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StartseiteEuropa heute Sport als soziale und integrative Aufgabe18.08.2016

Fußballverein in Brüssel-Molenbeek Sport als soziale und integrative Aufgabe

Das Brüsseler Viertel Molenbeek hat einen schlechten Ruf: Er gilt als sozialer Brennpunkt und seit den Anschlägen von Paris und Brüssel als Heimat von Terroristen. Vor Ort kämpfen die Menschen gegen das Image. So auch der Brüsseler Fußballverein "Racing White Daring Molenbeek". Er will Jugendlichen Perspektiven bieten.

Von Annette Riedel

Die Spieler des Fußballvereins RWDM feiern nach einem Freundschaftsspiel in Brüssel, aufgenommen 2016 (picture alliance / dpa / Laurie Dieffembacq)
Die Spieler des Fußballvereins RWDM feiern nach einem Freundschaftsspiel in Brüssel. (picture alliance / dpa / Laurie Dieffembacq)
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Brüssel-Molenbeek Ein Stadtteil unter Generalverdacht

Ein nieselig-grauer Frühabend im Stadion Sippelberg, gleich bei der Metro-Station Osseghem in Molenbeek. Auf dem Kunstrasen des Stadion-Runds kicken rund 20 zehn- , elfjährige Jungs. Nachwuchs-Arbeit bei einem der berühmtesten, traditionsreichsten Fußball-Klubs Belgiens. RWDM - Racing White Daring Molenbeek. 

Die Wurzeln des "kühnen" Molenbeeker Vereins reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Es geht ihm und dem Klub in allererster Linie um sportliche Ziele, sagt Thierry Dailly. Aber der Sport hat gerade in Molenbeek auch soziale und integrative Aufgaben. In manchen Vierteln hat weit über die Hälfte der 100.000 Einwohner einen Migrations-Hintergrund. Das Durchschnittseinkommen ist eines der niedrigsten in ganz Belgien. Das Soziale lässt sich vom Sportlichen nicht trennen.

"Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Im Kern sind wir ein Fußballklub. Es geht um den Sport. Daneben haben auch eine wichtige soziale Funktion - gerade hier in Molenbeek. Für die Zukunft der Jugend von Molenbeek vielleicht eine der wichtigsten."

"Der Sport ermöglicht Teilhabe, Liebe, Freunde"

"Je m’appelle Bilal Jacobi. J’ai 15 ans."

"Moi, je m’appelle Thomas Embleue. J’ai 15 ans."

"Moi, j’habite à Molenbeek."

Für einige der Jungs, die meisten augenscheinlich mit einem nordafrikanischen oder schwarzafrikanischen Hintergrund, ist es an diesem Abend das erste Training bei RVDM. Sie wechseln von anderen Vereinen hierher. Jetzt, da die Jugendarbeit wieder aufgebaut wird. Demnächst will der Verein vor dem Training Hausarbeitsbetreuung organisieren, so der Plan gemäß Thierry Daillys Devise, dass Sport und Soziales zusammengehören. 

"Wir wollen die Jungs nach der Schule empfangen, vor dem Training und der Hausarbeitshilfe einen kleinen Imbiss anbieten. Das ist wichtig für die Zukunft des Klubs, letztlich für Brüssel und für Belgien. Man muss sich mit den jungen Leuten beschäftigen. Der Sport sorgt für Abhärtung, vermittelt Werte wie Respekt, Solidarität in der Gruppe. Er ermöglicht Teilhabe, Liebe, Freunde. Er gibt Selbstbewusstsein und das Gefühl Teil eines Projekts zu sein, das trägt." 

Weiterbildung für die Eltern

Zum Tragen kommen soll auch in naher Zukunft die Zusammenarbeit mit einer Brüsseler Personalentwicklungsfirma, erzählt Thierry Dailly. Die könnte, während die Kinder trainieren, den Eltern Weiterbildung anbieten:

"Wir wollen den Eltern helfen, am Arbeitsmarkt zurechtzukommen. Wie man sich bewirbt, wie man einen Lebenslauf schreibt. Es gibt viele Eltern, die kommen mit den Sprachen in Belgien nicht zurecht - also mit dem Französischen oder mit dem Niederländischen - haben aber andere Qualitäten."

Es bringen keineswegs nur sozial schwächere Familien ihre Kinder zum Fußballtraining des Klubs "Racing White Daring Molenbeek". Und nicht alle wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft vom Standort Stadion Sippelberg. Laurence, zum Beispiel, wohnt am anderen Ende Brüssels. Für sie ist es überhaupt kein Problem, nach Molenbeek zu kommen:

"Nicht im Geringsten. Es ist ein Stadtteil wie jeder andere auch. Ich bin Brüsselerin. In jeder Gemeinde gibt es Ecken, die gefährlicher sind als andere. Nur bei Molenbeek denkt jeder jetzt an die Attentate."

"Molenbeek nicht zum Synonym für Dschihadisten machen"

Ja. Wenn der Name fällt, denken viele inzwischen, weit über die Grenzen Molenbeeks hinaus, fast automatisch an Terroristen. Im Zusammenhang mit den Attentaten von Paris und Brüssel führten Spuren der Attentäter immer auch nach Molenbeek. Alle, mit denen ich an diesem Abend am Rande des Fußballplatzes spreche, ärgern sich über das Image, was ihr Stadtteil jetzt hat.

Egal, ob sie hier leben oder sie ihre Kinder nur zum Training hierher zum RVDM bringen - für sie ist Molenbeek weder das Terroristen-Nest, als das es zuletzt häufig, gerade in ausländischen Medien, portraitiert worden ist. Noch ist es ein Getto im Stile der Banlieues der Pariser Vororte. Das sagt auch Patrick Thairet, der technische Direktor des Fußballklubs.

"Wer hier lebt, weiß, dass Molenbeek nicht halb so schlecht ist wie sein Ruf. Den Menschen hier, auch den Politikern, geht es darum zu beweisen, dass allein die Tatsache, dass es hier eine Terroristenzelle gibt und dass mancher Attentäter hier seine Wurzeln hat, noch lange nicht heißt, dass alles schlecht ist! Man darf Molenbeek nicht zum Synonym für Dschihadisten machen." 

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