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StartseiteForschung aktuellGalileo an Bord19.10.2011

Galileo an Bord

EU-Satellitennavigationssystem startet mit einer Soyuz-Rakete ins All

Europas Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana erlebt eine doppelte Premiere: Dort, wo sonst nur die Ariane abhebt, startet erstmals eine russische Soyuz-Rakete. An Bord sind zwei Satelliten für das Satellitennavigationssystem Galileo, das nun endlich Fahrt aufnehmen soll.

Dirk Lorenzen im Gespräch mit Uli Blumenthal

Der Soyuz-Startkomplex im Urwald bei Kourou ( Esa)
Der Soyuz-Startkomplex im Urwald bei Kourou ( Esa)
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Uli Blumenthal: Ist es ein Risiko, bei einem Jungfernflug gleich so wertvolle Fracht an Bord zu haben?

Dirk Lorenzen: Dies ist zwar der erste Flug einer Soyuz von Kourou aus, aber es ist kein echter Jungfernflug. Diese Rakete ist von den Russland genutzten Weltraumbahnhöfen Baikonur und Plesetsk aus mehr als 1700mal erfolgreich gestartet. Das ist also Technik, die sich seit Jahrzehnten bewährt hat, wobei es auch bei der Soyuz immer wieder Modernisierungen in kleinen Schritten gegeben hat. Zudem könnte man sagen, dass ein Verlust bei Galileo – sollte nun doch etwas schief gehen – fast noch zu verschmerzen wäre; denn diese beiden Satelliten morgen sind nur zwei von 30, die langfristig gebraucht werden.

Blumenthal: Die Soyuz war bisher schon sehr erfolgreich in Baikonur. Kann man eine Rakete einfach verpflanzen?

Lorenzen: Im Prinzip ja. Die Physik, die eine Rakete nach oben bringt, ist überall gleich. Natürlich braucht man vor Ort die geeigneten Startanlagen, man muss die Rakete dort für den Start vorbereiten können. Man braucht Einrichtungen zur Kontrolle des Starts etc. Ganz wichtig ist, die Steuerungssoftware der Rakete an den anderen Startplatz anzupassen. Der Start morgen ist der Höhepunkt nach sechseinhalb Jahren Bauzeit, bei dem es viele Verzögerungen gab. Die Soyuz und alle Einrichtungen mussten so gebaut werden, dass sie mit der tropischen Schwüle klarkommen. Herausgekommen ist in gewisser Weise die beste Soyuz, die es je gegeben hat. Denn Französisch-Guayana liegt viel näher am Äquator also Baikonur. Dort dreht sich die Erde viel schneller als in höheren Breiten und so bekommt die Rakete von Natur aus mehr Schwung mit. Dieselbe Soyuz, die in Baikonur knapp zwei Tonnen in die Umlaufbahn trägt, schafft von Südamerika aus drei Tonnen – gut 50 Prozent mehr!

Blumenthal: Warum startet die Soyuz nicht von einer Ariane-Startrampe aus?

Lorenzen: Jede Rakete hat ihre Eigenheiten. Die Startrampe ist da stets maßgeschneidert. Die Startrampe für die Soyuz ist in vielem eine perfekte Kopie von Baikonur. Vor allem bei der großen Aushöhlung unter der Startrampe, durch die beim Start die Abgase und Druckwellen abgeleitet werden, ist das der Fall. Als ich mir die Anlage vor einiger Zeit mal angesehen habe, erzählte mir einer der Ingenieure, man habe bei der Betonkonstruktion alles genau so gemacht wie in Baikonur. In Baikonur gibt es ein paar Hohlräume im Beton, die man ursprünglich mal weitere Räume nutzen wollte. Das hat man zwar nie gemacht – aber an der gleichen Stelle hat man auch in Kourou Hohlräume eingebaut. Da ist man wohl fast abergläubisch.

Blumenthal: Stehen die Soyuz-Anlagen dort im Urwald genau neben der Ariane?

Lorenzen: Nein, man ist über zehn Kilometer entfernt. Ein Grund ist, wie man hört, Druck von amerikanischer Seite. Die Vereinigten Staaten hatten aufgrund ihrer restriktiven Bestimmungen zum Technologieexport darauf bestanden, dass der Soyuz-Startplatz weit von der Ariane-Rampe entfernt sein müsste. Sonst hätten womöglich US-Kommunikationssatelliten nicht mehr mit der sehr genau und zuverlässig arbeitenden Ariane-Rakete starten dürfen, weil man Spionage durch russische Teams fürchtete. Das sorgte für Kopfschütteln bei den Experten und hat wohl weniger mit nationaler Sicherheit als mit Schikane für die Konkurrenz zu tun. Doch das Soyuz-Projekt ließ sich nicht stoppen. Kuriosum am Rande: Der Soyuz-Startplatz liegt nun offiziell nicht mehr auf dem Gebiet von Kourou, sondern in der Gemeinde Sinnamary. Aber man spricht weiter vom Weltraumbahnhof Kourou.

Blumenthal: Werden die Raketen vor Ort gebaut?

Lorenzen: Die Raketen werden in großen Segmenten per Schiff von Sankt Petersburg aus nach Südamerika transportiert. Das klingt aufwändig, ist aber das übliche Verfahren. Auch die Ariane wird von Frankreich aus verschifft. Im Weltraumzentrum in Kourou werden die Segmente zusammengesetzt, die Rakete aufgerichtet, betankt und die Nutzlast wird eingebaut. Vor Ort sind große Teams der beteiligten Firmen und Agenturen aus Russland. Die nächsten Soyuz-Raketen liegen auch schon bereit – man setzt auf etwa vier Flüge pro Jahr.

[Warum wurde die Soyuz überhaupt nach Kourou geholt'
Das war eine strategische Entscheidung der Europäer. Zum einen möchte man gerne mit den Russen enger zusammenarbeiten. Zum anderen ergänzt die Soyuz-Rakete ideal das Angebot der Ariane-Rakete. Für manche Aufgaben ist die Ariane einfach zu groß. Diesen Bereich deckt jetzt in Kourou die Soyuz ab – politisch und wirtschaftlich eine interessante Lösung.]

Blumenthal: Die Russen starten mit Soyuz-Raketen ihre Kosmonauten ins All. Sind auch bemannte Flüge von Kourou aus vorgesehen?

Lorenzen: Nein, derzeit nicht. Sicher haben manche Raumfahrtstrategen die bemannten Flüge im Hinterkopf. Es wurde auch in Kourou alles so großzügig gebaut, dass man die Anlagen ohne große Mühe so erweitern könnte, dass Menschen von dort ins All fliegen. Das geschieht aber sicher nicht in den kommenden gut fünf Jahren. Aber wer weiß, wie es 2020 in Kourou aussieht. Doch bevor solche Träume in den Himmel wachsen, muss erst einmal morgen das Routinegeschäft eines unbemannten Starts klappen.

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