Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Freitag, 26.04.2019
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteKommentare und Themen der WocheDunkle Wolken über dem Chemnitzer FC11.03.2019

Gedenken für einen Neonazi Dunkle Wolken über dem Chemnitzer FC

Das widersprüchliche Vorgehen des Chemnitzer FC im Fall des Gedenkens an einen mutmaßlichen Neonazi zeigt vor allem eines, dass der Verein ein strukturelles Problem hat, kommentiert Jonas Panning. Allein könne er das nicht lösen. Der DFB sollte sich deshalb nicht nur bestürzt zeigen, sondern den Verein unterstützen.

Von Jonas Panning

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Im Fanblock des FC Chemnitz ist eine schwarze Fahne mit einem Kreuz aufgespannt. Darunter auf einem weiteren Banner "Ruhe in Frieden, Tommy" (Imago / Harry Haertel)
Zuschauer gedenken des verstorbenen Thomas Haller beim Heimspiel des Chemnitzer FC (Imago / Harry Haertel)

Dunkle Wolken sind aufgezogen über den Himmelblauen in Chemnitz. Die Klubführung erweckt den Eindruck, aktionistisch zu handeln und nicht wirklich zu verstehen, worin der Kern der Kritik liegt. Während der Verein sein Vorgehen am Wochenende noch verteidigte, trat ein paar Stunden später der Geschäftsführer zurück. Echtes Unrechtsbewusstsein: Fehlanzeige. Der öffentliche Druck wurde einfach zu groß.

Heute erstattete der CFC dann Anzeige gegen unbekannt. Der Verein ist ganz offensichtlich von Teilen seiner Fans unter Druck gesetzt worden und hat die Trauerfeier nur ermöglicht, um angedrohten Ausschreitungen zu entgehen. Sicherheitsbedenken standen im Raum. Schweren Landfriedensbruch befürchteten die Mitarbeiter.

Der Boden dafür ist seit Jahren bereitet worden

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass sich der Klub unter Druck setzen ließ und letztlich das Gedenken an einen mutmaßlichen Neonazi und Randalierer unterstützte, sein Foto mit Trauerrahmen auf der Video-Leinwand zeigte, der Stadionsprecher mit emphatischen Worten eine Schweigeminute einleitete?  

Der Boden dafür ist beim einstigen DDR-Meister seit Jahren bereitet worden. So gründete der Verstorbene zum Beispiel Anfang der 1990er-Jahre die mittlerweile aufgelöste Organisation "Hooligans Nazis Rassisten". Gleichzeitig war er mit seiner Sicherheitsfirma bis 2007 für den Ordnungsdienst im Stadion zuständig. In Chemnitz störte sich daran offenbar niemand.

Im Gegenteil: Die Fanbeauftragte, mittlerweile auch entlassen, sagte über den Mann: "Wir waren immer fair, straight, unpolitisch und herzlich zueinander". Ja?! Die Fanbeauftragte. Also die Mitarbeiterin eines Fußballvereins, die dafür da ist, mit Fangruppen zu sprechen, fragwürdigen Tendenzen entgegenzusteuern und als moralisches Vorbild zu agieren. Mit dieser Haltung ist eine Fanbeauftragte gänzlich ungeeignet für ihren Job. Ihr Rücktritt ist deshalb folgerichtig.  

Allein wird der Verein das Problem nicht lösen können

Dass mittlerweile auch der Stadionsprecher und ein weiterer Angestellter gehen mussten, offenbart ein strukturelles Problem. Aber löst es das auch? Sicher nicht. Vereine wie der Chemnitzer FC brauchen Unterstützung. Zum Beispiel von den Sicherheitsbehörden. Wenn Fans mit Ausschreitungen drohen und Mitarbeiter einschüchtern, dürfen sie damit nicht erfolgreich sein. Klubs müssen sich dem mit aller Kraft entgegenstemmen können – und wenn es gar nicht anders geht, muss die Polizei sie dabei unterstützen. Die Gefahrenabwehr ist ihre Aufgabe, auch im Chemnitzer Fußballstadion.

Allein wird der Verein das Problem nicht lösen können. Und er hat es auch nicht allein. Es ist ein größeres Problem im Fußball-Osten und beileibe nicht neu: Auch in Cottbus wurde mit einem Transparent an den verstorbenen Neonazi erinnert. Der DFB sollte sich deshalb nicht nur von den Vorgängen bestürzt zeigen und auf den formal zuständigen Nordostdeutschen Fußballverband verweisen, sondern Vereine wie den Chemnitzer FC unterstützen. Damit sich nicht nur über den Himmelblauen die dunklen Wolken endlich verziehen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk