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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie AfD rutscht weiter nach rechts ab08.07.2019

Gaulands Einfluss schwindetDie AfD rutscht weiter nach rechts ab

Die AfD radikalisiere sich inhaltlich immer mehr, analysiert Nadine Lindner. Das zeige sich daran, dass der sogenannte "Flügel" von Björn Höcke immer mehr an Einfluss gewinne. Wenn CDU-Politiker über Koalitionen mit der AfD nachdenken, sollte ihnen das Abgleiten der Partei nach rechts klar sein.

Von Nadine Lindner

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Die Parteivorsitzenden Alexander Gauland und Jörg Meuthen (dpa/ picture alliance/  Emmanuele Contini)
Bislang ließ Parteivorsitzender Alexander Gauland vieles einfach laufen in seiner Partei, meint Nadine Lindner (dpa/ picture alliance/ Emmanuele Contini)
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Einen gärigen Haufen hat Alexander Gauland, Parteivorsitzender, Fraktionsvorsitzender, derzeit noch graue Eminenz in der AfD, seine Partei einst genannt. Es war eines seiner oft genutzten Erklärungsmuster und auch Entschuldigung für die zahlreichen Fehltritte und Grenzüberschreitungen aus seinen eigenen Reihen. Damit kaschierte Gauland in den letzten Jahren auch immer gern und mit einem innerlichen Achselzucken innerparteiliche Konflikte.

Doch spätestens seit diesem Wochenende wird deutlich, wie stark der Einfluss des 78-Jährigen in der Partei mittlerweile erodiert ist. Wie stark, das zeigte unter anderem das Kyffhäusertreffen des sogenannten Flügels am Samstag in Leinefelde. Gauland ist zwar nicht selbst Mitglied im Flügel, hat aber aus seinem Wohlwollen selten einen Hehl gemacht. Doch am Samstag versuchte Gauland vergeblich den rechten Parteiflügel zur Räson zu rufen. Man müsse sich auch mal auf die Lippe beißen, die AfD sei nicht gegründet worden, damit jeder alles sagen könne, so Gaulands Appell. Doch nicht nur Björn Höcke widersprach ihm prompt auf offener Bühne.

Höcke-Kritiker fast niedergeschrien

Bislang ließ Gauland vieles einfach laufen in seiner Partei. Und das rächt sich nun. Denn der Flügel beeinflusst nun auch mehr und mehr die Landesverbände im Westen. Beim Landesparteitag am Wochenende in Nordrhein-Westfalen wurden Höcke-Kritiker fast niedergeschrien, am Ende traten moderate Vorstandsmitglieder zurück, die Flügel-Vertreter blieben im Vorstand des mitgliederstärksten Landesverbandes.

Ein anderes erstes Warnsignal gab es bereits am Wochenende zuvor in Schleswig-Holstein. Dort wurde Flügel-Anhängerin Doris von Sayn-Wittgenstein zur Landeschefin gewählt, obwohl gegen sie ein Parteiausschlussverfahren läuft – weil sie einen rechtsextremen Verein unterstützt hat. Die vernünftigen Kräfte würden sich dort schon durchsetzen, so hieß es vorab  aus dem Bundesvorstand. Es zeigte sich: diese Prognose war völlig falsch.

Liberale Vertreter melden sich nur noch selten zu Wort und sind zu oft Einzelkämpfer. Eine populäre Zugfigur, die der gemäßigt auftretenden Alternativen Mitte zu mehr Durchschlagskraft in Partei und Öffentlichkeit verhelfen könnte und einen innerparteilichen Gegenpol zum Rechtsaußen Björn Höcke bilden könnte, ist weit und breit nicht zu sehen. Auch Parteichef Jörg Meuthen, der sich selbst als Vertreter der Wirtschaftsliberalen in der AfD sieht, füllt diese Rolle überhaupt nicht aus. Er will es sich schlicht und ergreifend mit niemandem verscherzen.

Die Partei entgleitet weiter nach rechts

Das Fazit: Ein gäriger Haufen war die Partei schon lange, jetzt scheint sie Gauland, der aus Gründen der innerparteilichen Harmonie und auch der Stimmenmaximierung viel hat durchgehen lassen hat, zu entgleiten. Und zwar weiter nach rechts zu entgleiten. Die Partei radikalisiert sich inhaltlich, Selbstreinigungskräfte versagen. Die Bundesspitze treibt nun die Sorge um, die Partei könnte von Rechtsextremen unterwandert werden. Diese Sorge kommt reichlich spät. Die AfD entfernt sich in diesen Tagen wieder einmal ein Stück weiter vom von ihr selbst definierten Bild einer bürgerlich-konservativen EU-kritischen Partei. Alle, die die AfD zwar zum jetzigen Zeitpunkt, aber vielleicht später einmal als möglichen Koalitionspartner ansehen, wie einige in der CDU, sollten das wissen. 

Nadine Lindner, Deutschlandradio Hauptstadtstudio, Juli 2019 (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner - Dlf-Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die Grünen, Energie- sowie Umweltpolitik zuständig.

 

 

 

 

 

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