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StartseiteKalenderblattGefangen zwischen Kunstutopie und politischer Diktatur09.06.2012

Gefangen zwischen Kunstutopie und politischer Diktatur

Vor 40 Jahren ist der Bildhauer Rudolf Belling gestorben

Unter den deutschen Bildhauern der klassischen Moderne gehörte Rudolf Belling neben anderen zu den bekanntesten. Seine abstrakte Skulptur "Dreiklang" von 1919 galt als bahnbrechend. Belling war einerseits Vorbild der Nazikunst, wurde aber auch als "entartet" eingestuft.

Von Carsten Probst

Die Plastik "Dreiklang" von Rudolf Belling wurde zu einem Inbegriff der Abstraktion (Deutsches Bundesarchiv, Bild 102-08322 / unbekannt / CC-BY-SA)
Die Plastik "Dreiklang" von Rudolf Belling wurde zu einem Inbegriff der Abstraktion (Deutsches Bundesarchiv, Bild 102-08322 / unbekannt / CC-BY-SA)

Unter den deutschen Bildhauern der klassischen Moderne gehörte Rudolf Belling neben Wilhelm Lehmbruck, Otto Freundlich oder Ernst Barlach zu den bekanntesten. Seine abstrakte Skulptur "Dreiklang" von 1919 galt seinerzeit als bahnbrechend und als die erste kubistische Skulptur in Deutschland. Er war einerseits Vorbild nationalsozialistischer Propagandakunst, wurde aber auch als entartet eingestuft.

Rudolf Bellings wohl bekanntestes Werk ist der "Dreiklang" - eine abstrakte, vom Kubismus inspirierte Skulptur, die aus drei verfremdeten, scheinbar ekstatisch tanzenden Figuren besteht, in denen man jedoch auch Blitze oder Flammen erkennen könnte, die umeinander züngeln. Es ist das erste Werk dieser Art in Deutschland und von enormem Einfluss – 1919 entstanden, als die Avantgardebewegungen der europäischen Moderne mit der Gründung des Bauhauses ihren Höhepunkt erreichten, war Belling mit dem "Dreiklang" eine Synthese ihrer wichtigsten Kunstformen gelungen: Malerei, Skulptur, Architektur, Musik und Tanz.

"Das war da eine ganze Serie, die dahinter her folgte. Alles problematische Arbeiten, die immer vom Raumproblem der Skulptur ausgingen, wissen Sie das steigerte sich immer,"

erinnert sich der Bildhauer in den 60er-Jahren. Belling, 1886 in Berlin geboren und aufgewachsen, gehörte nie dem Bauhaus an. Jedoch war er unmittelbar an dessen Vorläufern beteiligt, dem Berliner "Arbeitsrat für Kunst" und der progressiven "Novembergruppe", Künstlergruppen, in denen sich das Who's who der deutschen Avantgarde versammelt hatte und in denen am Vorabend der Weimarer Republik ein revolutionärer Geist wehte. Belling jedoch hielt sich von der Politik fern. Die Abstraktion seiner Arbeiten verstand er nicht als soziale Aussage. Vielmehr sah er sich als eine Art Kunsthandwerker, der ein Formproblem zu lösen hatte.

"Es kam dann eine Zeit, wo ich dann wieder zum, sagen wir mal, Gegenständlichen überging, um dort auch in der so genannten gebundenen Form das Problem weiter zu entwickeln. Bin dann aber übergegangen wieder zur reinen Abstraktion, und die letzten 15 Jahre, die sind absolut ungegenständlich!"

Obgleich Belling sein Werk als unpolitisch ansah, brachte ihm dieser Wechsel von abstrakten zu figurativen Skulpturen im Nachhinein vereinzelt den Vorwurf ein, sich dem Zeitgeist allzu willfährig angepasst zu haben. Ende der 20er-Jahre entstanden expressive Figuren wie die des Boxers Max Schmeling, die dann 1937 in der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst gezeigt wurde - jener von Adolf Hitler persönlich kuratierten Schau, die das Leitbild einer nationalsozialistischen Kunst demonstrieren sollte. Zugleich aber fanden sich Bellings Arbeiten auch in der Ausstellung "Entartete Kunst", mit der die Nationalsozialisten alle abstrakten Kunstformen der Avantgarde brandmarken wollten. Elisabeth Weber-Belling, die Tochter Rudolf Bellings, erinnert sich:

"Er war in der Ausstellung ‚Entartete Kunst’ mit dem ‚Dreiklang’ und mit dem Kopf in Messing vertreten, und im Haus der Kunst war er vertreten mit dem ‚Max Schmeling’.So, jetzt wussten die Veranstalter nicht, wie sollten sie Herrn Belling einschätzen, so oder so?"

Bellings seltsame Situation: Einerseits als Vorbild nationalsozialistischer Propagandakunst, zugleich aber als "entartet" eingestuft, erscheint rückwirkend symptomatisch für die Ambivalenz modernen Kunstschaffens in Deutschland, gefangen zwischen Kunstutopie und politischer Diktatur. Schwankend verlief auch sein Weg ins Exil. Nach seinem Ausschluss aus der Preußischen Akademie der Künste und der drohenden Einziehung in den Kriegsdienst verschaffte ihm der Architekt Hans Poelzig einen Auftrag in der Türkei, den Belling nun, unter Zurücklassung seines Berliner Ateliers und zahlreicher Arbeiten, für seine endgültige Emigration nutzte. Und prompt avancierte Belling in Istanbul zum türkischen Staatsbildhauer. Staatspräsident Ismet Inönü protegierte den Deutschen, den er schätzte, und ließ sich von ihm ein repräsentatives Standbild anfertigen.

Erst 1966, im Alter von 80 Jahren, kehrte Belling nach Deutschland zurück. Wie keinem vor ihm war es ihm gelungen, seine Karriere im Exil fortzusetzen, gar zu krönen. Hochdekoriert als Professor der Istanbuler Kunstakademie wie auch mit zahlreichen Kunstpreisen und Ehrungen der Bundesrepublik, starb er am 9. Juni 1972 bei München.

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