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StartseiteTag für TagBeten für die Schlacht30.07.2019

Garnisonkirche in WilhelmshavenBeten für die Schlacht

Unter den Garnisonskirchen in Deutschland ist die in Potsdam wohl am berühmtesten. Sie wird trotz heftiger Kritik wieder errichtet. Bauten dieser Art stehen aber auch in anderen Orten. In Wilhelmshaven wirkt ein pazifistischer Pastor und erinnert kritisch an die Verbindung von Talar und Uniform.

Von Michael Hollenbach

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Die Christus- und Garnisonkirche befindet sich im Zentrum von Wilhelmshaven. Die Stadt und die Marine sind über ihre gemeinsamen Ursprünge eng miteinander verbunden. So ist die Gründungsurkunde dieser Kirche von 1869 zugleich auch das Dokument, in welchem König Wilhelm I., der spätere Kaiser, der jungen preußischen Stadt ihren Namen gab. Der König selbst legte am 17. Juni 1869 auch den Grundstein dieser ersten Garnisonkirche überhaupt, die er für die evangelischen Soldaten bauen ließ (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)
Die Christus- und Garnisonkirche im Zentrum von Wilhelmshaven (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)
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Betritt man die Wilhelmshavener Christus- und Garnisonkirche, fällt der Blick schnell auf das Altarbild: das offene Meer mit einem wolkenverhangenen Himmel und in der Mitte ein weißes Kreuz. Das Bild des Hamburger Künstlers Hugo Schnars Alquist erinnert an die Seeschlacht am Skagerrak im Sommer 1916:

"Viele Schiffe landen hier in Wilhelmshaven, bringen ihre Toten, bringen ihre Verletzen mit, und das hat die Stadt geprägt und man hat dann 10 Jahre später dieses Bild aufgehängt als Erinnerung an diese Schlacht."

Erläutert Pastor Frank Morgenstern. Und erinnert an einen seiner Vorgänger, den Militärdekan Friedrich Ronneberger, der das Bild 1926 auf seine Art interpretierte:

"Der Pastor hat damals gesagt, 8000 englische, 2000 deutsche Soldaten, das kann doch nicht vergeblich sein, alle sind bei Gott aufgehoben. Und der zweite Satz, der dahintersteht: Denkt an Skagerrak, damals haben wir, die Deutschen, die heute nicht so wissen, wo es hingeht, 1926, wir haben damals gesiegt. Das war ein Siegeszeichen. Das war was Besonderes, dass man ein Siegeszeichen militärischer Art in diese Kirche hängt."

Altar der Garnisonkirche in Wilhelmshafen. Das Bild des Hamburger Künstlers Hugo Schnars Alquist erinnert an die Seeschlacht am Skagerrak im Sommer 1916. Die Christus- und Garnisonkirche befindet sich im Zentrum von Wilhelmshaven. Die Stadt und die Marine sind über ihre gemeinsamen Ursprünge eng miteinander verbunden. So ist die Gründungsurkunde dieser Kirche von 1869 zugleich auch das Dokument, in welchem König Wilhelm I., der spätere Kaiser, der jungen preußischen Stadt ihren Namen gab. Der König selbst legte am 17. Juni 1869 auch den Grundstein dieser ersten Garnisonkirche überhaupt, die er für die evangelischen Soldaten bauen ließ.  (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)Altar der Garnisonkirche in Wilhelmshafen. Das Bild des Hamburger Künstlers Hugo Schnars Alquist erinnert an die Seeschlacht am Skagerrak im Sommer 1916. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)

Mit Verweis auf das Altarbild wurde 1957 ein – für die Zeit typisches - Gedenkmal in der Kirche errichtet.

"Über dem Mahnmal steht die Schrift: Sie alle starben für ihr Vaterland. Das steht hier unkommentiert seit 60 Jahren."

Heute ist der Pastor Pazifist

Vor zwei Jahren hat die Kirche mit der Ausstellung "Mit Schwert und Talar" die enge Beziehung zwischen Kirche und Militär kritisch reflektiert und auch das Mahnmal in den Blick genommen:

"Wir haben es tatsächlich im Rahmen dieser Ausstellung kommentiert, indem wir einen Punkt und ein Fragezeichen gesetzt haben. Sie alle starben. Punkt. Das ist Fakt. Und darum gilt es zu trauern. Für ihr Vaterland? Fragezeichen. Für was sind die Menschen gestorben?"

Pastor Frank Morgenstern ist Pazifist. Er hinterfragt die Logik des Krieges, die Logik des Militärs. Das wäre in früheren Zeiten undenkbar gewesen. Gerade die evangelische Kirche stand fest hinter dem preußischem Staat und seinem Militär. Als Friedrich Wilhelm I. Anfang des 18. Jahrhunderts teilweise gewaltsam Soldaten aus ganz Europa für das preußische Militär rekrutierte, kam dem Protestantismus und den ersten Garnisonkirchen eine besondere Bedeutung zu, erläutert der Publizist Matthias Grünzig:

"Diese Garnisonkirchen hatten die Hauptaufgabe, dieser Armee eine gewisse Disziplin beizubringen, also einen gewissen Gehorsam, Kampfgeist. Und Religion war der Versuch, diese Soldaten im Sinne einer effektiven Kriegsführung zu disziplinieren."

Protestantismus war quasi Staatsreligion; alle Soldaten hatten zum evangelischen Gottesdienst zu erscheinen, sagt Jobst Reller, Militärpfarrer im niedersächsischen Munster.

"In Preußen, im Militärkirchenrecht, war es so geregelt, dass alle Soldaten zum Standortgottesdienst des lutherischen Militärpfarrers zu gehen hatten. Ich vermute, dass das deshalb gemacht wurde, weil das Luthertum als das obrigkeitshörigste Christentum galt und dass man auf diese Weise den Gehorsam der Soldaten gestärkt sehen wollte."

