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StartseiteForschung aktuellPharmakologe: Eine sehr niedrige Inzidenz hilft, weitere Mutationen zu verhindern04.02.2021

Gefahr neuer Coronavirus-VariantenPharmakologe: Eine sehr niedrige Inzidenz hilft, weitere Mutationen zu verhindern

Die von der Politik vorgegebene Grenze der 50er-Inzidenz sei sehr hoch gewählt, sagte der Pharmakologe Thorsten Lehr im Dlf. Besser sei ein Wert unter 10, um bei einem Wiederanstieg der Neuinfektionen - wie etwa durch mutierte Viren - sofort gegensteuern zu können.

Thorsten Lehr im Gespräch mit Ralf Krauter

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Neue Corona-Warn-App der Bundesregierung auf einem Smartphone zeigt die 7-Tage-Inzidenz (pa/Eibner-Pressefoto)
Neue Corona-Warn-App der Bundesregierung zeigt die 7-Tage-Inzidenz (pa/Eibner-Pressefoto)
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Mit einer Verlängerung des harten Lockdowns bis zum 14. Februar sollten die Infektionszahlen soweit gedrückt werden. Die 7-Tages-Inzidenz soll bundesweit wieder unter die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern fallen. Aktuell liegt sie im Bundesdurchschnitt bei 94. Der Pharmakologe und Datenmodellierer Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes hat mit seinem Team einen Covid-19-Simulator entwickelt - eine wichtige Entscheidungshilfe für notwendige Maßnahmen. Lehr sagte im Dlf, die 50er-Inzidenz könne in etwa zum Termin erreicht werden - doch sei angesichts der aufgetauchten Virusmutationen diese Zielmarke von der Politik "sehr hoch gewählt". 

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Thorsten Lehr: Wenn das Infektionsgeschehen deutschlandweit so weitergeht, würde ich schon annehmen, dass wir eine Inzidenz von ungefähr 50 in etwa um den 18. Februar erreichen, also kurz nach dem anvisierten Datum vom 14. Februar.

Ralf Krauter: Allerdings ist das regional doch noch ziemlich gemischt. Die 7-Tages-Inzidenz liegt an über 350 Orten derzeit noch über 50, zum Teil extrem weit drüber, Beispiel Kreis Schmalkalden in Thüringen - aktuell 335 Neuinfektionen pro Woche pro 100.000 Einwohner. In Tirschenreuth in Bayern ist man bei 312. Wie lange wird man sich denn in diesen Gegenden noch gedulden müssen, bis man die 50er-Marke in Sicht hat und über Lockerungen überhaupt nachdenken könnte?

Lehr: Das ist natürlich wichtig, dass wir dieses heterogene Bild des Infektionsgeschehens deutschlandweit einfach betrachten. In diesem Kreis Schmalkalden, den Sie gerade erwähnt haben, dort ist der R-Wert aktuell noch relativ hoch, der liegt bei ungefähr eins. Wenn wir jetzt annehmen würden, dass der sich ähnlich wie im restlichen Thüringen auf ungefähr 0,7 absinken würde, dann würden wir es eigentlich erreichen, dass wir Mitte bis Ende März die Inzidenz von 50 erst erreichen, es wäre also noch ein relativ langer Weg dahin.

Auf der Suche nach den Ursachen der Virusverbreitung

Krauter: Verraten Ihre Analysen eigentlich, was in diesen Hotspots, die wir da gerade noch haben, schiefgelaufen sein könnte? Was wurde da anders gemacht?

Lehr: Wir untersuchen gerade genau diese unterschiedlichen Infektionsgeschehen deutschlandweit zwischen den Bundesländern, aber auch in den einzelnen Landkreisen. Abschließend können wir das noch nicht sagen, weil natürlich oft auch dann spezielle Veranstaltungen zum Beispiel in diesen Hotspots dafür verantwortlich sind, die wir uns dann genauer angucken müssen. Deutschlandweit sehen wir aber schon Unterschiede zwischen den beispielsweise ostdeutschen Bundesländern, die momentan deutlich besser dastehen, was die R-Werte angeht, als die westdeutschen, dass diese Unterschiede auch auf bestehende Ausgangsbeschränkungen zurückzuführen sind, auf die Beschulung, wie die Notbetreuung durchgesetzt wird, aber auch beispielsweise Schnelltests an Grenzen sind Faktoren, die wir eben berücksichtigen und die einen Einfluss partiell zu haben scheinen.

Krauter: Der R-Wert, der ja schon angesprochen wurde, ist im Bundesdurchschnitt gerade bei 0,78. Und auf dieser Basis konnten Sie dann eben auch berechnen, dass man bis zum 18. Februar im Bundesschnitt diese 50er-Schwelle erreichen würde. Wie sicher sind solche Prognosen, weil jetzt haben wir ja alle von mutierten Virus-Varianten, die sich verbreiten und die sich zum Teil bis zu 40 Prozent effizienter verbreiten. Fließt das schon ein in Ihre Modelle oder könnte das noch alles aus dem Ruder laufen lassen?

Lehr: In dem Onlinesimulator haben wir das noch nicht berücksichtigt, aber der im Hintergrund laufende Simulator berücksichtigt das schon, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den wir nicht vergessen dürfen, dass wenn die Mutanten aus Südafrika oder Großbritannien hier überhand nehmen, dass dann diese R-Werte um 40 bis 50 Prozent ansteigen würde. Das würde bedeuten, dass der R-Wert von knapp 0,8 dann entsprechend auf 1,2 ansteigen würde über einen Zeitraum von ein bis zwei Monaten. Das bedeutet dann, dass wir von einem Absinken, wie wir es jetzt haben, wieder in einen Anstieg übergehen würden. Das würde natürlich die Sache deutlich verkomplizieren, wir müssten Maßnahmen entsprechend noch weiter fahren und den Lockdown verstärken.

Mutierte Viren können Infektionsgeschehen schnell beeinflussen

Krauter: Das heißt, Ihre Prognose, dass wir bis zum 18. Februar die 50er-Schwelle bundesweit im Mittel erreichen würden, gilt natürlich nur, solange diese Mutanten sich nicht rasch weiterverbreiten.

Lehr: Aktuell spielen die Mutanten in dem aktuellen deutschen Infektionsgeschehen wahrscheinlich noch keine Rolle, der Anteil ist noch zu gering. Zumindest das, was wir bisher aus einzelnen Standorten, selbst Orte wie Köln, wo wir wissen, dass ungefähr zehn Prozent der Mutante zum Infektionsgeschehen beitragen, das reicht noch nicht, dass wirklich das Infektionsgeschehen beeinflusst wird. Aber das könnte halt relativ schnell gehen, das wissen wir aus anderen Ländern, dass innerhalb von vier bis sechs Wochen aus den zehn Prozent dann 90 Prozent werden können – und dann würde das Bild natürlich ganz anders aussehen.

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Krauter: Was bedeutet das denn mit Blick auf die Bund-Länder-Runde am kommenden Mittwoch, wo ja beraten werden soll, wie es nach dem 14. Februar weitergeht? Heißt das, man müsste eigentlich noch mehr Sicherheitspuffer einplanen bei allem, über das man nachdenkt?

Lehr: Ich denke, für die Bund-Länder-Gespräche müssen wir auf jeden Fall bedenken, dass diese von der Politik ja auch vorgegebene Grenze von 50, was die Inzidenz angeht, sehr hoch gewählt ist. Ich denke, wir sollten auf jeden Fall die Inzidenz weiter absenken, eigentlich unter 20, besser wäre sogar noch unter 10, damit wir bei einem Wiederanstieg auch sofort Maßnahmen ergreifen können, die dann auch das Infektionsgeschehen wieder eindämmen. Zusätzlich hilft es uns natürlich auch, wenn die Inzidenz sehr niedrig ist, weitere Mutationen zu verhindern, weil je mehr Infektionsgeschehen ich habe, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere Mutationen entstehen beziehungsweise die vorhandene sich weiter ausbreitet. Das heißt, wir sollten deutlich mehr Puffer einplanen und die Lockdown-Maßnahmen eigentlich auch noch deutlich länger anhalten lassen, bis wir eben Inzidenzen haben, die in dem besagten Bereich von unter 20, besser noch unter 10 liegen.

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Über flächendeckende Schnelltests an Schulen nachdenken

Krauter: Wie viel länger müssten wir durchhalten, um dahinzukommen?

