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StartseiteHintergrundGedemütigt, gemobbt, ausgenutzt01.05.2010

Gedemütigt, gemobbt, ausgenutzt

Wachsen die Billig-Discounter auf Kosten ihrer Mitarbeiter?

Offiziell bezahlen die meisten Discounter ihre Angestellten nach Tarif. Doch die Wochenarbeitszeit ist kaum einzuhalten, schließlich sind viele Filialen an sechs Tagen die Woche von sieben Uhr früh bis 20 Uhr abends geöffnet. Und das bedeutet: unbezahlte Überstunden.

Von Elke Schmidhuber

In der Kritik: Discounter (AP)
In der Kritik: Discounter (AP)
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"Der ganze Rolli ist meine Lieferung, meine heutige Anlieferung an Wurst, das was ich bestellt habe."

Es ist Samstag, sechs Uhr in der Früh. An der Laderampe einer Netto-Filiale in München-Neuaubing werden Waren angeliefert. Filialleiterin Roswitha Bauer hat den LKW schon erwartet. Brot, Gemüse, Obst, Fleisch und Wurst werden täglich frisch geliefert. Um halb sieben ist Arbeitsbeginn.

"Aber ich bin dann meistens schon gegen halb sechs in der Filiale, gegen sechs kommt dann die Frühschicht."

"Was machen Sie dann von halb sechs bis sechs?"

"Das Brot einräumen."

Roswitha Bauer hat bei einem der größten Lebensmitteldiscounter, nämlich Aldi, Verkäuferin gelernt und ist dann in die Filialleitung aufgestiegen. Palettenziehen, Kartons aufschneiden, schwere Ware schleppen - die Arbeitsabläufe beherrscht sie aus dem Effeff. Schnell kontrolliert die 30-Jährige den Wareneingang.

"Den schneide ich auf, lege den mal hin. Chinakohl, Eisberg, Kopfsalat, Brokkoli, Kugelrettich, Trauben. Heute, keine Fehlartikel. Es ist alles geliefert worden, das was ich bestellt habe."

"Wie viele Mitarbeiter gehören zur Frühschicht?"

"Wir sind meistens eins zu eins, also ich, die Marktleiterin und eine Verkäuferin."

Zwei Mitarbeiter sind also bei der Netto-Filiale fest angestellt. Gemeinsam mit ihrer Kollegin schleppt die zierliche Frau Bananenkisten an den richtigen Platz, danach sind die Orangen an der Reihe, dann die Mandarinen.

"Wir haben auch ganz schön zu schleppen, bei den Bananen sind die Kisten nicht so leicht, wie man denkt, oder so eine ganze Kiste Orange wiegt dann doch schon 20 Kilo. Wenn man Fülle präsentiert, das kommt ganz gut an, optisch für das Auge."

"Und wie schaffen Sie das auf Dauer?"

"Ja an manchen Tagen kann man nicht verleugnen, dass es manchmal im Rücken zwickt."

Möglichst schnell muss die Arbeit von der Hand gehen, denn bereits um 7 Uhr öffnet der Markt. Danach muss die Einräumarbeit parallel zum Kassieren geschehen.

"Das war nicht so mein Traumberuf, aber ich hab mich damals eben bei diesem Wettbewerber beworben. Ich wollt in den Einzelhandel, ein bisschen in den Verkauf. Und da bin ich eben hängen geblieben. Das ist genau mein Ding."

Roswitha Bauer packt gerne an. Sie arbeitet schnell. Allerdings hat der verantwortungsvolle Arbeitstag einer Filialleiterin auch seine Schattenseiten.

"Nicht nur lang, auch stressig, hab viel um die Ohren. Ich bin zuständig von der Bestellung täglich zur Organisation, wann die Paletten kommen, dass die Ware richtig verräumt wird. Immer ein Auge nach jedem."

Offiziell bezahlen die meisten Discounter ihre Angestellten nach Tarif: 2600 Euro brutto verdient die 30-Jährige für eine 37,5 Stundenwoche. Doch diese Wochenarbeitszeit ist kaum einzuhalten, schließlich ist die Filiale an sechs Tagen die Woche von sieben Uhr früh bis 20 Uhr abends geöffnet. Macht unterm Strich eine wöchentliche Öffnungszeit von 72 Stunden, in denen Roswitha Bauer den Laden anderen Mitarbeitern nur ungern alleine überlässt.

