Triage-Situation im KrankenhausImpfstatuts darf kein festes Kriterium für Priorisierung sein

Eine Ungeimpfte darf ja wohl keinem Geimpften das Beatmungsgerät wegnehmen – oder? Eine Schuld-Logik wie diese wäre verheerend, kommentiert Georg Löwisch. Schließlich könne das medizinische Personal unter Hochdruck nicht all die individuellen Geschichten der Ungeimpften aufrollen.

Ein Kommentar von Georg Löwisch („Christ und Welt“) | 04.12.2021

Ärzte und Pflegekräfte betreuen einen Patienten in einem der Behandlungszimmer auf der Intensivstation in der Universitätsmedizin Rostock.
Die Triage folgt zwei Kriterien: Bedürftigkeit sowie Prognose. Wie schlimm ist es, wie dringend ist die Behandlung? Und dann: Wie hoch ist die Chance, dass jemand weiterlebt? (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner)
Das Schreckenswort dieser Tag heißt Triage. Es kommt aus dem Französischen, das Verb "trier" bedeutet aussuchen, auslesen, sortieren. Ärzte und Ärztinnen müssen entscheiden: Wen versuchen sie zu retten? Und wen nicht? Ein Leben wird gegen ein Leben abgewogen. Nicht zu entscheiden, würde bedeuteten: beide sterben. Denn was zur Rettung nötig ist, steht im erforderlichen Zeitraum nur einmal zur Verfügung: Die rechtzeitige Operation, die Blutkonserve oder - und da sind wir schon fast im Heute: das Beatmungsgerät.

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Aussuchen, auslesen, sortieren: die Triage gehört zu den schlimmsten Situationen, in die ein Mensch geraten kann, der eigentlich helfen will. Lange wurde in der Corona-Pandemie versucht, nur von Priorisierung zu sprechen. Triage war ein Begriff, der in eine andere Welt gehörte, in die Katastrophe, in den Krieg. Aber das Wort setzt sich fest, weil es auf den Intensivstationen eng geworden ist. In vielen Bundesländern sind nur noch unter zehn Prozent der Intensivplätze frei. Das bedeutet: in einer Klinik mit zehn Intensivbetten ist gerade mal eines noch frei. Dabei kann der Rettungswagen jeden Moment eine lebensgefährlich verletzte Motorradfahrerin bringen. Und wenn es zwei sind?

Triage folgt zwei Kriterien: Bedürftigkeit und Prognose

Die Rückkehr der Triagefrage macht klar: Wir müssen eine Haltung zu existenziellen Fragen entwickeln. Ja: Wir, die Gesellschaft und nicht nur Räte, Kommissionen oder die Politik. Nach mehr als 70 Jahren Frieden und Wohlstand in Deutschland geht es in ungewohnter Härte um Leben und Tod. Nur das Sprechen darüber schafft Vertrauen.

Sprechen wir also über sie: die Triage. Sie folgt zwei Kriterien: der Bedürftigkeit sowie der Prognose. Wie schlimm ist es, wie dringend ist die Behandlung? Und dann: Wie hoch ist die Chance, dass jemand weiterlebt?

Aber im Jahr 2021 wird auf einmal noch ein ganz neues Kriterium diskutiert. An den Küchentischen oder in Medieninterviews wird gefragt, ob nicht unterschieden werden soll zwischen Geimpften und Ungeimpften. Der Patient mit Impfung bekäme dann das Intensivbett, während die Patientin ohne Impfung nachrangig behandelt wird. Sie müsste eben warten oder würde verlegt oder ...

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Den Impfstatus als festes Kriterium in die Priorisierung einzubeziehen, ist falsch. Es wäre ein furchtbarer Irrweg, schon weil jeder und jede Ungeimpfte eine eigene Geschichte hat. Die Schwangere, der die Hebamme aus Sorge von der Impfung abriet. Der Querdenker, der vom Staatsstreich träumte und die Impfgegnerschaft als Minimachtprobe mit dem System sah. Oder die Selbstoptimiererin, die sich für unverwundbar hielt. Ja, soll das medizinische Personal unter Hochdruck all diese Geschichten aufrollen?

Es mag vorkommen, dass ein Ärztinnenteam auf den Einzelfall schaut und zum Ergebnis gelangt, dass die Überlebenschance aufgrund des Impfstatus höher ist. Aber das wäre dann wieder das alte, das zulässige Kriterium der Prognose.

Die Schuld-Logik wäre am Ende verheerend

Doch die Forderung, dass Geimpft gegen Ungeimpft eine eigene Kategorie werden soll, hat ein anderes Motiv. Sie will eine Schuld an der Krankheit berücksichtigen. Motto: Eine Ungeimpfte darf ja wohl keinem Geimpften das Beatmungsgerät wegnehmen! Diese Schuld-Logik wäre am Ende verheerend. Man muss sich die Situation von Ärztinnen und Ärzten vorstellen, die priorisieren müssen. Sie können sich ohnehin leicht schuldig fühlen bei dieser harten Entscheidung unter Zeitdruck. Wenn sie obendrein anderen Schuld zuweisen müssten, wäre es der reine Horror. Sollen sie noch einbeziehen, dass die Motorradfahrerin auch hätte die S-Bahn nehmen können?

Die Retterinnen und Retter brauchen Beratung und Seelsorge. Sie müssen entlastet werden von Schuldgefühlen und bewahrt vom Zynismus der Erschöpften. Sie dürfen nicht allein gelassen werden in ihren Dilemmata, auch nicht mit denen, die jetzt schon an ihnen nagen. Denn auch wenn die Frage, wer ans Beatmungsgerät kommt, noch nicht voll da ist, müssen andere Entscheidungen getroffen werden: Welche Operation wird verschoben, um ein Intensivbett zu sparen? Welches Risiko entsteht, wenn in der Wartezeit die Krankheit weiter fortschreitet? Wie gefährlich ist der Transport für die Patientin, die 200 Kilometer weit ins nächste Krankenhaus verwiesen wird? Die Retterinnen und Retter: Sie sind konfrontiert mit dem Unterlassenmüssen, weil das Gesundheitssystem überstrapaziert ist. Sie müssen es bereits: Aussuchen, auslesen, sortieren. Diese Priorisierung läuft schon, die schleichende Triage. Dabei ist sie gar nicht leise. Sie schreit zum Himmel.