gruppe F, 1. Spieltag: Deutschland - Mexiko im Luschnikistadion. Torwart Manuel Neuer aus Deutschland kann den Ball zum 0:1 für Mexiko nicht halten (dpa / picture alliance / Christian Charisius) Torwart Manuel Neuer bei der WM in Russland (dpa / picture alliance / Christian Charisius)

Ich denke vor allen Dingen an das Spiel gegen Algerien bei der letzten Weltmeisterschaft 2014. Da hat Deutschland grottenschlecht gespielt. Es war entsetzlich! Das war so ähnlich wie die Spiele, die wir jetzt gesehen haben. Das ging in die Verlängerung. Algerien hätte zwei, drei Tore schießen können, weil die ganze Abwehr entblößt war, und die Mannschaft ist nur gerettet worden, weil Neuer seine Torwartrolle völlig neu erfunden hat. Der ist ja bis zur Mittellinie rausgelaufen und hat den Ball wieder nach vorne geballert, muss man schon geradezu sagen.

Kaess: Noch ganz kurz zum Schluss. Wir haben nicht mehr viel Zeit, Herr Gebauer. Würden Sie im Rückblick sagen, Jogi Löw hat einfach den besten Zeitpunkt zum Gehen verpasst?

Gebauer: Das ist immer schwer zu wissen, wann der beste Zeitpunkt ist.

Kaess: Zum Beispiel 2014, als Deutschland Weltmeister war?

Gebauer: Da war er aber noch sehr jung und auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und der Wunsch war natürlich, mit dieser wunderbaren Mannschaft, die er geformt hatte und deren Vertrauen er hatte, weiterzuarbeiten. Das wollten die alle! Da war wirklich keine Stimme, die gesagt hat, Herr Löw, überlegen Sie mal, sollten Sie jetzt nicht zurücktreten. - Wohin hätte er gehen können? Sollte er Trainer bei Bayern München werden? – Ich glaube, da wäre er grandios gescheitert.

Kaess: … sagt Gunter Gebauer, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin und Sportwissenschaftler. Danke für Ihre Zeit, Herr Gebauer.

Gebauer: Ja, sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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