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GartenAm Anfang war das Blatt

Von Jule Eikmann | 24.04.2016

Am Anfang ist das Blatt. Zart und grün und unschuldig schiebt es sich durch die Krume. Ein sanftes Wesen, Wunder der Natur.
Mutterstolz: Es wächst! Es gedeiht! Frucht meiner Samentüte! – oder doch nicht?
Es ist wie mit allen Babys: Ein Blatt gleicht dem anderen. Mit klitzekleinen Unterschieden, versteht sich. Allein: Ich erkenne sie nicht. Wird dieser harmlose dürre Halm zu der herrlichen Echinacea heranreifen, die sich mir im Gartenkatalog mit geradezu obszönem Pink an den Hals geschmissen hat?
Oder wird er wachsen, sich schamlos vermehren, Geschwister bekommen, Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen, eine Halm-Familie, ein Clan, eine ganze Sippschaft, eine ausufernde, gigantische Familien-Dynastie ausbilden, die sich dann zum großen Sommerstelldichein versammelt und johlend weiter in die Rabatten vorarbeiten? Alles schon da gewesen.
Wissen, was da sprießt, ist in jeder Hinsicht von Vorteil. Diese pelzigen Triebe, die sich zu unansehnlichen Blättern ausrollen, habe ich schon im zeitigen Frühjahr großzügig unter der Hecke weg gerupft. Dort hatten sie sich mit den Brennnesseln ein trostloses Fleckchen geteilt. Was es da schafft, kann schließlich nur Unkraut sein.
Angefeuert von der naiven Vorstellung, die Gestaltungshoheit über die Beete in meinen Händen zu behalten, mir von der brachial daher trampelnden Natur nicht das Zepter entreißen zu lassen, hieb ich den Grubber tief in die Erde. Keine Rücksicht auf Verluste, Tote und Verletzte gnadenlos in Kauf genommen. Beim letzten Trieb wurde ich doch noch stutzig. Diese Wurzeln. Irgendwie so wertig.
Kurz nach dem effektiven Total-Reinemachen erkannte ich das zackige Blatt wieder: An der Herbstanemone in Nachbars Garten, deren blühender Zustand mich bereits mehrfach in einen ekstatischen Begeisterungssturm hatte ausbrechen lassen.
Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Und grün ist nicht gleich grün. Bis ich es besser weiß, werde ich wieder jeden Keim gedeihen lassen. Bis aus dem zarten Spross ein stattlicher Jüngling herangewachsen ist, den man mit Hilfe der Google-Bildersuche unverwechselbar benennen kann.
0:1, Natur.
Aber Obacht: Die Schlacht um die Hoheit im Garten gebe ich aber nicht verloren.
Ich bleibe. Und ich lerne.
Grün hinter den Ohren - noch! - Petunia Pieper