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StartseiteKommentare und Themen der WocheVom hohen Tier zum vermeintlichen Arbeiterführer13.10.2018

Gauland und AfDVom hohen Tier zum vermeintlichen Arbeiterführer

Einen Zeitungsgastbeitrag von AfD-Chef Alexander Gauland nur mit einer Hitler-Rede zu vergleichen, greife zu kurz, kommentiert Stephan Detjen. Die AfD sei "ein Gewächs unserer Zeit". Gauland fülle rhetorisch die Lücke, die eine zerrissene Linke und der Niedergang der bürgerlichen Volksparteien hinterließen.

Von Stephan Detjen

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Alexander Gauland (AfD) hält im September 2017 bei einer AfD-Wahlkampfkundgebung in Magdeburg eine Rede. (imago stock&people)
Bei einer AfD-Wahlkampfkundgebung in Magdeburg im September 2017 hält Alexander Gauland eine Rede. Zuschauer skandieren "Wir sind das Volk gegen die da oben". (imago stock&people)
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Es ist nur ein Teil einer Hitler-Rede, die dem FAZ-Text aus der Feder Alexander Gaulands ähnelt. Die Parallelen stechen ins Auge. Beide attackieren eine heimatlose Elite, die es sich frivol gut gehen lässt, während das Volk verarmt und das Land verkommt. Was bei Gauland eine "globalisierte Klasse" ist, war bei Hitler eine "wurzellose internationale Clique". Der NS-Diktator musste bei seiner Rede im November 1933 nicht aussprechen, wer gemeint war. "Juden" sekundierte das Publikum. Die Juden Gaulands seien "Wir. Die Demokraten dieses Landes", wusste Ex-SPD Chef Sigmar Gabriel in dieser Woche zu erklären.

Gauland war selbst immer Elite

Wie immer führen NS-Vergleiche auch in diesem Fall schnell in die diskursive Sackgasse. Am Ende ist der Blick auf die spezifischen Konstellationen der Gegenwart versperrt. Wer meint, Gauland trage eine Maske, unter der dann doch wieder nur der altbekannte Schnauzer hervorkomme, wird nicht verstehen, dass die AfD eben nicht ein Wiedergänger der NSDAP ist, sondern ein Gewächs unserer Zeit. Gerade der Vergleich des Gauland-Textes mit der Hitler-Rede von 1933 zeigt auch die Unterschiede: Hitler inszenierte sich damals in einer Fabrikhalle der Berliner Siemens Werke als Arbeiterführer, der selbst ganz von unten kommt.

Das Essen war nicht fein genug für Gauland

Gauland dagegen war selbst immer Elite. Als Chef einer Staatskanzlei, als Zeitungschefredakteur, als einer, der in der Kohl-CDU von einem Machtsystem profitierte, das viel exklusiver war, als jene Eliten, die er heute angreift. Womit er nicht zurechtkam, war der Wandel der Zeit, der seine Partei und das Land veränderte: Immer mehr Leute, die Boateng heißen oder so aussehen in der Nachbarschaft; eine ostdeutsche Frau an der Spitze der CDU; Schwule im Adenauer-Haus, junge Leute, schon wieder auch Frauen!, die nicht mehr nur über die Seilschaften der alten Männer nach oben kommen wollen.

Den Bruch mit seiner alten Partei hat Gauland vollzogen, so hat er es selbst immer wieder erzählt, weil ihm das Essen, mit dem man ihn beim letzten Besuch im Adenauer-Haus bewirtete, nicht fein genug war. Seitdem macht er auf Arbeiterführer.

Gaulands Problembeschreibung ist common sense

Doch für die Analyse einer sozialen Spaltung zwischen weltläufig-urbanen Eliten und abgehängten Bevölkerungsteilen in ländlichen Räumen sowie einer verunsicherten Mittelschicht muss Gauland weder Hitler-Reden lesen noch die Mitte politischer und akademischer Gesellschaftsbeobachtung verlassen. Die Problembeschreibung ist sozialwissenschaftlicher common sense.

Der britische Journalist David Goodman spricht von den "anywheres", die mit ihresgleichen in den Großstädten überall in der Welt mehr gemeinsam haben als mit den "somewheres", für die sich Horst Seehofer als Heimatminister zuständig erklärte. Der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz definiert die Bruchkannte zwischen einer universellen Hyperkultur und einem Kulturessentialismus, der behauptet, stets ganz genau zu wissen, wer wohin und wozu gehört.

Lob für Sarah Wagenknecht

Bemerkenswerter als der Rückgriff auf Sprechweisen der Nationalsozialisten ist die ausdrückliche Referenz, die Gauland an Sarah Wagenknecht adressiert. "Sie hat begriffen", lobt der Rechtsaußen die Anführerin der Linken. Die politischen Extreme finden nicht nur in Zeit- sondern auch in Gesinnungsgenossenschaft zusammen. Auch das ist keine neue Erkenntnis. Wo aus der Analyse der gesellschaftlichen Brüche politisches Programm wird, klingt Gauland nicht nur wie ein Echo aus düsteren Zeiten. Viel gegenwärtiger verwandelt er sich den Jargon der linken Kapitalismus- und Globalisierungskritik von Naomi Klein bis Jean Ziegler an.

Linke kommt nicht geschlossen auf die Beine

Wie sehr er die Linke damit in ihrer eigenen Verunsicherung trifft, lässt sich an diesem Samstag in Berlin besichtigen. Zehntausende demonstrieren dort gegen als "rechts" gebrandmarkte Politik und Rhetorik. Der große Schulterschluss aber, den das Motto "unteilbar" ankündigt, bleibt das nur halb eingelöstes Versprechen einer linken Selbstfindung. Weder gelingt es, die gesamte bürgerliche Mitte – Kirchen, Unternehmerverbände, bundesweite Gewerkschaften, Unionsparteien oder Liberale – zu mobilisieren, noch kommt wenigstens die Linke geschlossen auf die Beine. Ausgerechnet Sarah Wagenknecht, die sich die Sammlung der Linken auf die Fahnen ihrer Bewegung geschrieben hat, will nicht auf eine Demo gehen, die als Plädoyer für offene Grenzen verstanden werden könnte.

Solche Gegner umarmt Herr Gauland gerne. Die Linke zerrissen, die bürgerlichen Volksparteien im freien Fall. Der AfD-Chef hat ein vergnügliches Wochenende vor sich. Er muss nicht einmal in die Geschichtsbücher schauen, um zu verstehen, wie man aus solchen Lagen politischen Gewinn schlagen kann.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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