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StartseiteInformationen am MorgenBlindgänger zerstören Perspektiven01.06.2015

GazaBlindgänger zerstören Perspektiven

Auch nach seinem Ende im vergangenen Sommer fordert der Gaza-Krieg weiterhin Opfer: Denn noch immer liegen unter den Trümmern im Gazastreifen viele Blindgänger, die leicht explodieren können - 7.000 sollen es laut UNO sein. Besonders Kinder, die in den Trümmern spielen, sind gefährdet.

Von Christian Wagner

Ein Junge sitzt auf seinem Fahrrad im Gazastreifen inmitten von zerstörten Gebäuden. (afp / Mohammed Abed)
Die Opfer der Blindgänger sind häufig Kinder: Neugierig nehmen sie aus den Trümmern Dinge mit, die sie finden. (afp / Mohammed Abed)
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Es war ein Freitag im September, drei Wochen nach dem Ende des Gaza-Kriegs. Da ging im Innenhof der Familie Abu Asser ein Blindgänger hoch.

"Drei aus der Familie waren gleich tot. Einer war schwer verletzt, die Beine zerfetzt. Und meinem Cousin hat es die Hand abgerissen."

Alaa Abu-Asr selbst hat Splitterverletzungen am ganzen Körper. Dass die Raketen der israelischen Armee noch explodieren könnten, sagt er, habe keiner so recht gewusst. Deshalb hatten die jungen Männer das Projektil auch bis nach Hause getragen. Das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge gibt die Zahl dieser Blindgänger aus dem Krieg vom vergangenen Sommer mit 7.000 an.

Adhamm Kaskin gehört zu der Polizeieinheit im Gaza-Streifen, die solche Blindgänger unschädlich machen soll. Von den großen Halb-Tonnen-Bomben haben er und seine Kollegen bisher aber nur 150 entschärfen können.

"In den vergangenen drei Monaten waren es nur acht. Meist liegen die Bomben im Schutt zerstörter Häuser oder in 20 Metern Tiefe. Da müssen wir graben, um dranzukommen. Das ist aufwendig und dauert lange."

Während des Kriegs im Juli und August hatte die israelische Armee so viel Munition eingesetzt wie in keinem anderen Gaza-Krieg zuvor - abgeschossen aus der Luft, durch Artillerie und Marine. Kaskin hat für den Gaza-Streifen aber nur 40 ausgebildete Experten, die er einsetzen kann. 200 hätte er gerne. Und es fehlen Metalldetektoren und Schutzanzüge. Vor allem fehlt Hilfe von außen: Der Polizist zeigt auf dem Hof des Hauptquartiers auf zwei große Behälter:

"Hier sind Phosphorbomben drin. Wir haben sie mit Wasser und Erde bedeckt, damit sie nicht weiterbrennen."

Die Opfer sind oft Kinder

In den Trümmern der zusammengebombten Stadtviertel des Gazastreifens sind die Kinder besonders gefährdet. Neugierig nehmen sie Dinge mit, die sie finden. Ahmed Yousef El-Atar war 13, als er einen Sprengkörper der israelischen Armee zuhause aufbrechen wollte. Die Explosion hat ihm damals die rechte Hand zur Hälfte weggerissen. Die Reste seiner Finger kann er kaum bewegen. Ein Splitter hat eine seiner Nieren verletzt, er nimmt seit Jahren Schmerzmittel.

Vor ein paar Wochen hat Ahmed geheiratet. Seine Zukunftsangst ist dadurch noch größer geworden, er sagt unter Tränen:

"Meine Eltern haben mich sehr bedrängt, ich soll doch heiraten. Obwohl ich doch mit meiner Verletzung überhaupt nicht arbeiten kann, keine Verantwortung tragen kann. Jetzt bete ich jeden Tag, dass Rasmiyah und ich keine Kinder bekommen. Ich könnte nicht für sie sorgen."

Ahmed ist jetzt 20. Als junger Palästinenser in Gaza würde er es normalerweise seinen Eltern und Großeltern nachmachen und stolz eine große Familie gründen. Aber Ahmed hat keine Perspektive.

Und fast jeden Tag gibt es irgendwo im Gaza-Streifen neue Verletzte durch Blindgänger. Oft sind es Kinder.

 

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