"Auf den bedingungslosen Gehorsam eingeschworen"

Zumal gerade in Preußen im 19. Jahrhundert das Verhältnis zum Katholizismus sehr angespannt war. Vor allem während des Kulturkampfes der 1870er und 80er Jahre warf die politische Führung des deutschen Reiches den Katholiken vor, sich eher an Rom als an Berlin zu orientieren. Katholische Soldaten wurden als unsichere Kantonisten dargestellt. Dagegen war die Nähe zwischen Staat und Protestantantismus allein dadurch gegeben, dass der preußische König beziehungsweise deutsche Kaiser bis 1919 zugleich Oberhaupt der protestantischen Kirche war. Der Historiker Stephan Huck ist Leiter des Deutschen Marinemuseums in Wilhelmshaven.

"Es gab ja eine große Nähe zwischen der Kirche und dem Staat, die sich auch etwa im Gottesgnadentum ausdrückt, der sich aber auch darin ausdrückt in Sinnsprüchen, wie sie hier auch in der Kirche zu finden sind: Gott mit uns. Also die Tatsache, dass das Militär für eine gerechte Sache eingesetzt wird und dafür sich des Schutzes des Allmächtigen gewiss sein kann."

Diese Theologie wurde sonntags auch in den Gottesdiensten der Garnisonkirchen vermittelt, erläutert Matthias Grünzig:

"Es waren erst mal schlichte Predigten. Sie richteten sich an die einfachen Soldaten. Es waren nicht unbedingt hoch gebildete Intellektuelle, die das Publikum darstellten, sondern es waren einfache Soldaten. Es war teilweise sehr holzschnittartig. Da wurde der Kaiser extrem verherrlicht, die Soldaten wurden auf den bedingungslosen Gehorsam eingeschworen."

Hinweise auf deutsche Militärgeschichte

Die Garnisonkirchen waren lange Zeit nur den Soldaten und ihren Angehörigen vorbehalten. Das Militär lebte damals in einer einer Art Parallelwelt, sagt Stephan Huck:

"Die Militärbevölkerung bildete im 19. Jahrhundert eine eigene gesellschaftliche Gruppe, die auch nur bedingt der zivilen Gerichtsbarkeit und der zivilen Obrigkeit unterstand, und sie bildeten auch in Glaubensdingen eine eigene Gruppe."

Mit Stolz trugen die Soldaten nicht nur zum Gottesdienst ihre Uniform.

"Das ist ja ein Phänomen, was wir noch in der frühen Bundeswehr hatten, was eigentlich erst mit dem Epochenjahr 1968 als Symboljahr sein Ende findet, dass im Grunde genommen die Uniform des Soldaten den Festtagsanzug völlig ersetzte. Und im 19. und frühen 20. Jahrhundert dürfte es für einen Soldaten keine Frage gewesen sein, in welchem Anzug er heiratete oder seine Kinder zur Taufe trug, das fand alles in Uniform statt."

In den älteren Garnisonkirchen finden sich oft viele Hinweise auf die deutsche Militärgeschichte: So auch in Wilhelmshaven. An den Wangen der Kirchenbänke prangen die Wappen bedeutender Schiffe vergangener Zeiten inklusive der U-Boot-Flotte. Neun Marmortafeln erinnern an Soldaten, die zwischen 1856 und 1911 bei Schiffsunglücken oder militärischen Auseinandersetzungen in den Kolonien starben.

Neben den Kirchenbänken der Garnisonkirche Wilhelmshafen prangen die Wappen bedeutender Schiffe vergangener Zeiten inklusive der U-Boot-Flott  (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)Neben den Kirchenbänken der Garnisonkirche Wilhelmshafen prangen die Wappen bedeutender Schiffe vergangener Zeiten inklusive der U-Boot-Flotte (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)

So auch 1904 bei der Niederschlagung des Herero-Aufstandes auf dem Gebiet des heutigen Namibia. Pastor Frank Morgenstern weist auf eine Steintafel, auf der die Namen der verstorbenen deutschen Soldaten eingraviert sind. Über der Tafel hat die Gemeinde eine Scheibe aus Plexiglas angebracht, auf der ein Zitat von einem Herero-Krieger zu lesen ist:

"Wenn sie an einen Sandbrunnen kamen und es gab Wasser, dann tranken die Krieger, die Frauen tranken nicht, damit die Krieger, Kraft hätten zu kämpfen und wenn sie Hunger hatten, sagten die Männer zu den Frauen, das Kind kann ruhig sterben, ich muss aus deiner Brust die Milch saugen, denn ich kann nicht anders, damit ich kämpfen kann."

"Nichts ist eindeutig"

Während bei dem Aufstand und dem anschließenden Völkermord rund 60.000 Herero und Nama getötet wurden, kamen auf deutscher Seite 1500 Soldaten ums Leben:

"Und wenn man jetzt auf die deutsche Tafel gucken will, dann muss man durch diese Schrift gucken. Wir wollen damit sagen, es gibt immer zwei Sichtweisen, nichts ist eindeutig, sondern es gibt mindestens zwei, wenn nicht viel mehr Sichtweisen."

Während bis 1945 rund 100 Gotteshäuser als Garnisonkirchen allein dem Militär dienten, gibt es heute bundesweit noch zehn Garnisonkirchen. Allerdings - ähnlich wie in Wilhelmshaven die Christus- und Garnisonkirche – sind sie längst keine Militärkirchen mehr, sondern verstehen sich als Anlaufpunkt für alle evangelischen Christen – und oft auch für die Touristen.

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