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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)„Abair Amhrán“ - „Give us a Song“03.01.2020

Gälische Sprache und Lieder„Abair Amhrán“ - „Give us a Song“

An der Westküste Irlands wird Gälisch noch alltäglich gelebt, dort sind traditionelle gälische Lieder zwischen zarter Melancholie und aufregender Rhythmik tief verwurzelt. Neben traditioneller Musik thematisieren aktuelle Bands und Singer/Songwriter auf Gälisch Gesellschaftskritik.

Am Mikrofon: Harald Jüngst

Vier Männer stehen vor einer Steinmauer. Vor ihnen sitzt eine Frau in einem geblühmten Kleid. (Colin Gillen)
Die Band Goitse wurde in Limericks Irish World Akademy gegründet. (Colin Gillen)

Musik:  "Ta Se Na La"

"Es ist der Tag der Liebe.Es ist der Tag des Zusammenkommens für alle Menschen auf der ganzen Welt. Es ist an der Zeit den Frieden miteinander zu teilen, trotz Herzschmerz und tropfender Torheit. Wir alle besitzen eine Fülle von Kultur und geistigem Reichtum. Wir teilen die Wärme der Sonne und die magische Helligkeit des Mondes. Ein feiner, sanfter Wind weht als Geist des Universums."

Aine McGeeney vermittelt gälische Vokalklangpracht: Mit ihrer Band Goitse schärft sie die Sinne für die Komposition der großen irischen Songpoetin Eithne Ni Uallachain. Lediglich rund 70.000 Menschen und damit nur knapp zwei Prozent der irischen Bevölkerung sind Gaelic Speakers, die ihre Sprache alltäglich leben und pflegen. Vor allem an der Westküste Irlands, in Minirandgebieten, die man Gaeltacht nennt, bieten Gaelic Speakers der sonst so übermächtigen anglophonen Sprachwelt bis heute Paroli.

Keine Vokabel für Ja oder Nein

Und diese Sprache ist speziell. So gibt es z.B. keine Vokabeln für Ja oder Nein, sondern man antwortet immer in kompletten, umschreibenden positiven oder negativen Sätzen.

Abair Amhrán, "Give us a Song" – "Schenk uns ein Lied"

Der irische Musikwissenschaftler und Sänger Aodh Mac Ruairi erläutert diese gälische Aufforderung und Bitte.

Aodh Mac Ruairi: "Wir visualisieren einen Song als physische Gegebenheit. Wir personalisieren dessen Existenz und Wirkung. Da lebte hier Nelly Mhici Huidi. Das arme Mädchen war blind und hatte unser Dorf Ranafast nie verlassen. Ihr Vater ging regelmäßig als Saisonarbeiter rüber nach Schottland."Was soll ich dir dieses Jahr aus Schottland als Geschenk mitbringen?", fragte er seine Tochter. Und sie sagte: "Schenk mir ein Lied!" Dieses Lied bedeutete für sie etwas Physisches, ein Geschenk aus Schottland. Man gibt so etwas weiter, das ist hier die Norm."

Aber Aodh Mac Ruairi ist nicht nur Wissenschaftler, als Ire singt er natürlich auch gerne selbst, in der Familienband Clan Mac Ruairi. Gemeinsam mit drei Brüdern und einer Nichte interpretiert er traditionelle gälische Lieder mit sparsamer Instrumentierung aber opulenten Vokalharmonien.

Musik : "Maire Bhruinneal"

Trotz numerischem Minimalstatus ist Gälisch immer noch Pflichtfach in allen irischen Schulformen und gleichzeitig auch die Amtssprache der Insel. Das irische Gälisch, Gaeilge ist übrigens sprachverwandt mit dem schottischen Gälisch Scotch Galic sowie mit dem auf der Isle of Man nur noch rudimentär existierenden Manx. Der britische Kolonialismus inklusive Stigmatisierung und Ächtung  traditioneller Musik und ihres Instrumentariums  sowie die große Hungersnot der 1840er-Jahre hatten die Zahl der Gaelic Speakers in Irland dramatisch reduziert und in die entlegensten Westküstenregionen von Donegal, Galway, Cork und Kerry zurückgedrängt. Aodh Mac Ruairi beleuchtet die pragmatische Psyche der dortigen Bevölkerung.

