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StartseiteInterview"Das ist ein Versagen des Finanzmarktes" 03.02.2021

Gamestop und die Folgen"Das ist ein Versagen des Finanzmarktes"

Was bei den Gamestop-Aktien geschehen sei, sei "eigentlich ein Marktunfall, der so nicht passieren sollte", sagte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim im Dlf. Es handele sich um ein systemisches Versagen, das eingebaut sei in die sogenannten Short Sales, die Leerverkäufe.

Hans-Peter Burghof im Gespräch mit Sandra Schulz

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Die Kurse von Gamestop, AMC und der Silberpreis fallen wieder (dpa / STRMX)
Der Kurs der Gamestop-Aktien auf einem Smartphone (dpa / STRMX)
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Die massiven Kursschwankungen der Aktie des US-Videospiele-Händlers GameStop und auch anderer Werte haben in der vergangenen Woche für große Unruhe an den Aktienmärkten gesorgt. Kleinanleger in den USA hatten sich organisiert und den Kurs der Gamestop-Aktie in die Höhe getrieben. Sie durchkreuzten damit die Pläne mächtiger Hedgefonds. Mit sogenannten Leerverkäufen hatten diese auf fallende Gamestop-Kurse gewettet. Wegen der massiven Kursschwankungen blockierten Online-Plattformen zeitweise den Handel mit der Aktie. Und Anfang der Woche hielten dann Börsenfachleute noch mal die Luft an, weil sich am Silbermarkt eine ähnliche Dynamik zumindest abzuzeichnen schien. Der Silberpreis stieg auf ein Acht-Jahres-Hoch, verlor dann gestern aber wieder.

Die Hedgefonds hätten mit ihrem Vorgehen übertrieben, sagte Professor Hans-Peter Burghof vom Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen der Universität Hohenheim. Sie hätten mit ihren Leerverkäufen bei Gamestop "mit aller Gewalt in eine Richtung gezogen". Diese Leerverkäufe zumindest zu begrenzen, sei Aufgabe der Marktaufsicht. Das hätte sie auch "vorher schon tun können und sollen, hat sie offenbar nicht hinreichend getan", sagte Burghof. Das sei ein Versagen des Finanzmarktes, ein systemisches Versagen, "das eingebaut ist in diese Konstruktion der Short Sales, der Leerverkäufe". 

Aber auch die Kleinaktionäre hätten irgendwo das Maß verloren. "Man kann die Gegenmeinung haben, aber man darf natürlich den Preis nicht irgendwo ins Nirwana schießen damit." Die Frage sei nur, ob das absichtlich oder versehentlich geschehen sei. Wenn das Absicht war, "dann ist das ganz klar eine Marktmanipulation, also ein Verbrechen. Da sind wir im Strafrecht". Wenn es hingegen einfach so passiert sei, dann "wird es schwierig". 

Das Logo von WallStreetBets im Reddit-Forum  (dpa / STRMX)Das Logo von WallStreetBets im Reddit-Forum (dpa / STRMX)


Sandra Schulz: Ins Rollen gekommen ist alles mit der Aktie des US-Videospiele-Händlers Gamestop – in diesem Fall ein durchaus sprechender Name. Ist das jetzt so was wie eine Revolte der Kleinanleger gegen die Hedgefonds?

!!Hans-Peter Burghof: Zumindest als solche inszeniert. Allerdings muss man dazu sagen: Das Instrument, das dazu eingesetzt wird, nämlich einen Short Squeeze zu erzeugen – ich werde wahrscheinlich nachher noch mal kurz erklären, was das ist …

Schulz: Erklären Sie es am besten jetzt direkt.

"Die Hedgefonds haben übertrieben"

Burghof: Einen Short Squeeze zu erzeugen, das ist kein legitimes Mittel. Das muss man dazu auch sagen, weil es den Preis in eine Gegend treibt, die mit der Realität nichts zu tun hat, und am Ende ist das Ziel, was wir an Kapitalmärkten haben, dass die Preise möglichst gut, nie perfekt, immer unperfekt, aber möglichst gut den tatsächlichen Wert von Unternehmen wiederspiegeln. Und wenn man dann Preise hat, die plötzlich ums Hundertfache überzogen sind, das ist keine gute Entwicklung, und das sollte man auch versuchen zu verhindern.

Schulz: Herr Burghof, ganz kurz muss ich einhaken. Haben Sie das jetzt schon erklärt, Short Squeeze?

Burghof: Nein, habe ich noch überhaupt nicht.

Schulz: Das ist das Gebaren der Kleinanleger oder das, was die Hedgefonds dann antworten?

