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StartseiteKalenderblattGefängnis Down Under26.01.2013

Gefängnis Down Under

Vor 225 Jahren wurde Sydney als Strafkolonie gegründet

Ende des 18. Jahrhunderts verfrachtete das britische Königreich seine Straftäter ans andere Ende der Welt. Am 26. Januar 1788 ankerten die ersten Schiffe vor der australischen Ostküste. Die neue Siedlung entstand an einer tiefen Bucht, die auf den Namen des britischen Innenministers getauft wurde: Sydney.

Von Monika Köpcke

Die Sträflingskolonie Sydney ging durch Gewalt und Elend fast unter - und war doch der Kern, aus dem ein neuer Staat entstand: Australien.  (dradio.de)
Die Sträflingskolonie Sydney ging durch Gewalt und Elend fast unter - und war doch der Kern, aus dem ein neuer Staat entstand: Australien. (dradio.de)

Elf Segelschiffe verlassen in den frühen Morgenstunden des 13. Mai 1787 den Hafen von Portsmouth. Ihre Fracht besteht aus 778 verurteilten Straftätern, 200 Marinesoldaten, manche von ihnen mit Frau und Kindern, aus Zwei-Jahres-Vorräten an Verpflegung und Kleidung und einer Decksladung Schafe, Ziegen und Geflügel.

Das Kommando über diese Flotte hat der erfahrene Kapitän Arthur Phillip. Er soll den ersten Gefangenentransport nach Australien bringen, um mit den Verbannten das Land in Besitz zu nehmen. Er ist für diese Aufgabe sicherlich geeigneter als die meisten seiner Zeitgenossen. Denn seine Ansichten über den Sinn von Strafen gehen über das damals übliche Rachemotiv hinaus. Noch vor Reisebeginn notiert er:

"Hauptendzweck der Strafgesetze ist es, die Menge der Kapitalstrafen zu vermindern; Beschäftigungen einzuführen, und die Verbrecher dem Staate nützlich zu machen; ihrer moralischen Sittenverderbnis abzuhelfen, den Fleiß unter ihnen zu befördern und sie in Zukunft gegen Verführungen, welche sie einmal verleitet haben, zu sichern.”

In den englischen Textilfabriken, Eisenhütten und Bergwerken kündigt sich die neue Epoche der Industrialisierung an. Die sozialen Umwälzungen sind enorm, und die Kriminalitätsraten steigen rapide. Die britischen Zuchthäuser sind restlos überfüllt. Und die Regierung schickt zahllose Straftäter zur Zwangsarbeit nach Nordamerika. Doch mit der amerikanischen Unabhängigkeit verliert Großbritannien dieses riesige Gefängnis und muss nach neuen Lösungen suchen. Schließlich erinnert man sich an eine Region an der Ostküste Australiens, die anderthalb Jahrzehnte zuvor der britische Weltumsegler James Cook unter dem Namen "New South Wales” zum Besitz Seiner Majestät erklärt hatte.

"Es ist von diesem Gericht angeordnet und befohlen, dass Ihr auf See und über See zu einem solchen Ort transportiert werdet, den Seine Majestät auswählt und bestimmt.”

Die britische Rechtsprechung ist hart: Fast jeder Gesetzesverstoß kann die Deportation bedeuten. So ist es ein bunter Haufen, der auf die weite Reise nach Australien geschickt wird - zusammengepfercht in lichtlosen Decks, mit Fußketten gefesselt. Unter ihnen:

"Thomas Barrett, 23 Jahre alt, verurteilt wegen Falschmünzerei.
Dorothy Handland, 61 Jahre alt, verurteilt wegen Meineids.
John Hudson, 13 Jahre alt, verurteilt wegen Diebstahls einiger Kleidungsstücke und einer Pistole.”


Nach über 24.000 Kilometern und 250 Tagen Fahrt ankern die Schiffe endlich vor der australischen Ostküste. Als Standort für die neue Siedlung erwählt Kapitän Arthur Phillip eine tiefe Bucht mit idealen Voraussetzungen für einen Hafen. Er tauft sie auf den Namen des britischen Innenministers: Sydney. In seinem Bericht an die Regierung schreibt er:

"Am Abend des 26. Januar 1788 wurde am Ufer die englische Flagge aufgesteckt. Bei dieser Gelegenheit versammelte ich mich mit einigen meiner vornehmsten Offiziere und wir tranken auf die Gesundheit des Königs und die Wohlfahrt der neuen Niederlassung mit all der Festlichkeit, die man bei solchen Gelegenheiten für nützlich und Glück bringend hält.”

Das Glück glänzt anfangs eher durch Abwesenheit. Die Strapazen sind enorm: Die Haut von der langen Zeit unter Deck gebleicht, die Arme geschwächt, müssen die Häftlinge unter subtropischer Sonne Lichtungen in den Wald schlagen. Die fremdartigen Bäume sind riesig, die Wurzeln zäh. Die mitgebrachten Zelte erweisen sich als wacklig und undicht und versinken bei den regelmäßigen Unwettern im Schlamm. Das Essen ist fade und knapp, Ruhr und Skorbut breiten sich aus, viele werden krank vor Heimweh. Die Moral ist schlecht, und Arthur Phillip verurteilt so manchen seiner Schützlinge zu Peitschenhieben oder Tod am Galgen.

Die Sträflingskolonie geht durch Gewalt, Elend und Hunger fast unter - und ist doch der Kern, aus dem ein neuer Staat entstehen wird: Australien.

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