Samstag, 26.09.2020
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteEuropa heuteDer Kleinkrieg nimmt kein Ende20.08.2020

Gang-Gewalt in SchwedenDer Kleinkrieg nimmt kein Ende

Anfang August wurde in Stockholm ein zwölfjähriges Mädchen während einer Schießerei durch einen Querschläger getötet. Das Kind ist das jüngste Opfer anhaltender Gang-Auseinandersetzungen. Die schwedische Regierung gerät zunehmend unter Druck, die Polizei scheint machtlos.

Von Carsten Schmiester

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Blumen und Kerzen an der Stelle, an der ein 12-Jähriges Mädchen in der Nähe einer Tankstelle in Norsborg, Botkyrka (Stockholm) am 3. August 2020 erschossen wurde. (imago/ Stina Stjernkvist)
Sie wurde zwölf Jahre alt. Gewaltsamer Tod eines unschuldigen Mädchens (imago/ Stina Stjernkvist)
Mehr zum Thema

Organisierte Kriminalität Schwedens Polizei präsentiert erste Erfolge

Bandenkriminalität in Schweden "Auch Folge eines sozialen Sparkurses"Bandenkriminalität in Schweden "Auch Folge eines sozialen Sparkurses"

Zunahme von Kriminalität Schweden sorgt sich um seine Sicherheit

Manchmal hat die schwedische Sprache etwas Verniedlichendes: Fast 200 Fälle von "allmänfarlig ödeläggelse" für "allgemeine Zerstörung" hat es laut Polizeistatistik 2019 gegeben. Das waren Anschläge mit geschmuggelten Handgranaten oder selbstgebastelten Sprengsätzen meist vor Hauseingängen.

Und wesentlich schlimmer: Es gab 42 Tote durch Schusswaffengebrauch. Die Zahl steigt seit Jahren. Es vergeht kaum ein Tag in Schweden ohne Berichte über angeschossene, oder wie im Fall eines erst zwölfjährigen Mädchens im Süden Stockholms auch erschossene Menschen, fast immer im Zusammenhang mit Drogenhandel und Bandenkriegen.

Ein Polizeiwagen am Bahnhof der schwedischen Stadt Boden. Technische Einsatzkräfte untersuchen einen brutalen Messermord an einem Jugendlichen am 19.12. 2019 (imago/Simon Eliasson)Die Polizei untersucht einen Messermord an einem Jugendlichen am Bahnhof der schwedischen Stadt Boden (imago/Simon Eliasson)

"International keine vergleichbare Entwicklung"

Das Mädchen war offenbar nachts in eine solche Auseinandersetzung geraten. Polizeichef Anders Thornberg musste schon im vergangenen Jahr zugeben, dass seine Leute die Lage nicht wirklich kontrollieren:

"Seit kurzem gibt es hier immer mehr Sprengstoffanschläge. International sehen wir keine vergleichbare Entwicklung. Das ist eine enorme Herausforderung. Trotz offensiver Polizeiarbeit, die dazu beigetragen hat, dass Untersuchungsgefängnisse und Haftanstalten voll sind, nimmt diese Art von Gewalt einfach kein Ende."

Gewalt vor allem im Gangmilieu und da mit Masse, wenn auch nicht nur, in den Ballungsräumen Göteborg, Stockholm und Malmö, sagt Linda Staaf vom nationalen Einsatzzentrum "NOA":

"Es ist eigentlich kein Großstadtproblem mehr, sondern ein Phänomen, das sich auch auf kleinere Städte ausgeweitet hat. Alles deutet darauf hin, dass wir es mit einem neuen Trend zu tun haben. Sprengstoffanschläge werden eingesetzt, um andere zu erpressen, um Rache zu üben oder zu drohen, und zwar von deutlich mehr Tätern als früher."

In Schweden spitzt sich das Problem mit gewalttätigen Banden zu. Dänemark hat Grenzkontrollen eingeführt. Philipp Fink, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Nordischen Länder, sieht Fehler in der Integrationspolitik als Ursache der Kriminalität.

Polizei will mit Geheimdienst zusammenarbeiten

Die Polizei will nun verstärkt mit dem Geheimdienst und mit Sprengstoffexperten der Armee zusammenarbeiten und hat im Mai eine sechsmonatige Sonderaktion zur Bekämpfung der Gangkriminalität mit den Schwerpunkten in Malmö und Uppsala nördlich von Stockholm beendet. Ohne, dass die Zahl der Schießereien und Toten spürbar zurückgegangen wäre. Einsatzleiter Stefan Hector zog deshalb eine durchwachsene Bilanz:

"Wir wissen nicht, wie die Entwicklung sonst ausgesehen hätte. Wir haben 545 Waffen und Hunderte Kilo Sprengstoff beschlagnahmt, dazu mehrere Hundert Personen aus dem Gangmilieu gefasst und in Untersuchungshaft genommen. Und wir können mit Sicherheit sagen, dass wir schwere Gewaltverbrechen verhindert haben."

Aus Sicht der Polizei kann sie allein das Problem allerdings kaum lösen, so Hector. "Tödliche Gewalt in kriminellen Milieus geht sehr oft von Problemvierteln aus. Da müssten viele Akteure mithelfen, um Täternachwuchs zu stoppen. Die Polizei arbeitet ja nur mit denen, die bereits kriminell sind. Aber wirksame Präventionsarbeit, die müsste schon in der Schule beginnen."

Symptom gesellschaftlicher Probleme

Diese Gewalt ist offenbar ein Symptom tiefer liegender gesellschaftlicher Probleme. Oft geht es auch um Menschen mit Migrationshintergrund. Für Experten ist sie deshalb auch ein Zeichen dafür, dass Schwedens Migrationspolitik zwar lange Zeit ein Aushängeschild war, die Integrationspolitik aber zumindest in Teilen gescheitert ist. Das zeigt sich an den Stadträndern der Ballungsräume mit ihren Plattenbauten, die eben auch Zentren der Gangkriminalität sind: Schlechte Schulen, hohe Jugendarbeitslosigkeit und Frust und Wut, so wie bei diesem jungen Mann, der in einer TV-Dokumentation anonym und mit verzerrter Stimme sagte, dass er sich alleingelassen fühle auch von Polizei und Justiz.

"Die wollen doch, dass wir uns gegenseitig umbringen", sagte er. "Sie bekämpfen keine Verbrechen. Die Leute werden verdächtigt, aber dann wieder freigelassen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk