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StartseiteKommentare und Themen der WocheRuine einer einstigen Wertegemeinschaft08.06.2018

G7-GipfelRuine einer einstigen Wertegemeinschaft

Es sei eine bitter-ironische Volte der Geschichte, dass Angela Merkel mit Spitzenvertretern einer Kommunistischen Partei in zentralen Fragen der Politik mehr Übereinstimmung finde als mit dem US-Präsidenten, kommentiert Stephan Detjen. Wie viel Gemeinsamkeit mit dem Verbündeten bleibe, hänge jetzt vor allem von den Europäern ab.

Von Stephan Detjen

(dpa)
Theresa May wird auf dem Gruppenfoto verloren zwischen Trump und den schwindenden Partnern der EU stehen, meint Stephan Detjen. (dpa)
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1981 war der kanadische Premierminister Kanadas Pierre Trudeau Gastgeber des damaligen G7 Treffens in Ottawa. In trauter Runde saß man am Kamin zusammen und wärmte sich an der Gewissheit, die moralisch und ökonomisch überlegene Seite einer bipolar stabilisierten Weltordnung zu repräsentieren.

37 Jahre später steht Justin Trudeau, der Sohn Pierres, als Gastgeber des heutigen G7 Gipfels vor der Ruine, die von der einstigen Wertegemeinschaft geblieben ist. Die Aufkündigung des Grundkonsenses über eine offenen Handels- und multilaterale Außenpolitik durch den amerikanischen Präsidenten hat dem Westen tragende Elemente seines politischen Fundaments entzogen.

Tiefer kann eine Gesprächskultur kaum sinken

Die letzten Versuche, persönliche Stabilitätsanker im Verhältnis zu den USA zu befestigen, sind vor diesem Gipfel gescheitert. Die schärfste Kritik an Donald Trump kam zuletzt  von Emmanuel Macron, der noch vor wenigen Wochen bei seinem Staatsbesuch in Washington alles dafür gegeben hatte, eine unverbrüchliche Männerfreundschaft mit dem US Präsidenten zu inszenieren. Desillusioniert beklagte sich vor dem Gipfel auch Justin Trudeau über die Abschottungspolitik des großen Nachbarlandes. Donald Trump hatte seine Handelsblockade gegen Kanada zuvor in einem Telefonat mit Trudeau mit dem so irrwitzigen wie historisch falschen Argument verteidigt, Kanada hätte 1812 das Weiße Haus niedergebrannt. Tiefer kann eine Gesprächskultur unter Verbündeten kaum sinken.

Es ist eine bitter-ironische Volte der Geschichte, dass Angela Merkel heute bei Begegnungen mit Spitzenvertretern einer Kommunistischen Partei in zentralen Fragen der Politik mehr Übereinstimmung findet, als mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. So vollmundige Lobpreisungen des Freihandels und Multilateralismus wie bei ihrem jüngsten Besuch in China wird Merkel auf absehbare Zeit im Weißen Haus jedenfalls nicht mehr zu hören bekommen. In der Klimapolitik hatte sich die Bundeskanzlerin schon im vergangenen Jahr als Gastgeberin des G20-Gipfels mit China zusammengetan, um Druck auf die USA auszuüben. Sechs der sieben Gesprächsteilnehmer in Kanada haben allen Grund, sich zu fragen, ob sie nicht mehr Konsens fänden, wenn Xi Jinping anstelle von Donald Trump am Tisch der G7 säße.

Merkel und Macron müssen zusammenhalten

Wie viel Gemeinsamkeit bleibt, hängt jetzt vor allem von den Europäern ab. Auch deren Verwundungen stehen ihnen bei dieser G7-Versammlung sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben: Theresa May wird auf dem Gruppenfoto verloren zwischen Trump und den schwindenden Partnern der EU stehen. Der neue italienische Regierungschef Conte personifiziert den beunruhigenden Vormarsch der Populisten und Nationalisten in den Kernländern der EU. Angela Merkel und Emmanuel Macron bleibt nichts, als sich in dieser Gesellschaft dicht aneinander zu schmiegen. Würde auch ihre Gemeinsamkeit Risse zeigen, würde wahr, was Barack Obama vor zwei Jahren nach seinem Abschiedsbesuch bei Angela Merkel seinen Mitarbeitern gesagt haben soll: "She is all allone now" – sie ist jetzt ganz allein.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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