Doch selbst wenn sie wollte, der Personalschlüssel im Unternehmen ist am Umsatz orientiert; ihre Filiale aber ist neu und liegt am Rande eines Wohngebietes. Es verirrt sich wenig Laufkundschaft hierher. Deshalb reicht der Umsatz gerade einmal für die vorgeschriebene Mindestbesetzung: für zwei Angestellte und wenige Aushilfen. Die personelle Unterbesetzung - ein Dilemma für Discounterangestellte. Und für die Gewerkschaft Verdi eine Herausforderung.

Was besonders deutlich wird am Beispiel der Drogeriemarktkette Schlecker. In einer Schlecker-Filiale in Augsburg begrüßt ein typischer TV-Werbespot die Kunden. Hanna Wolters ist alleine für den Laden zuständig. Aus Angst, beobachtet zu werden, wenn sie mit den Medien spricht, gehen wir durch einen Hintereingang direkt in ein kleines Zimmer. Da eine Betriebsrätin anwesend ist, darf der Raum ohne Genehmigung aus der Schlecker-Zentrale für ein Interview genutzt werden.

Jahrelang war der Schleckerkonzern dafür bekannt, möglichst viele kleine Filialen eröffnen zu haben, um überall in Deutschland präsent zu sein. Mit über 30.000 Mini-Filialen hat es Konzernchef Anton Schlecker zeitweise zum unangefochtenen Branchenführer gebracht. Doch der Absatzmarkt stagniert und die Konkurrenz - dm, Rossmann und Müller - holt auf.

Schlecker schreibt mittlerweile rote Zahlen. Darum will das Unternehmen umsatteln. Seit letztem Jahr eröffnet der Konzern unter dem Namen Schlecker XL neue Läden im Großformat. Für die Angestellten der alten Filialen ein Problem: Denn die meisten der langjährigen Mitarbeiter wurden betriebsbedingt gekündigt, da es sich bei den XL-Filialen - laut Schlecker - um ein neues Unternehmen handelt.

Hanna Wolters ist eine von denen, die entlassen wurden. Nachdem sie neun Jahre lang einen kleinen Schlecker-Markt in Augsburg geführt hat.

"Ich hab zwei Kinder, also ich bin alleinerziehend, bin fast neun Jahre bei Schlecker. Also Sozialauswahl wurde überhaupt keine gemacht, klar, das zermürbt einen unwahrscheinlich."

Die 40-Jährige ist enttäuscht. In den neuen Großfilialen ist Hanna Wolters nicht mehr erwünscht. Für die XL-Läden wird junges Personal gesucht, weil es weniger kostet.

"Wobei mittlerweile auch bekannt ist, dass in Augsburg drei Märkte zur Verfügung stehen. Das heißt, ich bin Verkaufsstellenverwaltung. Also kann ich eine Verkaufsstelle führen. Aber die wollen mich einfach nicht mehr."

Die Gewerkschaft Verdi wundert sich über die Situation bei Schlecker schon lange nicht mehr. Die Arbeitnehmervertreter sind harte Auseinandersetzungen mit dem Unternehmen gewohnt: um Betriebsratswahlen, um Stundenlöhne und das Tarifrecht. Der Wille zum Kampf wird jetzt anscheinend erneut auf die Probe gestellt.

Bei Schlecker musste die Gewerkschaft allerdings auch lernen, wie schwer es ist, geltendes Recht gegen den Willen eines Arbeitgebers durchzusetzen. Laut dem Betriebsverfassungsgesetz haben Angestellte und Arbeiter in einem Unternehmen mit mindestens fünf ständigen Arbeitnehmern eigentlich das Recht auf einen Betriebsrat, der als gewähltes Organ die Arbeitnehmerinteressen vertritt. Die Realität allerdings sieht anders aus - jedenfalls bei Schlecker: knapp 11.000 Angestellte hat der Konzern deutschlandweit, doch nur wenige trauen sich, in die Gewerkschaft einzutreten. Zu groß ist unter den Mitarbeitern die Angst, deswegen den Arbeitsplatz zu verlieren.

Ein weiterer Grund, warum sich Gewerkschaften so schwer tun, in Discountern Arbeitnehmerrechte umzusetzen, liegt in deren Unternehmensstruktur. Die Schlecker-Mitarbeiter etwa lassen sich nur schlecht organisieren. Die Filial-Struktur lässt ein Wir-Gefühl nur schwer entstehen - anders als bei Beschäftigten in Großunternehmen, die an einem Standort konzentriert sind.