Lehr: Das hängt natürlich ein bisschen davon ab, wie gut sich die Bevölkerung jetzt auch daran hält. Wir erleben natürlich schon eine gewisse Müdigkeit und sehen auch, je weiter die Inzidenzen absinken, umso müder, umso weniger willig werden auch die Bürgerinnen und Bürger, dem zu folgen, was verständlich ist. Das heißt, wir müssen aber eigentlich noch mindestens bis Mitte März, Ende März durchhalten, bis wir solche Inzidenzen erreicht haben. Das wäre noch ein relativ langer Zeitraum.

Krauter: Sie erfassen in Ihrem Modell ja auch die Wirkung verschiedener Maßnahmen zum Infektionsschutz und haben festgestellt, Schulschließungen haben schon einen recht großen Effekt, die haben zumindest in der ersten Welle den R-Wert um bis zu 30 Prozent reduziert. Was halten Sie vor diesem Hintergrund von Überlegungen der Politik, die gerade angestellt werden, die Schulen sobald wie möglich wieder zu öffnen?

Lehr: Wenn man das aus rein infektiologischer Sicht betrachtet, ist es sicherlich keine gute Idee, die Schulen wieder zu öffnen, das haben nicht nur unsere, sondern auch andere Studien gezeigt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass natürlich gesellschaftlich und auch aus bildungspolitischer Sicht das Vorgehen verständlich ist und natürlich auch die Maßnahmen abgewogen werden müssen. Wir sollten da halt wirklich drüber nachdenken, ob bei einer weiteren Schulöffnungen regelmäßige und flächendeckende Schnelltests an Schulen einzusetzen, damit wir dort wirklich auch Infektionen entdecken können und auch entsprechend nachverfolgen und eindämmen können.

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Können Ende Februar ungefähr mit 2.000 Intensivbetten rechnen

Krauter: Schauen wir noch auf die Intensivstationen und auf die Belegung mit Covid-Patienten dort. Auch das analysieren Sie ja regelmäßig. Da gibt es ja erfreuliche Entwicklungen. Von über 5.700 Betten Anfang Januar ist die Zahl auf 4.200 gesunken, die also von Covid-Patienten belegt sind. Aktuell sind nur noch 16 Prozent aller Intensivbetten mit Covid-Patienten besetzt. Wenn dieser Trend anhält, heißt das, was die Krankenhäuser angeht, haben wir erst mal jetzt viel Wasser unter dem Kiel?

Lehr: Richtig. Zumindest deutschlandweit ist der Trend sehr erfreulich, da würden wir also Ende Februar ungefähr mit 2.000 Intensivbetten rechnen können, was deutlich unter dem Peak der zweiten Welle liegt, aber immer noch in etwa auf dem Peak der ersten Welle, der ungefähr bei 2.800 Betten lag. Wir dürfen einfach nicht vergessen, dass es hier auch große regionale Unterschiede gibt. Beispielsweise im Saarland oder Schleswig-Holstein ist die Belegung immer noch sehr, sehr hoch. Also dort, wo auch Inzidenzen hoch sind, haben wir natürlich auch noch eine hohe Belegung.

Krauter: Sie beraten ja auch verschiedene Landesregierungen, unter anderem auch die saarländische, wo die Zahlen gerade nicht so gut aussehen. Was raten Sie den Verantwortlichen denn?

Lehr: Das sind Dinge, die wir jetzt gerade noch analysieren, wo beispielsweise im Saarland eigentlich das Problem liegt, dass die Zahlen nicht sinken. Da gibt es eben die besagten Analysen, die eben zeigen, dass zusätzliche Ausgangssperren, wie sie beispielsweise oft in Ostdeutschland und auch in Bayern oder Baden-Württemberg verhängt wurden, etwas helfen. Wir haben natürlich hier auch noch eine Grenznähe, in Frankreich haben wir beispielsweise - unser Nachbar-Département hat eine Inzidenz von ungefähr 250 - also doppelt so hoch wie im Saarland. Da müssen wir natürlich einfach darüber nachdenken, wie können solche Infektionen möglicherweise auch über die Grenze durch potentielle Schnelltestung von Pendlern oder so eingedämmt werden. Ich glaube, hier ist noch Arbeit vorhanden, und wir müssen schauen, wie wir das eben in den Griff bekommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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