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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Vertrauen in den Journalismus steht auf dem Spiel22.12.2018

Gefälschte Reportagen beim SpiegelDas Vertrauen in den Journalismus steht auf dem Spiel

Im Fall Relotius geht es längst nicht mehr nur um das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". In Zeiten von Lügenpresse-Rufen“ und Fake-News-Agenda steht nichts Geringeres auf dem Spiel als das Vertrauen in den Journalismus, kommentiert Panajotis Gavrilis.

von Panajotis Gavrilis

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Verschiedene Ausgaben des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" liegen übereinander auf einem Tisch. (picture alliance/dpa)
"Der Spiegel" (picture alliance/dpa)
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@mediasres im Dialog Vertrauensverlust?

Betrug beim "Spiegel" "Wir werden auf jeden Fall unsere Methoden überprüfen"

Es ist ein Schock, ein Albtraum, ein Tiefpunkt. So beschreibt "Der Spiegel" selbst den Fall Relotius. Dieser junge Reporter, 33 Jahre alt, hat, so das Nachrichtenmagazin, Geschichten erfunden. Ganz oder teilweise. Reportagen verfälscht oder gefälscht. Reportagen, die Preise gewonnen haben. Preise, die er inzwischen aber alle zurückgegeben hat. Über 50 Texte hat "Der Spiegel" in den vergangenen Jahren von Claas Relotius gedruckt. Er schrieb aber auch für andere Medien.

Angst vorm Scheitern sollte keine Ausrede sein

Warum? Warum hat er Zitate und Situationen erfunden, warum die Leserinnen und Leser getäuscht? "Es war die Angst vor dem Scheitern", so wird er in der aktuellen Spiegelausgabe zitiert. Und sein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher er wurde, heißt es darin. So verständlich das auch klingen mag, sollte das keine Ausrede sein. Und ja, der Druck scheint manchmal groß zu sein. Vor allem bei einem Nachrichtenmagazin, das nach außen hin so selbstbewusst auftritt wie kein anderes, immer mit dem Anspruch: Wir sind der Maßstab.

Es gab Ungereimtheiten

Es ist wohl aber auch der Druck, es sich selbst beweisen zu müssen, den Kolleginnen und Kollegen, den Vorgesetzten, den Jury-Mitgliedern. Der designierte Spiegel-Chefredakteur Ullrich Fichtner schreibt in der Aufarbeitung dieses Desasters, die selbst gesteckten Ziele wurden verfehlt, eigene Ansprüche weit unterboten, alte Werte verletzt. Dabei stellt sich die eine Frage: Wie konnte das einem Nachrichtenmagazin passieren, das so penibel und präzise durch die hauseigene Abteilung "Dokumentation" darauf achtet, dass jede Zahl, jedes Zitat, jede Beschreibung stimmt?

Zerstörtes Vertrauen als Folge

Es gab wohl zum Teil Ungereimtheiten in den Geschichten, es gab Zweifel, aber er, Relotius, kam bis zum Auffliegen immer durch. Und – diese Begründung klingt fast schon am plausibelsten: Es wurde dem Reporter vertraut. Dieses Vertrauen ist nun zerstört. In den Reporter sowieso, aber noch viel mehr. Möglicherweise ist auch das Vertrauen der Leserinnen und Leser in den "Spiegel" und in die Medien allgemein zerstört. Deshalb ist auch die Transparenzoffensive des Magazins mehr als löblich. Es hat den Betrugsfall zur Titelgeschichte gemacht. Es wird scheinbar schonungslos aufgearbeitet, was versäumt wurde.

Geschichten, die fesseln sollen

Die Aufarbeitung darf dabei aber nicht als Abrechnung verstanden werden. So sehr der Reporter auch getäuscht haben mag – er muss von allen respektvoll behandelt werden. Er weiß vermutlich selbst am besten, dass seine journalistische Laufbahn zu Ende ist. Das ist bereits die größte Strafe für diesen jungen Mann, der immer noch ein Leben vor sich hat. Nicht Relotius allein hat den "Spiegel" oder gar den ganzen Journalismus in eine mögliche Krise gestürzt. Geschichten, die im Idealfall nicht nur informieren, sondern fesseln, aufwühlen, einen zum Nachdenken bringen. Schöne Geschichten mit Protagonisten, die kein Drehbuchautor sich hätte besser ausdenken können – wer will das nicht lesen?

Der Drang nach der perfekten Geschichte

Die fast literarisch anmutende, krimihafte Rekonstruktion des Falls im aktuellen Heft zeigt dabei genau das Problem auf, das "Der Spiegel" für viele Beobachter hat. Es ist der Drang nach der guten, nach der perfekten Geschichte. Der Drang nach einem szenischen Einstieg, der sich in Details verliert, der Drang nach Bildern, nach Metaphern. Es überrascht nicht, dass nun der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, den Betrugsfall zum Anlass nimmt, dem Nachrichtenmagazin "anti-amerikanische Berichterstattung" vorzuwerfen.

Gerade in diesen Zeiten von "Lügenpresse-Rufen" und Fake-News-Agenda müssen JournalistInnen mehr denn je darauf achten, dass sie das Vertrauen der Leser, der Hörer und der Zuschauer nicht verspielen.

Denn das zeigt der Spiegel-Fall: Nichts Geringeres steht hier auf dem Spiel als das Vertrauen in den Journalismus.

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