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StartseiteKalenderblattGedichte, die Unrecht anprangerten18.03.2011

Gedichte, die Unrecht anprangerten

Vor 100 Jahren wurde spanische Schriftsteller Gabriel Celaya geboren

Der Gabriel Celaya Dichter gilt als Begründer der Poesía Social, der politisch engagierten Dichtung. Vom spanischen Liedermacher Paco Ibañez vertont, feierten seine Werke vor allem während der 68-er Revolution und während der Transition, dem friedlichen Übergang von der Franco-Diktatur zur Demokratie, große Erfolge.

Von Julia Macher

Gabriel Celaya verfasste Poesie, die sich die Wirklichkeit zum Vorbild nahm. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Gabriel Celaya verfasste Poesie, die sich die Wirklichkeit zum Vorbild nahm. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Poesía para el pobre, poesía necesaria
como el pan de cada día,
como el aire que exigimos trece veces por minuto,
para ser y en tanto somos dar un sí que glorifica."

Gedichte, die Unrecht anprangern, sind so notwendig wie das tägliche Brot, wie die Luft zum Atmen, heißt es in Gabriel Celayas Text "Poesie ist eine Waffe, mit Zukunft geladen". Von Paco Ibañez vertont, wurden diese Verse Ende der 60er-Jahre zur Hymne des Widerstands gegen den spanischen Diktator Francisco Franco. Mit einem, der Dichtung als Instrument begriff, um die Welt zu verändern, konnten sich sowohl die Oppositionellen im Land wie auch die Exil-Spanier identifizieren.

"Porque vivimos a golpes, porque apenas si nos dejan
decir que somos quien somos,
nuestros cantares no pueden ser sin pecado un adorno.
Estamos tocando el fondo."

Geschrieben hatte Gabriel Celaya diese Zeilen bereits 1955 - als eine Art Grundsatzerklärung der "Poesía Social": Poesie, die sich die Wirklichkeit zum Vorbild nahm, in klarer, einfacher Sprache Missstände anprangerte, Freiheit forderte. Eine solche Haltung machte ihn im Spanien der Diktatur zur Zielscheibe der Kritik.

Gabriel Celaya: "Ich habe jahrelang an Türen geklopft, die sich nicht öffneten. Lange Zeit galt in den Zeitungen die Order, meine Gedichte, meine Bücher nicht zu besprechen. Auch Radio und Fernsehen schnitten mich. Ich habe trotzdem weitergeschrieben, weil ich fest darauf vertraute, dass sich alles zum Guten wenden würde."

So resümierte der Dichter 1978 in einem seiner seltenen Interviews sein Lebensmotto. Geboren am 18. März 1911 in der baskischen Kleinstadt Hernani soll Rafael Múgica – so der Taufname – nach dem Willen des Vaters den Familienbetrieb übernehmen. Er fügt sich – zunächst, studiert mit 17 Maschinenbau in Madrid. In der liberal-fortschrittlichen "Residencia de Estudiantes" freundet er sich mit Luis Buñuel, Federico García Lorca und Rafael Alberti an, lernt Miguel de Unamuno und Ortega y Gasset kennen. Der Austausch mit den Intellektuellen seiner Zeit inspiriert ihn mehr als mathematische Formeln. 1935 veröffentlicht er seinen ersten, surrealistisch geprägten Gedichtband "Marea de Silencio" (Flut der Stille). Die väterliche Firma übernimmt er dennoch, heiratet, bekommt zwei Kinder – und hasst sein bürgerliches Leben. Bis er 1946 Amparo Gastón kennen lernt:

"Sie hat mir gesagt, wie ich schreiben sollte. Sie hat gesagt: Das gefällt mir nicht, das hört sich gekünstelt an. Oder das gefällt mir, das versteht sogar ein Kind. Sie, die keinerlei akademische Ausbildung hat, ist der Mensch, der meine Gedichte und mich am besten verstanden hat."

Gemeinsam gründen die beiden 1947 Editorial Norte. Der Verlag will Brücke sein zwischen den Dichtern der Generation von 1927, dem spanischen Exil und der europäischen Avant-Garde-Dichtung. Rafael Múgica nennt sich von nun an, nach seinen zweiten Vor- und Nachnamen, Gabriel Celaya. Fast jährlich erscheint ein Gedichtband unter diesem Pseudonym. Da die Leserschaft klein ist, ignoriert der Repressionsapparat den aufmüpfigen Basken; verurteilt ihn gleichwohl wegen der Teilnahme an einem studentischen Kongress zu einer saftigen Geldstrafe. In der Madrider Wohnung des Paares schlüpfen Oppositionelle unter. Zwei Mal reist Celaya nach Kuba. Nach dem Tod Francos kandidiert er 1977 für die kommunistische Partei Spaniens – und überwirft sich kurz darauf mit der Führung, weil ihm deren anti-baskischer Kurs zuwider ist.

Der demokratische Neuanfang Spaniens, den Celaya in "España en marcha” beschworen hat, erfüllt nicht alle Hoffnungen. Zu schnell geht die Aufbruchstimmung im politischen Alltagsgeschäft verloren. 1986 erhält der Poet für sein Lebenswerk den Literaturpreis "Las Letras Españolas", die erste staatliche Anerkennung. Seine finanzielle Lage ist angespannt. Als Gabriel Celaya einen Monat nach seinem 80. Geburtstag an den Folgen einer Arterienverkalkung stirbt, muss das Kulturministerium für die Krankenhausrechnungen aufkommen. Als Dichter ein zweites Leben begonnen zu haben, hat der "Ingenieur des Wortes" allerdings nie bereut.

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