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StartseiteKultur heuteKeine leere Sentimentalität12.04.2015

Gedenkfeier in WeimarKeine leere Sentimentalität

Wie erinnert man an die Befreiung des KZ Buchenwald vor 70 Jahren? Ernsthaft und locker, voller Respekt vor den Opfern, aber auch voller Dankbarkeit gegenüber denen, die überlebt haben und von ihren Erlebnissen berichten. Man wolle kein ritualisertes Gedenken, war dann auch bei der Feier in Weimar zu hören.

Von Henry Bernhard

Der ehemalige französische Häftling im KZ-Buchenwald, Bertrand Herz, spricht am 12.04.2015 während einer Gedenkfeier im Deutschen Nationaltheater in Weimar (Thüringen). (dpa / Sebastian Kahnert)
Der ehemalige französische Häftling im KZ-Buchenwald, Bertrand Herz, spricht am 12.04.2015 während einer Gedenkfeier im Deutschen Nationaltheater in Weimar (Thüringen). (dpa / Sebastian Kahnert)
Weiterführende Information

Gedenkfeier in Weimar - Keine leere Sentimentalität
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 12.04.2015)

Weimar und Buchenwald - Viele Verbindungen zwischen Stadt und KZ
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 11.04.2015)

Ettersberg bei Weimar - Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 11.04.2015)

Treffen der Buchenwald-Überlebenden - "Hoffnung ist das wichtigste Wort der Existenz"
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 11.04.2015)

KZ-Gedenkstätte Buchenwald - Die Geschichte zweier Lager
(Deutschlandfunk, Interview, Rikola-Gunnar Lüttgenau im Gespräch mit Thielko Grieß, 11.04.2015)

Auch so kann Gedenk- und Aufarbeitungskultur klingen: Die Bigband der Musikhochschule Weimar spielt Swing – Musik, die im nationalsozialistischen Deutschland verboten war. Im Foyer des Nationaltheaters Weimar. Zu Gast sind 80 Überlebende des KZs Buchenwald und gut 1.000 Bürger, die sich anschauen und anhören wollen, wie die Gedenkstätte Buchenwald, die Stadt Weimar und das Deutsche Nationaltheater an die Befreiung des KZs vor 70 Jahren erinnern: Ernsthaft, aber locker, voller Respekt vor den Opfern, aber auch voller Dankbarkeit gegenüber denen, die überlebt haben und nun in improvisierten "Zeitzeugencafés" von ihren Erlebnissen berichten.

15 Männer und eine Frau, der Jüngste 84, der Älteste 92. Sol Lurie, geboren 1930 in Litauen, feiert an diesem Tag in Weimar seinen 85. Geburtstag. Dutzende, meist junger Leute, stehen um ihn herum, stellen konkrete Fragen und hören zu, wie er vom Ghetto, von Dachau, Auschwitz und Buchenwald berichtet.

1.388 Tage sei er in den Händen der Nazis gewesen, in der Hölle. Er habe gesehen, wie Menschen vor seinen Augen ermordet wurden. Zur Befreiung vor 70 Jahren war er 15. Und dennoch: Er kehrte in den 50er-Jahren gern als Soldat nach Deutschland zurück. Und auch heute als Ehrengast.

Er fühle sich geehrt, von Deutschen empfangen zu werden, die so anders sind als vor 70 Jahren. Über eine Stunde sprechen die Zeugen der Vergangenheit vor wahren Menschentrauben.

Kein ritualisiertes Gedenken

Gleich im Anschluss daran diskutieren auf der großen Bühne die Filmregisseurin Mo Asumang, der Politikwissenschaftler Hajo Funke und der Stiftungsdirektor der Gedenkstätte Buchenwald Volkhard Knigge über die Frage des Abends: "Alles wieder gut? 70 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald". Volkhard Knigge sprach sich vehement gegen ein ritualisiertes Gedenken aus.

"Die Spitze geht gegen eine pathetisierte erinnerungskulturelle Selbstzufriedenheit, gegen eine Erinnerung, die zur Pathosformel wird, die jungen Leuten nur noch als moralischer Appel gegenüber tritt, als erhobener Zeigefinger, als Pflicht zur Identifizierung oder als leere Sentimentalität oder als leere Sonntagsrede. Ich weiß, dass wir in den Gedenkstätten Gottseidank sehr, sehr genau daraufhin angeguckt werden, ob wir das ernst meinen, was wir sagen."

Erinnern würden wir uns für die Opfer, aber genauso auch für uns: Wer nicht die Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit zöge, der erinnere ins Leere.

Blick auch auf Tröglitz

"Opfer und Täter, Verfolger und Verfolgte, Menschenfeinde und Menschenfreunde fallen nicht vom Himmel! Sie werden gemacht; und es gibt gesellschaftliche und andere Bedingungen, die den Möglichkeiten des Menschen, gut oder extrem scheußlich zu sein, zuarbeiten."

Hajo Funke weist auf Tröglitz hin, wo Rassisten sich dagegen wehren, dass Asylbewerber im Ort untergebracht werden, mit Brandstiftung und Morddrohungen.

"Tröglitz ist ein Testfall. Daran hängt es, ob wir wieder in die frühen 90er-Jahre zurückkehren, weil im Schatten einer Pegida, die von ihren Gründern her ausdrücklich rassistisch daherkommt, die Rechtsextremen sich breit machen – und die dazu geführt haben, dass die Zahl der Gewaltverstöße seit dem Beginn der Pegida-Demonstrationen sich verdoppelt hat. Das heißt, dass man ganz anders an der Seite der Bedrohten ist. Das kann ein Staat, der so viel Macht hat!

Selten sind die Verbindungen aus der Vergangenheit so deutlich: Auch in Tröglitz befand sich 1944/45 ein mörderisches Außenlager von Buchenwald. So hängen im Weimarer Theater auch Ausstellungen über die Opfer des NSU und über rassistische Gewalt in Thüringen. Und nach Podiumsdiskussionen, Zeitzeugengesprächen und Theaterinterventionen folgt die Party: Klezmer bis Mitternacht und Tanz bis in die Morgenstunden. Und der Stiftungsdirektor der Buchenwald-Gedenkstätte Volkhard Knigge wirkt gelöst wie nur selten.

"Aber ja, man darf feiern! Man darf feiern; das Lager ist befreit worden! Da waren noch Menschen am Leben, und im Feiern kann man ja auch diesen Teil stärken. Also, diese Art zu feiern. Ja, Geburtstagsfeier! Für viele Überlebende der zweite Geburtstag!"

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