Burghof: Fangen wir vielleicht mit den Hedgefonds an. Die Hedgefonds haben übertrieben. Das ist der erste Punkt. Man darf eine negative Meinung in den Markt bringen, indem man short geht. Das heißt, man sagt, diese Aktie wird fallen, und man handelt auch darauf, und das macht man so, dass man die Aktie sich leiht, dann diese geliehene Aktie verkauft, und dann muss man eine geliehene Aktie irgendwann zurückgeben. Dann kann man sie vielleicht zurückkaufen, weil man muss ja geben, und wenn dann der Preis zwischenzeitlich gefallen ist, dann hat man Gewinn gemacht. So setzt man an Märkten schon seit vielen Jahren und meistens vollkommen reibungslos auf fallende Kurse.

"Es wäre Aufgabe der Aufsichtsbehörde gewesen, diesen Leerverkaufsmarkt zu beobachten"

Schulz: Das sind diese Leerverkäufe, um das noch kurz einzuspeisen, mit denen die Hedgefonds ja Unternehmen auch massiv unter Druck setzen.

Burghof: Richtig. Da spricht aber auch nichts gegen, wenn man nicht übertreibt. Wenn man einen bestimmten Anteil der Aktien, die von einem Unternehmen existieren, in Leerverkäufen engagiert hat, dann ist das nicht weiter schlimm, sondern führt dazu, dass auch negative Meinungen in den Preis reingehen, was ja eigentlich wichtig ist, damit die Preise nicht zu hoch gehen und nicht nur die Optimisten quasi damit handeln. Aber man sollte nicht übertreiben, weil Leerverkäufe sind gefährlich. Sie handeln mit Aktien, die Sie nachher wieder zurückkaufen müssen, und das war die erste Übertreibung. Wir haben wohl Leerverkäufe im Bereich von 150 Prozent oder noch höher gehabt der vorhandenen Aktien. Das heißt, da haben die Hedgefonds im Grunde genommen mit aller Gewalt in eine Richtung gezogen.

Schulz: Wo fängt die Übertreibung denn an?

Burghof: Da gibt es keinen Maßstab. Aber es wäre eigentlich Aufgabe der Aufsichtsbehörde gewesen, diesen Leerverkaufsmarkt zu beobachten, dafür zu sorgen, dass hier keine Übertreibung stattfindet. Nach solchen negativen Ereignissen der Vergangenheit hätte man das wissen müssen. Wir hatten in Deutschland ja spektakulär damals diesen Volkswagenfall.

"Wir brauchen ein vernünftiges Gleichgewicht, wie in der Demokratie"

Schulz: Auch da würde ich gerne noch mal kurz einhaken. Diese Leerkäufe, die sind ja wirklich schon seit Jahren umstritten. Man kann sagen, dass sie eigentlich die Idee des Marktes komplett auf den Kopf stellen. Die Ausgangslage, die Ausgangsidee für den Aktienhandel bestand ja darin, dass Unternehmerinnen und Unternehmer Menschen mit viel Geld, mit Kapital von ihren Ideen, von ihren Geschäftsideen überzeugen, dass sie die dazu überzeugen, ihr Geld reinzustecken. Jetzt wird mit den Leerverkäufen genau das Gegenteil bewirkt. Warum muss es denn möglich sein – Sie haben es ja auch gerade verteidigt -, dass Hedgefonds, dass Anleger darauf wetten, dass anderer Leute Geschäfte nicht gut laufen?

Burghof: Wir haben manchmal Situationen, wo einfach sehr viele Optimisten im Markt sind, die an eine bestimmte Technologie glauben, aber es gibt auch Gegenstimmen wie in der Demokratie. Die Gegenstimmen sind extrem wichtig, um das richtige Maß zu finden. Sonst hat man nachher eine Blase im Markt, weil nur noch quasi alle wie auf Drogen sind, wenn es um die Preise geht. Wenn man nachher die Preise zusammenaddiert, stellt man fest, das kann insgesamt nicht aufgehen. So was hatten wir zum Beispiel, als der Neue Markt in Deutschland um 2000 entstand. Da hatten wir zu wenig, da hatten wir keinen richtigen sogenannten Leerverkaufsmarkt, und dann hat der ganze Optimismus dazu geführt, dass die Preise vollkommen überhöht waren.

Wir brauchen ein vernünftiges Gleichgewicht, wie in der Demokratie auch. Wichtig ist dabei, dass man nicht nur seine Meinung sagt, sondern dass man seine Meinung auch vernünftig und im Maß sagt, dass auch die andere Meinung gehört werden kann. Da haben die Hedgefonds übertrieben und damit wird das gefährlich.

