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StartseiteInterview"Gauck ist ein Menschenfischer"23.03.2012

"Gauck ist ein Menschenfischer"

Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth zur Antrittsrede des Bundespräsidenten

In seiner ersten Rede habe Bundespräsident Joachim Gauck vielen Bürgern aus der Seele gesprochen, meint der Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Gerade die außerordentliche Fähigkeit, einen breiten Konsens herbeizuführen, sei die Stärke des neuen Staatsoberhauptes.

Dirk-Oliver Heckmann im Gespräch mit Gerd Langguth

Der neu gewählte Bundespräsident Joachim Gauck hat seine erste Rede gehalten (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Der neu gewählte Bundespräsident Joachim Gauck hat seine erste Rede gehalten (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
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Dirk-Oliver Heckmann: Joachim Gauck, der elfte Präsident der Bundesrepublik Deutschland, er hat am Vormittag vor Bundestag und Bundesrat und den Vertretern der weiteren Verfassungsorgane im Reichstagsgebäude seinen Amtseid abgelegt. Mit Spannung war erwartet worden, ob er das Themenspektrum, mit dem er bisher verbunden wurde, den Wert der Freiheit, ob und wie weit er dieses Spektrum erweitern würde, etwa um das Thema der sozialen Gerechtigkeit. Von Seiten der Linken war er ja auch nach seiner Wahl als "Präsident der kalten Herzen" bezeichnet worden.

Am Telefon begrüße ich Professor Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn. Schönen guten Tag.

Gerd Langguth: Guten Tag, Herr Heckmann.

Heckmann: Herr Langguth, Sie haben die Rede des Bundespräsidenten verfolgt. Hat er den richtigen Ton getroffen?

Langguth: Ich denke ja. Gauck ist ja ein Menschenfischer und so, wie er den Bundestagspräsidenten gelobt hat, hat er die Politiker gelobt, hat alle gelobt und hat natürlich auch damit bewirkt, dass alle sich von ihm irgendwie getroffen fühlen, positiv getroffen fühlen.

Heckmann: Er hat alle gelobt. Eine Rede also, die keinem weh tut?

Langguth: Ja, das kann man sagen. Aber trotzdem war sie natürlich eine Rede, die bemerkenswert war. Er hat nämlich erst einmal den Eindruck vermittelt, dass er eben nicht nur an das Thema Freiheit denkt, sondern auch an andere, auch Zukunftsthemen, und damit hat er abgeräumt von einem Thema, dass man ihm gesagt hat, dass er sich nur sehr monokausal mit einem Thema beschäftigen würde.

Heckmann: Das heißt, er konnte diesen Eindruck widerlegen, diesen Vorwurf, ein Ein-Themen-Präsident zu sein?

Langguth: Ja. Jedenfalls hat er sich darum bemüht und er hat sich ja auch bemüht, ein lernfähiger Präsident sozusagen auf diese Weise zu werden. Aber er hat ja zum Beispiel die 68er-Generation auf einmal gelobt, er hat was Positives zu den Gewerkschaften gesagt, er hat auch den linken Flügel im Haus, im Parlament entsprechend gewürdigt, hat aber auch was zu Konservativen gesagt. Also er hat eine außerordentliche Fähigkeit, einen breiten Konsens herbeizuführen, und das ist heute wieder bestätigt worden.

Heckmann: Aber, Herr Langguth, breiter Konsens gut und schön, aber ist es nicht auch die Aufgabe eines Bundespräsidenten, anecken zu wollen?

Langguth: Ja. Er hat auch selber gesagt, dass auch Politiker anecken sollen, dass auch Politiker mal sagen sollen, was sie wirklich denken, und das wird er natürlich auch tun müssen. Aber es wird natürlich nicht die Aufgabe in seiner ersten Rede sein. Er wird sicherlich noch Reden halten müssen, wo er auch Anstößiges sagt, wo er auch Dinge sagt, die die Leute nicht unbedingt hören wollen, aber heute das zu tun, das wäre sicherlich der falsche Zeitpunkt gewesen.

