Donnerstag, 18. August 2022

Der G7-Gipfel von Elmau
Staatstheater und weltpolitisches Drama

Das Treffen der G7 sei auch eine Selbstbeschwörung von Staats- und Regierungschefs gewesen, die ihre Rolle auf einer unübersichtlich gewordenen Weltbühne erst noch finden müssen, kommentiert Stephan Detjen. Der elitäre Club sei nur noch einer unter vielen Akteuren in einem hoch dynamischen Gefüge neuer und alter Mächte.

Ein Kommentar von Stephan Detjen | 28.06.2022

Familienfoto der Staatschefs des G7-Gipfeln mit den Outreach-Gästen, den fünf Gastländern Indien, Indonesien, Südafrika, Senegal und Argentinien
Familienfoto der Staatschefs des G7-Gipfeln mit den Outreach-Gästen, den fünf Gastländern Indien, Indonesien, Südafrika, Senegal und Argentinien (IMAGO/Sven Simon)
Der Gipfel von Elmau war opulentes Staatstheater vor prächtigem Alpenpanorama und weltpolitisches Drama hinter den Kulissen. Mit nicht endendem Händeschütteln, Umarmungen und Demonstrationen unverwüstlich guter Laune wurde die Einigkeit des Westens in Szene gesetzt. Die Aufführung war an einen einsamen Zuschauer adressiert, der zweieinhalbtausend Kilometer entfernt im Kreml sitzt. Niemand weiß, ob und mit welcher Mine Wladimir Putin die Darbietung verfolgte.
Zugleich aber war das Treffen der G7 auch eine Selbstbeschwörung von Staats- und Regierungschefs, die ihre Rolle auf einer unübersichtlich gewordenen Weltbühne erst noch finden müssen. Der elitäre Club ist nur noch einer unter vielen Akteuren in einem hoch dynamischen Gefüge neuer und alter Weltmächte. Die Luft für jeden Anflug westlichen Hochmuts war auch in den bayerischen Alpen dünn.
In scharfem Kontrast zu den Inszenierungen von Einigkeit und Geschlossenheit der G7-Partner stand deshalb die Begegnung mit ihren Gästen aus dem sogenannten globalen Süden. Zusammen repräsentieren die fünf Gastländer mit 1,8 Milliarden Menschen im Vergleich zu den G7 mehr als den doppelten Anteil der Weltbevölkerung. Längst sind Bevölkerungszahlen auch für die Schwellen- und Entwicklungsländer Indikatoren für Machtressourcen und volkswirtschaftliche Potenziale.
Um ihre Kräfte zu entfalten, suchen sich Länder wie Indien, Indonesien oder Senegal ihre Freunde und Förderer auf einem globalen Markt für politische und ökonomische Partnerschaften. Zum Zuge kommt, wer viel zu bieten hat. Das kann heute China, morgen Russland und dazwischen vielleicht auch die G7 sein. Mit großem Selbstbewusstsein werden dem Westen dabei koloniale Sünden, Ignoranz und Doppelmoral aus einer gar nicht fernen Vergangenheit in Rechnung gestellt. Die G7 müssen Geld, Überzeugungskraft und auch die Fähigkeit zu kritischer Selbstreflexion aufbringen, wenn sie beweisen wollen, dass Partnerschaften mit dem Westen von substantiell anderer Qualität sind als lukrative Deals mit den autoritären Potentaten in Moskau oder Beijing.
In ihrem Abschlussdokument versprechen die G7 Milliardenhilfen zur Bekämpfung von Ernährungskrisen. 600 Milliarden stellen sie für Infrastrukturprojekte in südlichen Partnerstaaten in Aussicht. Bis 2035 soll die Stromerzeugung „ganz oder weitgehend“ ohne fossile Brennstoffe gelingen. Das sind ambitionierte Ziele. Kanadische Wissenschaftler haben den G7 bestätigt, in der Vergangenheit gut 90 Prozent ihrer Versprechen gehalten zu haben. Das kann der Grundstock für ein Vertrauenskapital sein, mit dem der Westen wirtschaften kann. Doch um ökologische Lebensgrundlagen, Werte und Freiheiten demokratischer Gesellschaften zu sichern, sind gigantische Investitionen in härteren Währungen erforderlich: Geld, militärische Abschreckungsmacht, Aufmerksamkeit und Interesse für andere Perspektiven und Erfahrungen. Die Veränderungen, die das für die westlichen Gesellschaften auf allen Ebenen bedeutet, haben gerade erst begonnen.
Stephan Detjen
Stephan Detjen
Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.