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Startseite@mediasresPolitik-PR oder Debattenkultur?12.02.2020

Gastbeiträge in ZeitungenPolitik-PR oder Debattenkultur?

Politikerinnen und Politiker äußern ihre Meinung nicht nur in Interviews: Manchmal schreiben sie auch selbst Zeitungsartikel. Diese so genannten Gastbeiträge sind umstritten. Denn in der Regel fehlt die kritische Einordnung durch die Redaktion.

Von Christopher Ophoven

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Die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel sitzt neben Bundeskanzler Helmut Kohl und lächelt ihn an (dpa / picture-alliance / Peer Grimm)
Die damalige CDU-Generalsekretärin Angela Merkel schaffte es im Jahr 1999 mit einem Gastbeitrag in der FAZ, Bundeskanzler Helmut Kohl vom Thron zu stoßen. (dpa / picture-alliance / Peer Grimm)
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Die Form des Gastbeitrages ist für Politiker ziemlich attraktiv, erklärt der Politikwissenschaftler Karl Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen:

"Es ist unverfälschter, weil man natürlich einen Original-Ton geradezu sendet und nicht nur Auszüge. Insofern ist die Möglichkeit, erst mal das abzusetzen, was man absetzen möchte, höher als es bei anderen Formaten der Fall ist."

Inhaltliche Relevanz entscheidet

Für Personen des öffentlichen Lebens sind Gastbeiträge also eigentlich immer eine attraktive Sache, geben sie doch ausreichend Raum, die eigene Meinung und die eigenen Interessen kundzutun. Für die Medien selber sieht das anders aus: Zumindest in der gedruckten Zeitung ist ein Platz nur einmal zu vergeben, und der wird durch das gefüllt, was den Blattmachern inhaltlich am relevantesten erscheint.

Heinrich Wefing leitet das Politik-Ressort bei der "Zeit". Er nimmt Gastbeiträge nur ins Blatt, wenn sie vom Content her punkten können.

"Dann machen wir einfach eine Abwägung: Was ist aus unserer Sicht interessanter? Wenn ein Politiker mit etwas größerem rhetorischen Aufwand noch einmal seine Pressemitteilung bei uns abdruckt oder eine Geschichte, die eine unserer Kolleginnen in Russland oder im Libanon aufgeschrieben hat? Und dann fällt ganz klar die Entscheidung für den redaktionellen Inhalt von unseren Kolleginnen und Kollegen."

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An anderer Stelle in der "Zeit" gibt es allerdings durchaus noch Gastbeiträge. 2019 wurde sogar das Ressort "Streit" neu gegründet. Hier gibt es Kolumnen von Journalisten anderer Häuser und auch Gastbeiträge. Das Ziel: Debatten anstoßen. Das erscheint Medien zunehmend wichtig in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Konsens zu schwinden droht. Und das gelingt, zum Beispiel zu Beginn des Jahres, als sich Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet zur Umweltsau-Debatte äußerte. Er hatte die Möglichkeit, sich frei und ausführlich zu äußern.

Win-win-Situation?

Aber ist das nicht eher PR? Es ist auf jeden Fall eine besondere Beziehung, die beide Seiten eingehen, erklärt Anja Pasquay. Sie ist Pressesprecherin beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV).

"Also natürlich würde ein Politiker dann in gewisser Weise auch PR für sich machen, das ist ja irgendwo auch der Deal in der Sache: Ich schreibe, du druckst es ab, und gemeinsam präsentieren wir einen einen interessanten Inhalt."

Das mit der Eigenwerbung hat im Fall von Laschet nur begrenzt geklappt, denn er musste viel Kritik einstecken für seinen Beitrag. "FAZ"-Redakteur Reinhard Müller hält Gastbeiträge aber generell nicht für PR: "PR wäre ja tödlich. Auch ein Interview, wo jetzt keine Nachfragen gestellt werden, wäre ja auch nur PR."

Hohe Hürden für Autorinnen und Autoren

Müller ist bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verantwortlich für die "Fremden Federn" - einem festen Format für Gastbeiträge. Müller versichert: Die Hürden für Politiker, einen Gastbeitrag in die "FAZ" zu bringen, seien hoch:

"Wir geben ihm ja nicht einfach so eine Plattform, sondern ich hab gerade hier etwas auf dem Schirm, unter anderem, wo ich den Politikern sagen muss, das ist doch alles nicht neu. Und wenn das nicht neu ist, wenn das nicht aktuell ist, wenn das so schon einmal irgendwo stand, dann wird das bei uns nicht erscheinen als Gastbeitrag."

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Erschienen ist 2018 allerdings ein Gastbeitrag von Alexander Gauland, bis vor kurzem noch Parteivorsitzender der AfD. Die "FAZ" musste viel Kritik dafür einstecken, ihm diese Möglichkeit gegeben zu haben. Das Beispiel zeigt gleichzeitig: Gastbeiträge sind nach wie vor extrem relevant, sagt auch Politikwissenschaftler Korte.

"Der Ausgangspunkt ist klassisch in der Berliner Republik nach wie vor eine Zeitung. Das hat nach wie vor ein Wirkungsmomentum, was ich nicht unterschätzen würde – der klassische Zeitungsbeitrag, auf den dann die anderen sich stützen und stürzen."

Zeitungen weiterhin wichtige Leitmedien

Und das nicht ohne Grund, pflichtet ihm Kommunikationswissenschaftler Thomas Birkner bei: "Weil es sich bei journalistischen Medien immer noch, auch in den Augen der Bevölkerung, um besondere Medien handelt, die eben nach wie vor Vertrauen besitzen und Qualität versprechen."

Das weiß übrigens auch FDP-Chef Christian Lindner zu schätzen, denn trotz eigenem Podcast veröffentlicht er immer wieder Gastbeiträge in Zeitungen. Und auch wenn es dabei keine redaktionellen Eingriffe gibt, gibt es doch journalistische Standards, sagt Birkner:

"Selbstverständlich gilt auch für den Gastbeitrag ein journalistisches, also ein gesellschaftliches Relevanzkriterium. Man muss jemanden zu Wort kommen lassen oder eine Bühne einräumen, der eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat: a) als Person und b) mit dem, was er oder sie zu sagen hat."

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