Die Sprache der Armen

"Gälisch war die Sprache der Armen. Die Menschen hielten sich ans Englische, weil damit Wohlstand, Arbeit und Geld verbunden war, um ihre Familien anständig zu ernähren.Heutzutage kannst du hier mit Gälisch einen ordentlichen Job bekommen. Bilingual zu sein bedeutet kein Problem mehr. Das alte Minderwertigkeitsstigma ist nun passé. Man erfährt sogar Vorteile. Zweisprachige Kinder haben es leichter, eine dritte Sprache zu erlernen. Das ist sogar wissenschaftlich bewiesen. So wurde nun Gälisch im multilingualen Kontext sogar zu einem vorteilhaften Element."

Nichtsdestotrotz ist ein Rückzug der gälischen Sprache in den Küstengebieten zu beobachten. Gleichzeitig aber entstehen in den englischsprachigen, meist urbanen Landesteilen viele neue Gaelscoils. Viele Eltern nutzen dort diese gälischsprachigen Schulen, um ihre Kinder multilingual für die Zukunft aufzustellen. Sean-nos heißt der archaische traditionelle Gesangsstil des gälischsprachigen Irlands. Hauptsächlich drei Charakteristika machen den Sean nos Gesang aus. Er wird in Gälisch gesungen, ausschließlich von einer Solostimme vorgetragen und dann auch noch ohne Instrumentalbegleitung. Sean-nos ist sehr monoton, passiert ohne regelmäßige Beats oder Timing. Dieser Stil entwickelte sich nämlich in einer Region, in der Instrumente keine Rolle spielten. Folglich war das Timing überflüssig. Es war ausschließlich dem Sänger überlassen, in welchem Tempo er das Lied vortrug. Außerdem haben die Interpreten aufgrund ihres sehr individuellen Vortrags nie ein Lied zwei Mal in derselben Art und Weise vorgetragen. Conny Mhary Mhici Gallagher gilt als einer der herausragenden Interpreten des Sean-nos Gesangs.

Musik: "Is fada liom uaim I"

Seit 1972 ist Raidio na Gaeltachta On Air und versorgt die Bevölkerung rund um die Uhr mit Nachrichten, Unterhaltung, Sport, Politik, Klatsch und Tratsch sowie Wettervorhersagen, ausschließlich in Gälisch und selbstverständlich mit gälischen Songs und das nicht nur in den reinen Musikprogrammen. Moderatorin Aine Ni Bhreaslain ist als Musikredakteurin auch gleichzeitig für die Playlists des Senders verantwortlich. Stolz vertritt sie die Songs ihrer Heimat.

Aine Ni Bhreaslain: "Es gehört zu unserer Tradition, Songs von Generation zu Generation weiterzugeben. Viele Lieder sind älter als 200 Jahre und reichen zurück bis zu den Zeiten der großen Hungersnot. Sie erzählen von unseren Vorfahren, von unserem Landstrich hier an der Westküste, berichten von wichtigen Ereignissen, von Auswanderung, Elend, Tod, aber sie erzählen auch von Lebensfreude und sie erinnern an fast vergangene Bräuche wie Ehevermittlung und Hochzeitsriten. Diese Lieder sind sehr wichtig, weil sie uns mit unserem kulturellen Erbe und unserer Sprache verbinden. In diesen Songs finden wir auch oft alte gälische Wörter, die aus unserer Alltagssprache fast schon verschwunden sind. So bereichern diese Lieder unsere Identität immens."

Gälisch-Unterricht in den Sommerferien 

In den Gaeltacht-Regionen wird vor allem in den Sommerferien Gälisch unterrichtet. Schülerinnen und Schüler reisen aus den englischsprachigen Gegenden Irlands an und leben  zur Alltagssprachförderung in den örtlichen Familien der Gaelic Speakers. Grainne Holland aus Belfast hat dort in ihrer Jugend ebenfalls regelmäßig ihr Schulgälisch kräftig aufpoliert und zwar in dem Colaiste Bhride in Ranafast. Sie kann sich nun in dieser Sprache fließend bewegen und auch in den Songs. Mittlerweile ist sie als Profi-Folk-Sängerin unterwegs. Ihr Song "Sloite na bhFiann" ist ein politisches Lied, eine melancholische Ballade aus den Zeiten des irischen Freiheitskampfes.