Die großen Discounter-Ketten versuchen, möglichst ohne Mitarbeitervertreter auszukommen. Aldi beispielsweise arbeitet ohne Betriebsräte, ohne Tarifverträge und ohne Pressestelle, will heißen: unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Bei den Konkurrenten Netto, Lidl, Penny und Schlecker gibt es mittlerweile Betriebsräte, doch nur vereinzelt. Keines der Unternehmen war bereit, in einem Interview dazu Stellung zu nehmen.

Hanna Wolters ist Gewerkschaftsmitglied. Mit Unterstützung des Betriebsrates zog sie wegen der betriebsbedingten Kündigung gegen ihren Arbeitgeber vor Gericht. Die Richter gaben ihr Recht. Die betriebsbedingte Kündigung wurde nicht anerkannt. Dem Urteil nach handelt es sich bei den Schlecker XL-Märkten faktisch um die Fortführung des alten Betriebszwecks - nur in anderen Räumen.

Zwar hat Hanna Wolters den Prozess gegen Schlecker gewonnen, genutzt aber hat es ihr bisher wenig. Auch wenn ihr in einem der neuen Schlecker-Läden eine Stelle angeboten würde, sie hätte nur Nachteile: In den XL-Märkten erhalten die Mitarbeiter nämlich einen Stundenlohn von 6,50 Euro brutto - und das nur über Leiharbeit. Als langjährige Verkäuferin in der bisherigen Filiale bekam sie 12,50 Euro brutto die Stunde. Sie verdiente also nahezu das Doppelte.

Inge Christel, Verdi-Betriebsrätin bei Schlecker in Augsburg, sieht die niedrigen Stundenlöhne, die der Konzern künftig zahlen will, nicht nur für die einzelne Verkäuferin als problematisch an, sondern auch für die Gesellschaft. Der Grund: Die Verkäuferinnen werden aufgrund der niedrigen Löhne zu sogenannten Aufstockern. Das bedeutet: Die Bundesagentur für Arbeit muss finanziell zuschießen.

"Das heißt dann weiter, die Kolleginnen, die für diesen Tarif arbeiten, heißt bei 1160 Euro brutto, die müssen aufstocken. Und das heißt dann, das zahlen die Steuerzahler mit. Und das kann nicht richtig sein."

Mit den XL-Märkten hat Schlecker es wieder einmal geschafft, die Gewerkschaft Verdi zu umgehen. Denn Schlecker hat mit der umstrittenen christlichen Gewerkschaft einen Tarifvertrag abgeschlossen. Wer sich hinter dieser Gewerkschaft verbirgt, kann Verdi nur vermuten: Es sollen einige Arbeitgeber. Fakt sei, dass die christliche Gewerkschaft eher der gewünschten Unternehmenspolitik der Arbeitgeber nachkommt und weniger die Interessen der Arbeitnehmer vertritt. Eine Unterstellung, die sich laut Verdi am niedrigen Stundenlohn für zudem befristete Jobs belegen lässt. Zum größten Teil sind die Betroffenen Frauen.

Bundesweit arbeiten 960.000 Menschen im Lebensmitteleinzelhandel. Jeder vierte davon mittlerweile bei einem Discounter. Auffällig ist, dass Supermärkte knapp 14 Prozent ihres Nettoumsatzes für Personalkosten ausgeben, bei Discountern ist es gerade halb soviel.

Dabei könnte man meinen, der Arbeitsalltag - ob im Supermarkt oder im Discounter - sei in etwa vergleichbar. Wie kommt es also zu dieser Differenz? Hubert Thiermeyer von der Gewerkschaft Verdi in Bayern sieht die Ursache dafür in den sogenannten "grauen Stunden"; also Stunden, in denen zwar gearbeitet wird, die aber nicht bezahlt werden. Eine übliche Praxis bei Discountern.

"Wir haben bei allen Discountern das Problem, sie werben damit, sie zahlen nach Tarif. Das betrifft die Monatslöhne, aber nicht die Arbeitszeiten, wir haben das Problem, dass Arbeitszeiten abgefordert werden, die nicht bezahlt werden. Es werden Mehrarbeitszuschläge nicht bezahlt, und Spätöffnungszuschläge nicht vergütet, im Kern werden die Beschäftigten untertariflich bezahlt, durch ausufernde Arbeitszeiten, weil die geplante Besetzung so überhaupt nicht funktionieren kann, wird weit über das gearbeitet, was gesetzlich zugelassen ist und übrigens auch gesundheitsschädlich ist. Die Beschäftigten werden über das krank gemacht."