Heckmann: Was war seine zentrale Botschaft heute?

Langguth: Seine zentrale Botschaft war natürlich, dass man dieses Land, in dem wir leben, lieben kann und dass dieses Land sich auch entsprechend so entwickelt hat, dass es auch für die Bürger da ist. Er hat natürlich seine zentrale Botschaft, dass wir eine Bürgergesellschaft sind, eine Gesellschaft, die nicht nur von Parteien bestimmt wird, sondern auch von den Bürgern selbst, und damit hat er natürlich auch vielen Bürgern aus der Seele gesprochen.

Heckmann: Haben Sie irgendwelche Hinweise aus der Rede gewonnen darauf, welche Schwerpunkte er in Zukunft setzen wird?

Langguth: Nein, nicht wirklich. Er hat gesagt, dass er quasi alles als Schwerpunkt nehmen wird, aber dass er jetzt sagen wird, so wie das sagen wir bei Köhler der Fall war, er wird sich jetzt um die Dritte Welt besonders kümmern, oder so etwas, das war bei Gauck nicht vorhanden.

Heckmann: Was würden Sie ihm ans Herz legen, um welche Themen sich besonders zu kümmern?

Langguth: Na ja, es ist schon wichtig, dass er sich mit dem Thema soziale Marktwirtschaft auseinandersetzt. Ich würde auch das ganze Thema Energiefrage und Ökologie ihm anempfehlen und natürlich auch das, was sein Lieblingsthema ist: Freiheit. Er hat ja eine bemerkenswerte Biografie einzubringen und das ganze kann er ja auch auf eine sehr gute pastorale Weise unter die Leute bringen. Also es war heute von daher fast so was wie ein erhobener Gottesdienst.

Heckmann: Beim Thema soziale Gerechtigkeit hat Joachim Gauck selber gesagt, nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, dieses Thema habe er anderen kompetenteren Personen überlassen wollen. Glauben Sie denn, dass er dieses Thema wirklich glaubwürdig auch bearbeiten kann?

Langguth:: Ja, aber er wird es auch bearbeiten müssen ein Stück weit, weil er natürlich dem Vorwurf sich aussetzt, dass er sonst nur die soziale Kälte vertreten würde, und da hat die Kritik an Gauck die letzten Tage schon Früchte bei ihm getragen.

Heckmann: Sie haben, Herr Langguth, schon viele Antrittsreden von Bundeskanzlern, von Bundespräsidenten verfolgt. Wie sehr stach diese von Joachim Gauck heraus?

Langguth: Na ja, er hat eine Rede gehalten, die also in einem höchsten Maße einen Konsens herbeigeführt hat, und das wird auch seine Stärke sein. Er ist ein Menschenfischer und kann eben auch den Konsens betonen und unterstreichen, und das, meine ich, sollte man ihm auch am heutigen Tage lassen.

Heckmann: Dass er Beate Klarsfeld nicht erwähnt hat, ein kleiner Fauxpas?

Langguth: Na ja, also ich muss sagen, es kommt darauf an, wie er zu Klarsfeld steht. Wenn er sie nicht für erwähnenswert hält aus bestimmten Gründen, dann finde ich es auch in Ordnung, dass er sie nicht erwähnt hat. Immerhin hat Frau Klarsfeld – das muss man ja mal sehen – ja auch Geld entgegengenommen dafür, dass sie bestimmte Recherchen zum Beispiel über Kiesinger angestellt hat. Dass das einen Mann wie Gauck in besonderer Weise stören wird bei der Geschichte, die Gauck hat als Stasi-Unterlagenbeauftragter, das kann ich sogar ein Stück weit verstehen. Aber wohl gemerkt, ich will jetzt nicht richten. Ich finde es nicht so bemerkenswert, dass er die Dame nicht erwähnt hat.

Heckmann: Der Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, Professor Gerd Langguth, war das hier im Deutschlandfunk. Danke Ihnen für das Gespräch.

Langguth: Danke Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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