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StartseiteInformationen am MorgenSolarzellen als möglicher Ausweg aus der Stromkrise31.05.2017

Gaza Solarzellen als möglicher Ausweg aus der Stromkrise

Stromausfall im Gazastreifen ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Für die politisch verursachte Stromkrise gibt es viele Gründe, doch sie führt dazu, dass die öffentlichen Netze nur zwischen zwei und vier Stunden am Tag Strom liefern. Solarzellen wären eine Alternative, sind aber für die meisten unerschwinglich.

Von Tim Aßmann

Ein palästinensisches Kind hält eine Kerze in der Hand. (AFP / Mohammed Abed)
Demonstration für eine bessere Stromversorgung im Gazastreifen. (AFP / Mohammed Abed)
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In der Firma Bolbol in Gaza-Stadt werden Bindeglieder aus Metall für Klappleitern hergestellt.  Vor jeder der drei großen Stanzen sitzt ein Arbeiter und wirft die fertigen Metallteile in eine Kiste hinter sich. Dieser Betrieb, das sieht man sofort lief schon mal besser und die drei Männer an den Stanzen stellen 75 Prozent der Belegschaft von Talab Bolbol dar. Er hat nur noch vier Leute, vor zehn Jahren waren es noch 60 und vor ein paar Wochen hatte er noch einige Arbeiter mehr als jetzt, aber dann musste er sparen, erzählt der 64-Jährige.

"Weil die Stromkosten gestiegen sind, musste ich wirtschaftlicher werden. Also habe ich ein paar Leute entlassen müssen, um so die höheren Kosten für Energie aufzufangen."

(Deutschlandradio/Tim Aßmann)Talab Bolbol - Unternehmer in Gaza (Deutschlandradio/Tim Aßmann)

Der Metallverarbeitungsbetrieb Bolbol, der vor allem Gaskochplatten herstellt, kann nur noch produzieren, weil Diesel-Generatoren den nötigen Strom liefern. Rund 300 Schekel am Tag koste ihn der Sprit für die Generatoren, erzählt Talab Bolbol – das sind umgerechnet knapp 80 Euro. Auf den Strom aus dem öffentlichen Leitungsnetz kann sich im Gazastreifen niemand mehr verlassen. Betriebe, Krankenhäuser, Familien – alle setzen auf Generatoren, seit die ohnehin schon schlechte Stromversorgung in den vergangenen Monaten noch schlechter geworden ist.

Der Stromausfall ist nicht die Ausnahme sondern die Regel. Zwischen zwei und vier Stunden Strom am Tag liefert das öffentliche Netz im Schnitt. Das einzige E-Werk in dem abgeriegelten Küstenstreifen steht wegen wegen Spritmangel still und die palästinensische Autonomiebehörde von Präsident Abbas hat angekündigt, auch die Zahlungen für Stromlieferungen aus Israel einzustellen. Zusätzlich hat Abbas die Gehaltszahlungen für staatliche Angestellte im Gazastreifen gekürzt, um Druck auf die dort regierende Hamas zu machen. 

Stromkrise trifft die Bevölkerung mit voller Wucht

Der Markt von Gaza-Stadt. Es ist Ramadan, doch die Kunden versuchen bei den Einkäufen für das abendliche Fastenbrechen zu sparen, denn schließlich muss ja auch Diesel für die Generatoren gekauft werden. Seine Familie müsse noch mehr rechnen, also sowieso schon, berichtet dieser Mann auf dem Markt.

"Die Lage ist schlimm - wegen der Gehaltskürzungen aber auch insgesamt. Die Leute, die du hier siehst, kommen alle nur zum Gucken. Kaufen können sie nichts."

Die Stromkrise trifft die von Arbeitslosigkeit und Armut gebeutelte Bevölkerung mit voller Wucht – so wie diese Frau.

"Wegen der Stromausfälle verderben uns Lebensmittel und wir müssen sie wegwerfen. Das kostet Geld. Der Kühlschrank fällt uns eben ständig aus. Und das wo ja schon die Gehälter gekürzt wurden. Da ist das nun noch eine zusätzliche Last."

