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Startseite@mediasresFrauen am Ball21.11.2019

Fußballpodcast "FRÜF"Frauen am Ball

Wenn in deutschen Sportmedien über Fußball gesprochen wird, dann klingt das oft sehr männlich. Dabei zeigt der Podcast "Frauen reden über Fußball", dass es genug Expertinnen gibt.

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Weiblicher Fan bei einem Spiel von Union Berlin im Oktober 2019 (www.imago-images.de)
Der Podcast "FRÜF" setzt der Männerdominanz im Fußball etwas entgegen (www.imago-images.de)

"FRÜF" ist ein Podcast, den nur Frauen machen: insgesamt ein Kollektiv aus über 20 Podcasterinnen, Journalistinnen und Fans verschiedener Vereine.

Kristell Gnahm ist eine der zwei Mitbegründerinnen. Die Idee kam ihr, weil es zwar viele Fußball-Podcasts gibt, aber selten welche, in den Frauen auftauchen: "Unsere Idee war eben über Fußball allgemein zu sprechen, aus einer weiblichen Perspektive."

Keine Sportschau in Rosa

Und zwar frei von Klischees. Die Podcasterinnen sagen, sie würden weder eine Sportschau in Rosa machen noch die Instagram-Profile der Spielerfrauen analysieren. Vielmehr gehe es neben allgemeinen Themen wie dem Abstiegskampf darum, wie die Frauen zum Fußball gekommen seien oder wie sich die Präsenz von Frauen im Stadion anfühle.

"Ich habe manchmal angefangen – wenn die alle singen: ‚Wir sind alles Augsburger Jungs!‘ - dann sag ich: ‚Und Mädels!‘ so in diese Pause."

Mehr Sichtbarkeit für Frauen

In der aktuellen Folge geht es um Expertise im Fußball, denn auch Experten in der Berichterstattung sind in der Regel Männer. In der Bundesliga-Live-Berichterstattung gibt es zwar Moderatorinnen, Kommentatorinnen und Field-Reporterinnen, aber für die Spielanalyse hinterher oder Fragen zu einzelnen Vereinen eben keine Expertinnen. Deshalb soll der Podcast auch Sichtbarkeit schaffen.

"Da wir Frauen sind und wir auch viele Expertinnen in unseren Reihen haben, ist es uns schon auch ein Anliegen, durch das was wir tun einfach zu belegen, dass es vollkommen irrelevant ist, ob das jetzt eine Frau ist oder jemand anderen Geschlechts, der über Fußball spricht. Es geht in der Sache um die Sache."

Folge über Ronaldo besonders erfolgreich

Die monatlichen Folgen erreichen rund 4.000 Downloads, Tendenz: steigend. "FRÜF" erhält darauf anhaltend viel Feedback, mehrheitlich positiv und sachlich. Keine Selbstverständlichkeit im Podcast-Bereich. Vor allem eine Folge hat viele Reaktionen hervorgerufen:

"Thema Cristiano Ronaldo und die Vergewaltigungsvorwürfe, denen er sich ausgesetzt sah, haben wir auch in einer Ausgabe behandelt. Gerade so ein Thema, das einen großen Fußballer betrifft, wo aber auch eine zweite Person beteiligt ist und die ist eben eine Frau. Und ich habe schon den Eindruck, dass wir als Frauen das anders bewertet haben als das große Kollektiv der Fußballfans da draußen."

Ein deutscher Urlauber liest die "Bild"-Zeitung am Strand von Grado an der Adria (picture alliance / Markus C. Hurek) (picture alliance / Markus C. Hurek)Tageszeitungen: Männer schreiben über Männer
Rund zwei Drittel der erwähnten Personen in deutschen Tageszeitungen sind laut Ergebnissen der schwedischen Software "Gendertracker" männlich. Die Tageszeitung "taz" steht dank einer selbstauferlegten Quote vergleichsweise gut da – doch auch in anderen Redaktionen hat ein Umdenken begonnen.

Das findet auch Birgitt Glöckl von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur, eine Initiative, die das Feuilletonistische im Fußball beleuchten will. Sie sagt, spätestens mit dieser Ausgabe habe "FRÜF" auf sich aufmerksam gemacht.  

"Die Vergewaltigungsvorwürfe oder alles, was dahinter steckt, das haben sie auf eine Art und Weise gemacht, die würde ich jetzt – ich will nicht sagen, Männern nicht zutrauen. Aber da hätten Männer in dem journalistischen Herangehen noch ganz andere Hürden zu überwinden."

Pool von Expertinnen

Zum Beispiel, weil es immer schwierig sei, wenn sich Männer zu sexualisierter Gewalt äußern, so Glöckl. Die Podcasterinnen hätten das ausgewogen und glaubwürdig hinbekommen und so eine andere Sichtweise in diese Debatte aus der Fußballwelt eingebracht. Birgitt Glöckl sagt, "FRÜF" helfe damit auch der Akademie für Fußballkultur beim Zusammenstellen von Jurys oder Podiumsdiskussionen:

"Man hat da jetzt einen Pool, in den man einfach nur reingreifen muss. Dieses Argument: ‚Es gibt ja keine Frau, die sich mit dem Thema befasst, wir hätten ja gerne jemand in die Runde eingeladen‘ – das zieht nicht mehr. Die Frauen sind da, die können das. Die bringen auch ganz andere Perspektiven ein in eine Debatte und da sehe ich eigentlich die Hauptchance darin." 

Gegen ein männerzentriertes Fußballbild

Dabei geht es "FRÜF" nicht um explizit weibliche Perspektiven oder weibliche Stimmen. Aber um Stimmen, die reagieren können, wenn andere im Fußball explizit das Männliche betonen – so wie vor dem vergangen Spieltag BVB-Sportdirektor Michael Zorc: "Wir müssen Männerfußball spielen. Wir müssen Kerle sein auf dem Platz, darum wird es gehen."

"FRÜF" sammelt solche Aussagen unter dem Hashtag #eierzopf – ein Wortspiel aus der legendären "Wir brauchen Eier"-Aussage von Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn und alten Zöpfen, die es abzuschneiden gilt. Kristell Gnahm hat entsprechend kein Verständnis für Michael Zorc:

"Was hat denn Michael Zorc damit überhaupt gemeint, was Männerfußball sein soll? Möchte er das unterscheiden vom Jugendbereich oder möchte er es vom Frauenfußball differenziert sehen? Wenn solche Ausdrucksweisen gewählt werden, finde ich es inzwischen so dermaßen aus der Zeit gefallen."

"FRÜF" ist nicht angetreten, um nachhaltig die Fußballkultur zu verändern. Dafür ist der Podcast vermutlich auch nicht massentauglich genug. Aber er ist einer, mit dem nicht nur Fans über den Tellerrand schauen können. Denn Frauen im Fußball - sie waren schon immer da.

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