Musik: "Sloite na bhFiann"

In unregelmäßigen Abständen besucht die Schulaufsicht die Bildungseinrichtungen im Gaeltacht und überzeugt sich von der gälischen Sprach- und auch Sangeskompetenz. Diese Maßnahme soll die staatlichen Förder- und Subventionsmaßnahmen für diese Regionen legitimieren. Dann gibt´s auch noch Kulturzentren wie An Crann Og im Ort Gweedore. Die Organisatoren laden regelmäßig zu Song-Sessions ein. Die Top-Interpreten tragen ihre Lieder durch ganz Irland und darüber hinaus. Landesweite Songwettbewerbe bei den großen und renommierten Fleadh Cheoil und Oireachtas Festivals motivieren Jung und Alt die irischen Traditionen lustvoll und bewusst zu leben.Denn eins steht fest. Die bereits erwähnte geringe Zahl der täglichen Gaelic Speakers wird um ein Vielfaches von den Iren und Irinnen übertroffen, die sich mit den gälischen Songs interpretierend identifizieren.

Aine Ni Bhreaslain von Raidio na Gaeltachta weist auf eine weitere Vokalkunst hin.

"Eine weitere Liedtradition wird hier als Aisling bezeichnet. Dabei geht‘s um Träume, Visionen und Wünsche. In unserer irischen Geschichte gibt es Poeten, die mitteilten, dass Wesen aus der Anderswelt kommen würden, um Irland zu befreien. Wie zum Beispiel der legendäre Bonnie Prince Charlie. Man wartet auf seine Rückkehr und damit auf die Befreiung Irlands, damit die Menschen hier ihre gälische Kultur leben können. Dieses Lied kann man nur verstehen wenn man Gälisch spricht. Viele Songs in unserer Sprache sind in diesem Aisling-Stil geschrieben. Sie enden meistens damit, dass der Poet aufwacht und feststellt: Alles war nur ein Traum und wir werden noch weitere 100 Jahre warten müssen bis das Gewünschte Realität wird."

Ein Mann mit gelocktem Haar blickt in die Kamera (John Spillane)John Spillane ist gälischer Singer und Songwriter (John Spillane)

Und auch der britische Weltstar Sting zeigt ein besonderes Faible für das Gälische. Er hat gemeinsam mit der traditionellen irischen Folkband The Chieftains einen Titel eingesungen.

Musik: "Mo Ghile Mear"

Exportpionier der gälischen Sprache und Lieder war die Familienband Clannad aus der nordwestirischen Region Gweedore. Schon in den 1970er Jahren pflegten sie den damals nicht üblichen Harmoniegesang und versahen die traditionellen Lieder mit modernen, soft-jazzigen Arrangements. Clannads experimenteller musikalischer Zugang kombinierte ganz besonders zarte Harfenklänge, opulente Keyboardteppiche und fein abgestimmte Vokalpower. Später komponierten sie dann auch selbst. 1984 entstand "Harry‘s Game". Dieser Song des gleichnamigen Politthrillers verschaffte der Band mit einem gälischen Lied den internationalen Durchbruch und erreichte sogar die Top Ten der britischen Charts. Die Band begann nun so zu werden wie sie das Publikum außerhalb der Folkszene liebte. Der stilistische Wandel von Clannad der 1970er Jahre zu den 1980ern war einer von atmosphärischem Jazz-Folk zu kommerziellerem New Age Synthie-Pop. Zur Clannad-Familien-Band gehörte auch eine gewisse Enya, bevor sie ihre Solokarriere startete und weltberühmt wurde. Um die Band ist es seit geraumer Zeit ruhig geworden. Ab April ist allerdings zum endgültigen Bühnenfinale eine Abschiedswelttournee geplant. Der vokale Markenkern von Clannad heißt Maire Brennan. Die Frontfrau als First Lady of Celtic Music geadelt, hat immer schon neben ihren Bandaktivitäten Solopfade beschritten. Live und auf Studioproduktionen. Inzwischen hat sie sich auch als renommierte Songwriterin etabliert.

Maire Brennan: "Ich mag Lieder zu schreiben, die verschiedene Bedeutungen haben aus denen dann die Zuhörer ihre eigenen Schlüsse ziehen können. Ich schreibe keine Balladen, bin keine Erzählerin und auch keine Poetin. Ich liebe Emotionen, die ich aus den alten gälischen Liedern nehme, mit denen ich aufgewachsen bin. Diese beschreiben Orte, Atmosphären, Berge, Meer, Bäume, die ganze Natur zieht mich in ihren Bann und lässt meine eigenen Gedanken spielen. Und genau dort verorte ich mein Songwriting."

