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StartseiteKultur heuteGefecht der Extreme29.03.2013

Gefecht der Extreme

Andreas Kriegenburg inszeniert Georges Courtelines "Sklaven" in Berlin

Bunt, laut, abgründig und voller Extreme: Regisseur Andreas Kriegenburg wollte mit seiner Inszenierung von Georges Courtelines Einakter "Sklaven" am Deutschen Theater Berlin etwas völlig Anderes zeigen - den Bürger in der Zwangsjacke - und verlangt dem Publikum dabei einiges ab.

Von Michael Laages

"Sklaven": Einakter von Georges Courteline im Deutschen Theater Berlin  (picture alliance / dpa /Claudia Esch-Kenkel)
"Sklaven": Einakter von Georges Courteline im Deutschen Theater Berlin (picture alliance / dpa /Claudia Esch-Kenkel)
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Draußen tobt der Aufstand, lärmt die Revolte. Rundum bewaffnet mit Schnellfeuerwaffen, scheinen sich außerhalb des leeren Kastens ganz aus Gold, in den das Publikum blickt auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters, sonderbare Wesen zu verteidigen gegen die Angriffe des Alltags: gegen Tüten mit Müll und generell immer mehr Schrott auf der Abraumhalde, die den Goldkasten längst umzingelt hat.

Flüchten die Wesen herein ins goldene Heim, geht allerdings manchmal auch noch das Maschinengewehr los; und auch sonst sind die Kämpfe bis aufs Blut und aufs Messer kaum weniger gewalttätig, als es der Straßenkampf draußen ist. Ein Graffiti auf der Goldkastenwand zeigt einen Molotow-Cocktail-Werfer in Aktion – lange wird das Gold wohl nicht mehr halten, nicht mehr helfen gegen die wirkliche Welt.

Die Verteidiger der goldenen Zeiten sind zwar Bürger wie Sie und ihr und ich, alltäglich verstrickt in Ehe- oder Jobprobleme, Gefangene, vielleicht tatsächlich Sklaven der Verhältnisse, wie sie sind – und doch sind diese Wesen so fremd, fremder geht's nicht, wie sie da erstmals beieinander hocken mit ihren MGs und krauses Zeug zusammen philosophieren; vielleicht ein bisschen Baudrillard, vielleicht ein wenig Foucault, zur musikalischen Hitparade des Pariser Multikulti-Radios.

Fremd sind sie durch das Bild, das sie abgeben – seit Ewigkeiten nicht mehr waren die Kostüme derart entscheidend für die Wirkung einer Aufführung, wie sie es hier sind. Andrea Schraad ist sozusagen die Domina einer Orgie in ganz bunt – fast das ganze Ensemble steckt in stets hautengen, absurdesten Ganzkörper-Verpackungen, einer etwa in einem schwarzen Dress mit lauter weißen Punkten, und wenn er die Gesichtsmaske abnimmt, ist darunter auch das Gesicht schwarz-weiß gepunktet. Auch eine Art Froschmaske hat er – mit einem Reißverschluss-Mund, der nur zum Sprechen geöffnet wird. Ein anderer trägt zum weiten Rock einen Farbklecks in Blau auf der Glatze – und es sieht ein bisschen nach Haaren aus.

Alles in dieser grenzenlosen Kostümfantasie glitzert und flirrt und flimmert zudem wie in der Cabaret-Revue, selbst die rundum extrem hochhackigen Schuhe. Wie immer die Kritik Kriegenburgs Inszenierung behandeln wird – Andrea Schraad kandidiert hier als "Kostümbildnerin des Jahres"; was für ein unendlicher Spaß, den Ergebnissen ihrer Arbeit zuzusehen!

Courtelines Texte, mal schwächer, mal stärker, geraten bei Kriegenburg durchweg schrill und laut – die Geschichte von der Gelegenheits-Prostituierten, die sich als Opfer getürkter Autounfälle Freier besorgt, um sich zu Hause dann jeweils vom Gatten "überraschen" zu lassen; die vom faulen Beamten, der schon seit Jahren Woche für Woche die absurdesten Ausreden erfindet, um bloß nicht ins Büro zu müssen, nun aber dieses Leidens am Leben wegen um Gehaltserhöhung einkommt; die vom Ehemann, der der Gattin all ihrer Fehler eine Art Luxus-Steuer auferlegt. Nach der Pause traut sich ein gehörnter Ehemann nicht, dem Partner der untreuen Gattin (einem Militär!) mal so richtig aufs Maul zu hauen – aus ganz begreiflicher "Angst vor Schlägen". Und schließlich wird ein schleimend-parasitärer Gast zum mäßig bedauernswerten Opfer innerfamiliärer Horror-Gewalt in feinem bürgerlichen Interieur.

All das hat Abgrund und Witz – doch hält Kriegenburg das Spiel des extrem clownesk agierenden Ensemble immerzu auf Hochtouren, immerzu auf 180 ... Klar: Sie sind ja ständig im Krieg gegen Alltag und Banalität, die draußen toben; aber der Dauerbeschuss kann auch recht schnell sehr ermüdend wirken. Die Inszenierung ignoriert im artistisch unterfütterten Geschrei konsequent die sprachliche Akkuratesse, die speziell Andrea Breth zuletzt in Wien so zentral interessierte und in der Tat – bei entsprechender Behandlung- ein zentraler Aspekt ist in Courtelines forcierter Absurdität.

Kriegenburg wollte etwas grundsätzlich Anderes zeigen: das Bürgertum in der Zwangsjacke (auch das sind ja die Kostüme!); die gerade noch so eben "feinen" Herrschaften im Dauerkriegszustand mit sich selber und der minderwertigen Welt draußen.

Das Ganze: ein Gefecht der Extreme; mit vielen Verlusten. Der Haltung lässt sich folgen – denn draußen schreitet ja der Niedergang der bürgerlichen Klasse unaufhaltsam fort. Mit jeder neuen Zypernkrise nimmt das Tempo zu.

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