"Die Leerverkäufe zumindest zu begrenzen, das ist Aufgabe der Marktaufsicht"

Schulz: Wobei wir jetzt ja auf Metaebene sehen, dass sich auch eine Blase gebildet hat, nämlich durch das Agieren der Kleinanleger, die es den Hedgefonds zeigen wollten mit ihren Leerverkäufen. Ist der Ansatzpunkt dann wirklich, diese Leerkäufe zu regulieren? Sie haben ja auch gerade gesagt, man darf es nicht übertreiben.

Burghof: Die Leerverkäufe zumindest zu begrenzen, dass das nicht über ein Maß hinausgeht, das ist Aufgabe der Marktaufsicht. Das hätte die Marktaufsicht auch vorher schon tun können und sollen, hat sie offenbar nicht hinreichend getan.

Aber der Punkt ist natürlich der: Wenn Sie dann so eine Situation sehen, können Sie, indem Sie die Aktien vom Markt nehmen und damit verhindern, dass die Aktien zurückgekauft werden können, noch eine viel giftigere Situation erzeugen: den sogenannten Short Squeeze. Es ist nämlich so: Wenn Sie Aktien leerverkauft haben und müssen die dann zurückliefern und Sie können selber nicht liefern, weil keine Aktien mehr auf dem Markt sind, dann wird das für Sie gekauft, und zwar zu jedem beliebigen Preis am Markt, und das ist richtig giftig. Das ist dieser Short Squeeze und der geht dann durch die Decke. Deswegen: Wenn Sie den Short Squeeze absichtlich erzeugen, dann ist das ganz klar eine Marktmanipulation, also ein Verbrechen. Da sind wir im Strafrecht. Wenn ein Short Squeeze einfach so passiert, wird es schwierig.

"Auch die Kleinaktionäre haben irgendwo das Maß verloren"

Schulz: Und wen kritisieren Sie da jetzt?

Burghof: Auch die Kleinaktionäre haben natürlich irgendwo das Maß verloren. Man kann die Gegenmeinung haben, aber man darf natürlich den Preis nicht irgendwo ins Nirwana schießen damit. Nur ist die Frage, haben die sich koordiniert, um den Short Squeeze zu erzeugen, oder haben sie sich nur koordiniert, um die Gegenmeinung zu der ihrer Ansicht nach falschen Meinung der Hedgefonds zu formulieren. Dann ist versehentlich, wenn man so will, ein Short Squeeze daraus geworden. Da weiß ich natürlich nicht, wer zu welchem Zeitpunkt was gemacht hat, und da das natürlich auch viele, viele tausend Leute sind, die da gegengehalten haben, wird da die rechtliche Aufarbeitung ausgesprochen schwierig, wenn man sie überhaupt anstreben möchte, denn eigentlich ist das jetzt ein Marktunfall, der so nicht passieren sollte.

"Unlautere Form der Scherenökonomie"

Schulz: Sie haben diese astronomischen Höhen eben ja auch schon angesprochen. – Jetzt GameStop – das hatte bis zu 1700 Prozent an Wert zugelegt. Ist das noch Finanzmarkt, oder ist das schon Kasino dann?

Burghof: Das ist ein Versagen des Finanzmarktes, ganz klar. Das ist kein Kasino, sondern das ist tatsächlich ein systemisches Versagen an der Stelle, das eingebaut ist in diese Konstruktion der Short Sales, der Leerverkäufe. Da kann das passieren. Es passiert normalerweise selten und durch die neuen Koordinationsmöglichkeiten im Internet passiert es jetzt öfters und passiert systematisch und wird auch als Instrument genutzt. - Wir haben aber übrigens noch eine dritte Ebene, die fast vergessen wird.

Schulz: Dann müssen wir jetzt schnell machen.

Burghof: Diese Kleinaktionäre handeln über bestimmte Webseiten. Die erlauben ihnen, zu niedrigsten oder gar keinen Transaktionskosten zu handeln. Warum? – Weil sie die Informationen über diesen Handel wieder an einen Großinvestor verkaufen. Das heißt, da sitzt ein Großinvestor, ein anderer Hedgefonds wie eine Spinne im Netz und sagt, oh, das ist der Aufstand, super, wir fahren mit dem Aufstand, aber tatsächlich werden die Daten von all diesen Kleinaktionären rechtzeitig verkauft, damit ein Großer wieder verdient. Das ist diese unlautere Form der Scherenökonomie. Da müssen wir auch mal reingucken, weil da wäre jemand, der organisiert damit Geld verdient hat und nicht einfach nur eine Meinung in den Markt gebracht hat, sondern tatsächlich ein Profiteur des Marktversagens ist. Das ist, finde ich, besonders spannend. Nur der bleibt natürlich gerne im Schatten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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