Musik: "Is Cuma"

Das Quintett Altan gehört seit Mitte der 1980er-Jahre mit seiner furiosen Interpretation der Musik der Region Donegal zu den erfolgreichsten Acts der irischen Folkszene. Dieser stark schottisch beeinflusste Fiddlestil erscheint durch Altan in zeitgenössischem Gewand. Oft  hat man Altan als legitime Thronfolger der legendären und charismatischen Bothy Band eingestuft, denn nie zuvor wurden Instrumentals mit mehr Drive interpretiert. Altan’s  Sängerin Mairead Ni Mhaonaigh verleiht mit ihrer glockenhellen Sopranstimme, die durchaus zu getragener Melancholie und jazzigen Untertönen fähig ist, alten gälischen Liedern einen modernen fast chansonartigen Charakter. Mairead Ni Mhaonaigh und die besondere Reimform gälischer Songpoesie.

Mairead Ni Mhaonaigh: "Menschen aus anderen Ländern beschreiben eine stark akzentuierte, innere Poesie als besondere Attraktivität der gälischen Lieder. Und in der Tat, ganz speziell gibt‘s in unserer alten Dichtkunst diesen inneren Reim. Man hört in dem Reim diese Wellen. Diese Wellen dienen als Schemata um den Klang musikalischer zu gestalten. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur englischen Poesie mit ihren Endreimen. Bei unserer Binnenreimform werden übrigens ganz besonders die Vokale als musikalisches Elemente benutzt."

Auf ihrer letzten Solo-CD hat Mairead Ni Mhaonaigh auch einen eigenen Song eingespielt.

"Mein Lied erzählt von Mo Nion O, übersetzt Meine Tochter. Ich habe dieses Lied als privilegierte, späte Mutter geschrieben. Ich war bei der Geburt nämlich schon 45!. Dieses Lied beschreibt, welche großartige und totale Veränderung dies für mein Leben bedeutete. Gleichzeitig beschreibe ich in diesem Song unsere wunderschöne Landschaft, in der sie aufgewachsen ist, die auch von Kindheit an meine Heimat ist. Ich erwähne ganz explizit unseren herrlichen Strand An Tra bean, den wir seit ihrer Babyzeit entlang spazieren. Und so heißt es in der Schlusszeile meines Liedes: Vergiss nie Deine Fußspuren im dem Sand von An Tra bean. Von dort kommst du, hier liegen deine Wurzeln.

Musik : "Mo Nion Ó"

Die Radiomoderatorin Aine Ni Bhreaslain schildert ihre Momentaufnahme zeitgenössisch, gälischer Songaktivitäten.

Rap auf gälisch

Aine Ni Bhreaslain: "Mittlerweile gibt es jede Menge gälischsprachiger Singer/Songwriter, die schreiben in Folk-Traditionen, präsentieren Popmusik, Leute wie Roisin aus Galway interpretieren Rock. Es gibt Rap-Künstler wie Kneecap oder MC Muppet. Da sind Bands wie Imre, die unsere Sprache zeitgenössisch einsetzen, mit eigenen Beats, Vokalharmonien, eigenwilligen Sounds und eingebettet in moderne Arrangements. Das wird immer populärer. So was hält unsere Sprache und Traditionen lebendig und entwickelt sie gleichzeitig weiter. Das ist natürlich ganz besonders relevant für unsere junge Hörerschaft".

John Spillane gilt als etablierte Stilikone für gälisches Songwriting. Spillane bedient sich dabei eines breit gefächerten akustischen und elektrischen Instrumentariums. Dabei begann für ihn alles gar nicht mit traditioneller Musik, sondern mit Rock und Pop. Diese Genres erst öffneten und stimulierten seine Kreativkanäle. Mittlerweile hat er zehn Alben veröffentlicht. Seine CD "The Gaelic Hit Factory" treibt die alte Sprache in neue Dimensionen. Die gälische Sprache stirbt nicht aus, im irischen Alltag lebt sie weiter. Und in der Musik.

Musik: "Inghean"

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