Tatsächlich sind Öffnungszeiten von 72 Stunden die Woche rechnerisch kaum nachvollziehbar - bei einem festgelegten Personalschlüssel von mindestens zwei Personen. Um die tariflich festgelegten 37,5 Stundenwoche pro Mitarbeiter einhalten zu können, müsste der Personalschlüssel doppelt so hoch sein. Es müssten vier Personen im Schichtwechsel arbeiten.

Den einzelnen Filialleitern allerdings wird der Personalschlüssel von der Konzernspitze als ehernes Gesetz verkauft. Auf den Schultern der Angestellten lastet deshalb ein unglaublicher Druck. Es scheint kaum verständlich, warum sie diesen ertragen, obwohl das Arbeitsrecht eigentlich auf ihrer Seite ist. Verdi-Vertreter Thiermeyer sieht das Problem in der Gesetzgebung.

"Warum wehren sich Beschäftigten nicht? Es wirken zwei Dinge. Im Bundesdeutschen Arbeitsrecht ist es so, dass der Beschäftigte selbst vor dem Arbeitsgericht klagen muss. Da hilft ihm keine Polizei oder sonst irgendetwas, sondern, er muss selbst vor Gericht und dort gibt es eine Hemmschwelle, also dass ich erst zu Gericht muss. Und das Zweite ist, wenn es keine Betriebsräte gibt, also eine Interessenvertretung, dann wissen Beschäftigte, dass das Recht nicht einmal das Papier wert ist, auf dem es geschrieben ist, wenn ich nicht Schutzfunktion habe, vor dem, was danach kommt. Trotzdem werden Beschäftigte drangsaliert. Es wird gegen sie vorgegangen, vielfach versucht man sich deren zu entledigen."

Die meisten Verkäufer sind Frauen, viele von ihnen alleinerziehend. Sie haben nur ein Einkommen. Das Gehalt richtet sich nach den Jahren der Betriebszugehörigkeit, nach dem Ort der Filiale und der Position dort. Im Durchschnitt verdient eine Verkäuferin zwischen 1500 und 1800 Euro brutto, eine Filialleiterin zwischen 2600 und 2800 Euro.

"Ein drittes Phänomen ist, dass viele die Erfahrung gemacht haben, dass es nach dem Wechsel nicht besser wurde. Das ist auch unsere Erfahrung. Dem Beschäftigten versuchen deutlich zu machen und mit ihm gemeinsam durchzusetzen, dass sich am Arbeitsplatz etwas verändert, anstatt zu versuchen, über einen neuen Arbeitsplatz etwas Bessere zu finden."

Leichter gesagt als getan. Und dennoch, es gibt Einzelne, die den Kampf aufgenommen haben.

Voll ist es im Schlachthof in Bamberg. Die Gaststätte mit Bühne ist beliebt. Auch an diesem Abend ist sie bis auf den letzten Platz ausverkauft. Eine besondere Lesung hat die Bamberger angelockt. Dabei geht es nicht um das Buch eines berühmten Schriftstellers, sondern um das einer einfachen Verkäuferin.

Es klopft an der Büro, Nadja steckt ihren Kopf durch den Spalt. Mit besorgtem Gesichtsausdruck fragt sie: "Chefin alles in Ordnung?" - "Ist schon gut, wir sind gleich fertig", antworte ich, dabei könnte ich Ihre Hilfe gut gebrauchen, es geht mir miserabel. Nadja macht die Tür wieder zu, Detmann hat es erneut geschafft, mich so runterzuziehen, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Ich dachte, dass er mit mir das nicht mehr machen könnte. Doch der Verkaufsleiter hört nicht auf, "und das mit dem Obst schau ich mir auch nicht mehr länger an, das geht so nicht weiter. Sie sind doch völlig unfähig , eine Filiale zu leiten. Ich frage mich, wie Sie überhaupt an so eine Stelle gekommen sind. Zum Putzen reicht es vielleicht gerade noch, aber für eine leitende Stelle sind Sie völlig ungeeignet."

Im Saal wird es immer ruhiger. Alle Augen sind auf eine zierliche Frau auf der Bühne gerichtet. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, passend zu ihren langen schwarzen Haaren.

