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StartseiteUmwelt und VerbraucherWeniger Antibiotika-Einsatz im Stall gefordert09.06.2015

G7-GipfelWeniger Antibiotika-Einsatz im Stall gefordert

Die G7-Staaten haben verabredet, den Einsatz von Antibiotika einzuschränken, um Resistenzen zu verhindern. Reinhild Benning vom Umweltverband BUND hält die Beschlüsse für zu schwammig und unzureichend. Sie forderte im DLF: "Wir brauchen in Deutschland und Europa ein konkretes Senkungsziel für den Antibiotika-Einsatz im Stall."

Reinhild Benning im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Eine Zuchtsau steht am in einem Schweinemastbetrieb vor ihrer Box. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Viele Tiere würden die Schlachtbank nur durch die Vergabe von Antibiotika erreichen, sagte Reinhild Benning vom BUND. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
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Susanne Kuhlmann: Dass es das Thema Antibiotika-Resistenz zum Gipfelthema in Elmau geschafft hat, ist ein Zeichen für die Bedeutung des Problems. Immer häufiger kommt es vor, dass Menschen an eigentlich gut behandelbaren Erkrankungen sterben, weil kein Antibiotikum anschlägt. Die Ursachen dafür sind an zwei Stellen zu suchen: in den Arztpraxen und in den Tiermast-Ställen. Menschen und Masttiere bekommen viel zu viel Antibiotika und Krankheitskeime gewöhnen sich an ihre Widersacher, die Waffe wird wirkungslos. Die sieben führenden Industriestaaten verabredeten gestern, den Einsatz von Antibiotika einzuschränken. Am Telefon ist Reinhild Benning, Agrarexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz. Guten Tag!

Reinhild Benning: Guten Tag, Frau Kuhlmann.

Kuhlmann: In der Tiermast werden doppelt so viele Antibiotika verabreicht wie in Arztpraxen. Lässt sich daraus ableiten, dass dort auch das größere Problem liegt?

Benning: Daraus lässt sich nicht ableiten, dass die Tiere kranker sind als die Menschen, aber es lässt sich daraus ableiten, dass die Haltung der Tiere nicht gut ist. Viele Tiere erreichen die Schlachtbank nur, weil sie Antibiotika bekommen. Sie werden zu eng gehalten und die Zucht ist so intensiv, dass die Belastung der Tiere oft zu Krankheiten führt. Daher ist schon im Stall anzusetzen, wie Sie schon sagten. Dort wird der Großteil der Antibiotika eingesetzt.

"Allein die Zucht auf Hochleistung kann jetzt nicht mehr das Ziel sein"

Kuhlmann: Was genau müsste sich ändern?

Benning: Die Tiere müssen mehr Platz erhalten, die Zucht muss neue Ziele ausrufen. Allein die Zucht auf Hochleistung kann jetzt nicht mehr das Ziel sein, denn wir haben gesehen, das Rad wurde überdreht. Die Tiere werden physiologisch überfordert und benötigen dann umso mehr Medikamente. Hier brauchen wir neue Zuchtziele, etwa auf die Gesundheit der Tiere, auf die Langlebigkeit und zum Beispiel den geringsten Antibiotika-Bedarf. Zum Zweiten brauchen wir bessere Tierhaltungsregeln. Das heißt, wir müssen starke und strenge Vorgaben machen für Platz je Tier. Auslauf und Weidehaltung müssen bessergestellt werden.

"Die USA haben sich auf dem G7-Gipfel bewegt"

Kuhlmann: Noch gibt es ja keine verpflichtenden Ziele für die Landwirtschaft. Aber die Bundeskanzlerin sagte gestern, Antibiotika sollten weltweit verschreibungspflichtig werden. Wissen Sie, wie die Situation in den US-amerikanischen Mastställen aussieht?

Benning: Ja. Leider sind dort Antibiotika als Wachstumsförderer noch immer erlaubt. Auch die prophylaktische Gabe von Antibiotika ist dort erlaubt. Das führt zu einem Einsatz von etwa 250 bis 300 Milligramm PCU pro Kilogramm Fleisch. Zum Vergleich: In Deutschland werden 205 Milligramm Antibiotika eingesetzt, also nicht sehr viel weniger, aber doch ein bisschen. Und das weist darauf hin, die USA haben sich auf dem G7-Gipfel bewegt. Sie sagen, wir möchten Antibiotika als Wachstumsförderer überdenken. Aus Deutschland und der EU fehlt uns ein solches neues Ziel. Daher sehen wir den EU-Gipfel als enttäuschend an. Wir hätten uns mehr gewünscht, als nur die Verschreibungspflicht als Ziel auszurufen, denn das ist ja hierzulande schon der Fall. Wir brauchen in Deutschland und Europa ein konkretes Senkungsziel für Antibiotika-Einsatz im Stall und die EU-Vorschläge für Antibiotika im Futter, diese zu liberalisieren, dies muss auf der Stelle gestoppt werden.

"Wir alle können uns an die Nase fassen"

Kuhlmann: Noch kurz zum zweiten Schauplatz, den Arztpraxen. Was müsste sich dort ändern?

Benning: Wir alle können uns an die Nase fassen, ob wir in Arztpraxen vielleicht einmal zu viel Antibiotika thematisiert haben als Mittel, das uns doch helfen soll. Ich denke, seitens der Ärzte sind inzwischen hervorragende Vorschläge auf dem Tisch, so etwa ein Antibiogramm zu machen, das heißt, genau zu testen, welcher Krankheitserreger ist denn überhaupt vorhanden, und dann auch das passende Medikament dafür zu finden. Das muss sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tiermedizin die Regel werden. Dann würden automatische Antibiotika nur noch sehr gezielt eingesetzt werden und das würde sicherlich am besten für eine Verringerung des Einsatzes und zu einer besseren Gesundheit beitragen.

Kuhlmann: Zumal ja viele Erkrankungen gar nicht auf Bakterien beruhen.

Benning: So ist es. Oft kommen wir mit einer Viruserkrankung zum Arzt und dennoch wird ein Antibiotikum verschrieben. Das hat sich bei Untersuchungen deutlich gezeigt. Das heißt, wir können erheblich sensibler werden und damit den Antibiotika-Einsatz senken und Resistenzen damit ebenfalls zurückfahren. Aber bei mehr als der doppelten Menge Antibiotika im Stall sehen wir hier doch die größten Herausforderungen, und da hat die Bundesregierung noch keinen Schritt zu verpflichtender Senkung bei Antibiotika im Stall vorgenommen. Das fehlt uns noch.

Kuhlmann: Zu viele Antibiotika in Mastställen und Arztpraxen - die Position des BUND war das von Reinhild Benning. Ihnen vielen Dank nach Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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