Sonntag, 05. Februar 2023

Kommentar zu Gas aus Katar
Deutschland zahlt für die Fehler der Vergangenheit - auch moralisch

Auch nach dem Gas-Deal mit Katar müsse die Bundesregierung Menschenrechtsverletzungen offen ansprechen, kommentiert Jörg Münchenberg. Allerdings stecke Deutschland dabei in einer Zwickmühle, denn auf das Gas aus dem Emirat könne man nicht verzichten.

Ein Kommentar von Jörg Münchenberg | 29.11.2022

Robert Habeck (2.v.l., Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, und Saad Scharida al-Kaabi (2.v.r.), Energieminister von Katar, treffen sich in Doha, um über mögliche Gaslieferungen zu sprechen.
Für die gegenwärtige Versorgungskrise bringt das Geschäft mit Katar erst einmal herzlich wenig, meint Jörg Münchenberg, aber zugleich ist es ein wichtiger Baustein für die künftige deutsche Gasversorgung. (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
Es ist nicht der Big Deal, der da am Dienstagmorgen in Katar bekannt gegeben worden ist. Zwei Millionen Tonnen Flüssiggas wird das reiche Emirat nach Deutschland exportieren. Das sind gerade einmal drei Prozent des Jahresverbrauchs hierzulande, also auf den ersten Blick eher der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Und Katar wird erst ab 2026 liefern – für die gegenwärtige Versorgungskrise bringt das Geschäft erst einmal herzlich wenig.
Kein Wunder also, dass die Opposition an Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck von den Grünen kein gutes Haar lässt. Ein erfolgloser Ankündigungsminister sei er, ein Blender, der die eigene Moral in den Wind hänge, wenn es um die deutsche Versorgungssicherheit gehe, so der Vorwurf der Linkspartei.

Katar ist ein wichtiger Baustein für die deutsche Gasversorgung

Alles vorhersehbar, aber in der Sache nicht gerechtfertigt. Natürlich wird das Gasgeschäft mit Katar Deutschland nicht aus der aktuellen Krise helfen. Doch schon im kommenden Frühjahr müssen die dann mutmaßlich leeren Speicher wieder gefüllt werden. Der Druck also auf die Gasimporteure und die Bundesregierung bleibt weiter hoch, hier für die den notwenigen Ersatz zu sorgen.
Dennoch hilft der Gasdeal mit sicheren Lieferungen ab 2026, den Markt zu beruhigen. Was sich zumindest mittelfristig auch positiv auf die Preise auswirken dürfte. Und das Geschäft mit dem Wüstenstaat ist nur ein, aber zugleich wichtiger Baustein von vielen für die künftige deutsche Gasversorgung. Bei der es darum geht, den bisherigen Hauptlieferanten Russland komplett durch möglichst viele Lieferländer zu ersetzen.

55 Prozent der deutschen Gasimporte sind komplett weggebrochen

Das ist und bleibt eine Herkulesaufgabe, was viele gerne vergessen. Deshalb nochmal zur Erinnerung: Russland stand noch im letzten Jahr für sage und schreibe 55 Prozent der deutschen Gasimporte. Die im Sommer dieses Jahres Knall auf Fall komplett weggebrochen sind.
Und damit zur Moral. Natürlich bleibt es weiterhin die Pflicht jeder Bundesregierung, die Menschenrechtsverletzungen und demokratischen Defizite auch in Katar offen anzusprechen. Aber Deutschland kann es sich schlicht nicht leisten, auf Flüssiggas von der arabischen Halbinsel zu verzichten.

Deutschland muss "Verantwortung übernehmen"

Es geht jetzt und in den nächsten Jahren darum, eine mögliche Gasmangellage mit all ihren verheerenden Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft zu verhindern. Das ist derzeit die Hauptaufgabe auch eines grünen Wirtschaftsministers. Und Doppelmoral beweisen übrigens jene, die Frackinggas aus den USA willkommen heißen, den Abbau hierzulande aber strikt ablehnen. Oder die kein Problem mit einem Handelspartner Australien haben, obwohl auch dort Migranten menschenverachtend behandelt werden.
Es ist deshalb nicht zynisch, angesichts der Energiekrise mehr Realitätssinn einzufordern. Deutschland muss für die energiepolitischen Fehler der Vergangenheit bitter bezahlen, materiell und moralisch. Man könnte dazu aber auch einfach ‚'Verantwortung übernehmen' sagen.
Jörg Münchenberg
Jörg Münchenberg
Jörg Münchenberg, geboren 1966; studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Freiburg, Kanada und Nürnberg-Erlangen. Seit 1997 beim Deutschlandfunk als Moderator und Redakteur zunächst in der Wirtschaftsredaktion; später Korrespondent im Berliner Hauptstadtstudio und europapolitischer Korrespondent in Brüssel. Nach einer Station im Zeitfunk derzeit wieder im Berliner Hauptstadtstudio.