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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer heutige Tag ist ein Grund zur Freude!08.05.2020

Gedenken zum 8. MaiDer heutige Tag ist ein Grund zur Freude!

Der 8. Mai ist für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein "Tag der Dankbarkeit" - und das vollkommen zurecht, kommentiert Panajotis Gavrilis. Es wäre richtig, diesen Tag bundesweit als Feiertag einzuführen: Um an die Opfer zu erinnern, und um sich und allen klarzumachen: Nie wieder!

Von Panajotis Gavrilis

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, 2.v.r.), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU, 2.v.l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M), Dietmar Woidke (SPD, l), Ministerpräsident von Brandenburg, und Andreas Voßkuhle(r), Vorsitzender des Zweiten Senats beim Bundesverfassungsgericht, während einer Kranzniederlegung zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, die in der Zentralen Gedenkstätte «Neue Wache» der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft stattfindet.  (Getty Images Europe)
Stilles Gedenken: Bundeskanzlerin Merkel, Bundestagspräsident Schäuble, Bundespräsident Steinmeier, Brandenburgs Ministerpräsident Woidke und Bundesverfassungsrichter Voßkuhle an der Zentralen Gedenkstätte «Neue Wache» (Getty Images Europe)
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Für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist der heutige Tag nicht nur ein Tag der Befreiung, sondern auch ein Tag der "Dankbarkeit". Seine Botschaft: Deutschland war einst Feind, nun Freund. Die Welt vertraut den Deutschen wieder, wir leben in einer starken, gefestigten Demokratie, im Herzen eines friedlichen und vereinten Europas.

Deutschland sei vom Gefährder der internationalen Ordnung zu ihrem Förderer geworden, so Steinmeier.

Es klingt erstaunlich selbstsicher, vielleicht auch etwas arrogant und doch: Es ist zerbrechlich. Anders als es Steinmeier in seiner Rede suggeriert, ist die Aufarbeitung von Mittäterschaft, von Mitwisserinnen und Mitwissern noch nicht abgeschlossen.

Widersprüchliche Denkanstöße

Steinmeier spricht sich zudem für einen "aufgeklärten, demokratischen Patriotismus" aus und ergänzt mit Blick auf die Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid: "Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben."

Es klingt wie die Liebe zur Nation mit angezogener Handbremse.

Und es klingt wie ein schön umschriebenes Angebot Steinmeiers an diejenigen, die wieder "stolz sein möchten, Deutsche zu sein".

Was für eine romantisierende Rhetorik, die verkennt, dass es Menschen gibt, die mit so einem Land hadern, das auf eine solche Vergangenheit zurückblickt. Und auch in der Gegenwart gibt es viele, vor allem marginalisierte Gruppen, sich hier bedroht fühlen.

Steinmeier weiß das und hat zu Recht unter anderem den rassistischen Anschlag in Hanau angesprochen.

Ein Tag der "Selbst-Befreiung"

Er greift Richard von Weizsäckers berühmten Satz "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung" auf und will ihn heute neu und anders lesen. Nach vorne gerichtet, aktiv, sich selbst befreien: Von der Versuchung eines neuen Nationalismus, von der Faszination des Autoritären, so Steinmeier.

Er will von Weizsäckers Satz fortschreiben, aber bleibt im Unklaren, wie diese "Selbst-Befreiung" funktionieren soll.

Bild zeigt das zerstörte Nürnberg, Text: 8. Mai 1945, Als stünde die Zeit still (imago images / Everett Collection)Als stünde die Zeit still - Erinnerungen an das Kriegsende (imago images / Everett Collection)

Es sind Denkanstöße an einem denkwürdigen Tag.

Steinmeier skizziert, wie Erinnern aussehen kann. Der Zufall wollte es wohl so, dass das Gedenken heute nicht wie geplant – als Staatsakt vor Hunderten Gästen stattfinden sollte. Die Pandemie zwang, dass wir heute bereits erleben konnten, was bleiben wird, wenn keine Zeitzeuginnen- und Zeugen ihre Geschichte erzählen können: Leere.

Dennoch ist dieser heutige Tag ein Grund zur Freude. Auch wenn nicht alle feiern, wäre es richtig, diesen Tag bundesweit als Feiertag einzuführen. Es wäre richtig, dass alles still steht, alle innehalten, um an die Opfer zu erinnern, um sich und allen klarzumachen: Nie wieder darf sich so etwas wiederholen. Nie wieder.

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