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StartseiteUmwelt und VerbraucherErdbeben in der Provinz Groningen nehmen zu 11.05.2015

Gasförderung in den NiederlandenErdbeben in der Provinz Groningen nehmen zu

1959 wurde im Nordosten der Niederlande eines der größten Gasfelder von Westeuropa entdeckt. Mit dem Gas sprudelte der Gewinn. Doch mit steigender Fördermenge wird das Gebiet vermehrt von Erdbeben heimgesucht. Häuser haben schon Risse und bei den Bewohnern liegen die Nerven blank.

Von Michael Arntz

Ein Demonstrant gegen die Erdgasförderung in Loppersum hält ein Schild hoch mit der Aufschrift "Take, took, taken our gas" (picture alliance / EPA / Catrinus van der Veen)
Im niederländischen Loppersum wird gegen die Erdgasförderung demonstriert. (picture alliance / EPA / Catrinus van der Veen)
Weiterführende Information

Groningen in Not - Erde bebt wegen Erdgasfeld
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 11.05.2015)

Fracking - Angst vor Probebohrungen
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 02.12.2013)

Loppersum, im April. Das beschauliche Städtchen liegt 30 Kilometer hinter Groningen. Ein Ort zum Erholen und Entspannen. Doch die Ruhe täuscht. Bei vielen Bürgern liegen die Nerven blank. Nirgendwo in Holland bebt die Erde so häufig und und so stark wie hier.

Ich treffe Dick Kleijer vor der Kirche. Kleijer ist Sekretär der "Groninger Bodem Beweging", einer Bürgerinitiative, die sich für die erdbebengeschädigten Bürger stark macht. Auch er hat Schäden an seinem Haus.

Lange war er richtig stolz. Er hatte keinen Schaden am Haus. Bis vor ein paar Wochen. Da musste er auf den Dachboden. Und da waren sie dann: deutliche Risse im Mauerwerk. Der Mann, der sich seit einem Jahr um die vielen Erdbebengeschädigten kümmert, hat Angst bekommen. Er will gar nicht darüber nachdenken.

Vielleicht, sagt Dick Kleijer, sollten er und seine Frau im Gartenhäuschen schlafen. Das ist aus Holz. Das schwingt mit bei einem Beben. Da schläft man am sichersten. Die Leute hier kennen das: Zuerst ein lauter Knall. Danach zittern Fensterscheiben, Bilder fallen von den Wänden, Bücher kippen um. Noch hatte das schlimmste Beben eine Stärke von 3,6. Doch es werden stärkere erwartet.

Gasfeld in drei Kilometer Tiefe

Wir stehen hier auf einem riesigen Gasfeld, erklärt er. In den 60er-Jahren wurde es entdeckt. 2.800 Milliarden Kubikmeter Gas waren da unten. Gefördert wurden davon schon über 2.000 Milliarden; es stecken also noch rund 800 Milliarden im Boden. In einer Tiefe von drei Kilometern. Diese Gasförderung verursacht die Beben und der Boden senkt sich ab, sagt Kleijer.

Wir gehen ein paar Schritte. Vor einem hübschen roten Backsteinhaus bleiben wir stehen. Ein typischer Schaden, sagt Kleijer. Der Schornstein, außen an der Vorderwand, muss gestützt werden. Beindicke Holzbalken drücken gegen Schornstein und Wand. Rechts und links davon zwei Blumenkübel. Darauf haben die Hausbewohner in großen Lettern geschrieben.

Nicht alle Schäden sind so dramatisch. Viele Hauswände haben Risse, die tief ins Mauerwerk reichen. Die Kosten für die Reparaturen übernimmt - im Idealfall - die NAM, die Niederländische Erdölgesellschaft. Sie fördert das Gas. Für viele Bürger ist die NAM ein rotes Tuch.

Erst hieß es, es gibt keine Erdbeben durch die Gasförderung. Dick Kleijer wird zornig. Jetzt sagen sie, die Erdbeben sind nicht so schlimm. Immerhin gibt es jetzt einen Bericht vom Nationalen Sicherheitsrat. Und darin heißt es: Alle Institutionen haben die Gefahren der Gasförderung ignoriert.

Inzwischen tut sich doch was. Mitte April hat der Raad van State, ein hohes Verfassungsorgan, die Gasförderung in der Gemeinde Loppersum vorläufig untersagt. Und jetzt belegt eine neue Studie, dass 170.000 Gebäude im Groninger Fördergebiet baulich verstärkt werden müssen. 30 Milliarden Euro würde das kosten - und 27 Jahre dauern.

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