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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Widerspruch zwischen Worten und Taten ist offensichtlich25.09.2019

Gefahren der ErderwärmungDer Widerspruch zwischen Worten und Taten ist offensichtlich

Der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC über Meere und Polargebiete sei ein Dokument des Schreckens, kommentiert Georg Ehring. Die Menschheit sei gerade dabei, die Grundlagen ihrer Existenz zu verfeuern. Hoffnung mache nur, dass immer mehr Menschen merkten, dass es so nicht weitergehen könne.

Von Georg Ehring

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Ein weiß-blau schimmernder Gletscher am Meer im Vordergrund, dunkle Berge im Hintergrund  (imago/blickwinkel/AGAMI M. Guyt)
Bald nur noch in flüssigem Aggregatzustand? Gletscher und Polareis nehmen ab. (imago/blickwinkel/AGAMI M. Guyt)

Die Katastrophe hat schon begonnen, sie hat Folgen für Jahrhunderte. Für einen Stopp ist es längst zu spät, denn sie ist unumkehrbar, ihr Ausmaß lässt sich nur noch begrenzen. Auf diesen kurzen Nenner lässt sich der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC über Meere und Polargebiete bringen. Ein Dokument des Schreckens: In Grönland und der Antarktis hat das große Schmelzen begonnen. Der Meeresspiegel wird bis Ende des Jahrhunderts um mindestens 30 Zentimeter höher liegen als heute, vielleicht aber auch um 1,10 Meter. Niedrig gelegene Inselstaaten werden unbewohnbar. Das Meerwasser wird wärmer und es wird auch saurer, weil es einen großen Teil des Kohlendioxids aufnehmen muss, den wir Menschen in die Luft blasen. Die Säure des CO2 wiederum lässt Korallen und Krebse sterben, ihr Kalkskelett löst sich einfach auf. Fischbestände schrumpfen und wandern nordwärts, viele Millionen Menschen auf der sowieso ärmeren Südhalbkugel der Erde verlieren ihre Nahrung.

Bisherige Reaktionen sind völlig unangemessen

Leider kann man es nicht oft genug betonen: Die Menschheit ist gerade dabei, die Grundlagen ihrer Existenz zu verfeuern. Und das mit noch immer wachsendem Tempo: Weltweit steigt die Emission von Treibhausgasen auch in diesem Jahr wohl weiter an. Die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Erwärmung ist nach wie vor völlig unangemessen: Kein einziger Industriestaat ist auf einem Kurs, der zu der im Pariser Abkommen beschlossenen Begrenzung des Temperaturanstiegs auf deutlich unter zwei Grad, möglichst sogar unter 1,5 Grad, passen würde. Von den großen Treibhausgas-Produzenten kommt ausgerechnet Indien einem solchen Kurs noch am nächsten – Schande über sämtliche Industriestaaten die fast alle weit dahinter zurückfallen. Wer wie die schwedische Schülerin Greta Thunberg voller Empörung auf das drastische Missverhältnis zwischen Wissen und Handeln hinweist, wird mit Lob und Preisen überhäuft – und anschließend ignoriert, wenn vermeintliche Zwänge der Realpolitik wieder vorgehen.

Die deutsche Politik ist widersprüchlich

Bundesumweltministerin Svenja Schulze lobte heute den Weltklimarat IPCC – und forderte die Weltgemeinschaft zu Recht auf, beim Klimaschutz nachzulegen. Um gleichzeitig im Bundeskabinett den Klimaplan für das nächste Jahrzehnt abzunicken. Einen Plan mit lächerlich niedrigen Preisen für die Emission von CO2. Einen Plan, der nicht reichen wird, um wie versprochen bis Ende des nächsten Jahrzehnts den deutschen Treibhausgasausstoß um 55 Prozent unter den Stand von 1990 zu drücken. Der Widerspruch zwischen Worten und Taten ist offensichtlich, das Lob aus dem Mund der Bundesumweltministerin für den Weltklimrat klingt wie Hohn.

Besonders bedrückend: Vieles von dem, was der IPCC sagt, wissen wir seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Anfangs waren es Prognosen, heute sehen wir, dass es wirklich mindestens so schlimm kommt wie vorhergesagt, nach den neuesten Daten vermutlich sogar noch schlimmer. Hoffnung macht allenfalls, dass immer mehr Menschen gemerkt haben, dass es so nicht weitergeht.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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