Mir wird schwindelig, ich sehe eine Schere auf dem Tisch liegen, mein einziger Gedanke, der muss aufhören. Ich stehe schräg hinter Detmann, der mir seinen Rücken zudreht. Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie ich die Schere nehme und zusteche, dann ist endlich Ruhe, dann macht er niemals mehr jemanden fertig. Doch sofort erschrecke ich mich, ich bin doch keine Mörderin. Was wird aus meinen Kindern werden. Ich bekomme Angst vor mir selbst, wie kann ich nur auf so einen Gedanken kommen. Schluss jetzt, denke ich und das sage ich dann auch: Sperren Sie jetzt die Filiale ab und ich gehe.

Einem Krimi gleicht die Geschichte, die Ulrike Schramm de Robertis zu erzählen hat. Dabei beschreibt sie in ihrem Buch "Ihr kriegt mich nicht" ihr Leben als Filialleiterin bei Lidl.

Die 46-Jährige hat es gewagt: Sie ist in die Konfrontation gegangen. Vor zwei Jahren befragte sie ihre Mitarbeiter, ob sie bereit wären, eine Betriebsratswahl durchzuführen. Drangsaliert, permanent kontrolliert und um viele unbezahlte Arbeitsstunden betrogen - standen die Kollegen hinter ihr.

"Tiefes Durchatmen. Das ist das, was ich erlebt habe. Also, das sind ja nicht nur meine Erlebnisse. Sondern ich als Chefin habe gemerkt, dass ich eigentlich meine Mitarbeiter nicht schützen kann, auch nicht vor Mobbingversuchen oder Demütigungen. Und das selbst hat mir sehr weh getan."

Ulrike Schramm de Robertis hat Hilfe bei der Gewerkschaft Verdi gesucht. Die ihr erklärte, dass in jeder Filiale das Recht auf einen Betriebsrat und eine Betriebsratswahl bestehe. Die Gewerkschaft riet ihr dann auch zu. Doch ihr Engagement blieb in der Konzernzentrale natürlich nicht lange unbemerkt.

"Wie wir eben das Wahlausschreiben gemacht haben wurde uns nahegelegt, wir sollten und das doch noch mal überlegen, denn der ganze Schuss könnte auch nach hinten losgehen. Wir haben alle abgestimmt, und es waren alle dafür. Denn, wo ich heute wirklich stolz drauf bin, dass meine Mitarbeiter wirklich alle gesagt haben: Geht es in die Hose, sind wir alle arbeitslos, und geht es nicht in die Hose, geht es uns nach der Wahl besser."

Heute ist Ulrike Schramm de Robertis froh, den Kampf ausgetragen zu haben. Doch es sei eine schlimme Zeit gewesen, erzählt sie, jahrelang hatte die fünffache Mutter Angst, am nächsten Tag ohne Arbeit da zu stehen.

Der Kampf um einen Betriebsrat - für sie und ihre Kollegen war es eine Zitterpartie, die zusammenschweißte. Der Verkaufsleiter wurde mittlerweile entlassen. Heute ist das Arbeitsklima in der Bamberger Lidl-Filiale besser.

"Uns geht es gut in der Filiale. Das merken auch die Kunden. Die sagen, ihr lacht ihr seid lustig, ihr müsst wirklich ein tolles Arbeitsklima haben. Und es gibt keinen einzigen der sagt, nein. Aber das war ein langer Weg."

Heute fühlen sich die Mitarbeiter sicherer. Sie wissen, mit dem Betriebsrat haben sie ein Gremium, das ihnen zur Seite steht und sie vor Willkür schützt. Gerade Lidl hat mit der Bespitzelung von Mitarbeitern bundesweit Schlagzeilen gemacht.

"Bei uns wollte man ja auch Kameras einsetzen, zu diesem Zeitpunkt hatten wir aber schon einen Betriebsrat und Kameraeinsätze sind mitbestimmungspflichtig. Deswegen haben wir dem nicht zugestimmt"

"Warum haben Sie ein Buch geschrieben?"

"Weil ich vor allem Dingen das verarbeiten kann. Vor allem will ich anderen Mut machen. Ich bin eine ganz normale Frau mit Kindern und ich hab es geschafft, dass man gegen einen Konzern zumindest eine geringe Chance hat, dass eben kein Mensch so behandelt werden darf. Und das habe ich erreicht, denn Lidl hat sich geändert. Lidl hält jetzt alle Bestimmungen ein und deshalb will ich vor allem diesen anderen Menschen Mut machen und sagen: Kämpft, es lohnt sich."

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