(Deutschlandradio/Tim Aßmann)Marktreiben in Nusseirat (Deutschlandradio/Tim Aßmann)

Ortswechsel. Für Hamada al Ashi ist die Stromkrise gerade kein Thema. Früher sagt er, seien wegen der ständigen Stromschwankungen immer wieder Elektrogeräte kaputt gegangen. Nun steht der 43-Jährige Unternehmer auf dem Dach seines Elternhauses und blickt stolz auf zehn jeweils Zimmertür-große Solarpanele made in China. Seit 16 Monaten versorgen sie die fünf Wohnungen und die Werkstatt in dem Haus mit Strom und Hamada ist mit seinem Kauf voll zufrieden.

"Ich hatte zwei Gründe, den Strommangel und ich wollte die hohen Kosten senken. Das ist gelungen. Ich konnte sie halbieren – im Vergleich zu dem, was ich vorher mit dem Generator bezahlt habe. Aus dem öffentlichen Stromnetz bekomme ich nur noch maximal vier Stunden Strom am Tag."

Bedarf an Solarenergie ist gestiegen

Solartechnik. Sie könnte die Antwort sein auf die Stromkrise im Gaza-Streifen. Denn wenn das von Arbeitslosigkeit und Armut gezeichnete Gebiet irgendetwas ausreichend hat, ist es Sonne. Doch so einfach ist es natürlich nicht und deswegen könnten die Geschäfte von Khalil el Jabary auch besser laufen. Seit sieben Jahren verkauft er Solaranlagen und nachdem der Anfang schwierig war, könnte er jetzt eigentlich mehr Umsatz machen, sagt er. Theoretisch.

"Die Leute kennen Solarenergie jetzt besser und haben auch Vertrauen. Der Bedarf ist ebenfalls gestiegen. Viele würden sich gerne eine Anlage kaufen, können es sich aber leider nicht leisten."

Solarzellen der Familie El Ashi (Deutschlandradio/Tim Aßmann) (Deutschlandradio/Tim Aßmann)

Denn eine Anlage aus Zellen, Umwandler und Batterien, wie sie nötig wäre, um eine durchschnittliche Familie in Gaza mit Strom zu versorgen, kostet circa 10.000 Schekel, umgerechnet etwas mehr als 2.500 Euro. Das ist für die meisten im Gaza-Streifen ein Vermögen und daher müssen sie weiter auf Dieselgeneratoren setzen und sparen, um sich den Treibstoff leisten zu können.

Hinzu kommen die Lohnkürzungen, die zehntausende staatliche Angestellte treffen. Im Ergebnis können die Menschen weniger konsumieren und das wirkt sich dann auf alle Branchen aus. Auch dieser Apotheker in Nusseirat im Süden des Gaza-Streifens ist betroffen.

"Die Lage wird von Tag zu Tag schlechter. Heute ist es besser als morgen und gestern war es besser als heute. Die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich ständig."

Und das was der Apotheker noch verkaufen kann, hat auch mit der desaströsen Lage zu tun: "Die Nachfrage an Psychopharmaka ist hoch. Viele Leute klagen über psychische Probleme. Wenn ich ohne Rezepte verkaufen würde, wäre der Umsatz sehr hoch, aber das darf ich nicht und mache ich auch nicht."

Ein Ende der Stromkrise ist nicht in Sicht. Palästinenserpräsident Abbas und seine Fatah-Partei auf der einen und die Hamas im Gazastreifen auf der anderen Seite sind von einer Einigung weit entfernt. Die Energiekrise könnte sich eher noch verschärfen, falls Israel die Stromlieferungen nach Gaza reduziert oder einstellt, weil Abbas und seine Autonomiebehörde nicht dafür bezahlen. Der Dauerstreit der beiden großen palästinensischen Parteien wird also einmal mehr auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen.

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