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StartseiteInterview"Ich will etwas zurückgeben"17.02.2021

Geflüchteter kandidiert für Bundestag"Ich will etwas zurückgeben"

Der Jurist Tareq Alaows floh vor fünf Jahren aus Syrien - und will nun für die Grünen in den Bundestag. Viele Debatten in Deutschland beträfen Geflüchtete, würden aber nicht mit ihnen selbst geführt, sagte er im Dlf. Menschen mit Migrationshintergrund seien in der Politik zu wenig repräsentiert.

Tareq Alaows im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Tareq Alaows kandidiert für den Bundestag (dpa/picture alliance/Kay Nietfeld)
Tareq Alaows (Grüne) kandidiert für den Bundestag (dpa/picture alliance/Kay Nietfeld)
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In Deutschland leben mittlerweile fast 800.000 Menschen aus Syrien. Ihre Anerkennungsquote als Asylsuchende ist hoch. Doch ihre Stimme wird bislang in Politik und Gesellschaft kaum wahrgenommen. Ein direkter Dialog findet in der breiten Öffentlichkeit nur selten statt. Tareq Alaows möchte dazu beitragen und engagiert sich in der Politik. 2015 kam der studierte Jurist aus Damaskus über das Mittelmeer und die Balkan-Route nach Deutschland. Jetzt kandidiert er als Kandidat der Grünen in Oberhausen und Dinslaken für den Bundestag. 

Die Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen zur Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, stehen am 17.09.2017 in Berlin auf dem Kleinen Parteitag der Grünen nach der Rede von Göring-Eckardt nebeneinander auf der Bühne. (dpa /Soeren Stache) (dpa /Soeren Stache)Den politischen Parteien fehlt die Vielfalt
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Stefan Heinlein: Sie sind der erste Flüchtling aus Syrien, der für den Bundestag kandidiert. Warum ist es wichtig, dass die Stimme geflüchteter Menschen auch im deutschen Parlament vertreten ist?

Tareq Alaows: Viele Debatten in unserer Gesellschaft gehen über die betroffenen Personen und nicht mit ihnen selbst. Das habe ich erlebt nach meiner Ankunft hier in Deutschland, aber ich habe auf der anderen Seite erlebt, wie ich mit meiner politischen Arbeit viele Lösungsansätze für große Probleme in der Kommune, in der ich gelebt habe, einbringen konnte. Das hat mich motiviert, dann weiterzumachen und meine Stimme auf Bundesebene zu verbreiten.

Willkommenskultur und Missverständnisse

Heinlein: Wie empfinden Sie denn die aktuelle politische und gesellschaftliche Debatte über Flüchtlinge in Deutschland?

Alaows: Ich sehe, dass viele negative Berichte über geflüchtete Menschen verbreitet werden. Ich sehe mich aber auch nicht als eine Ausnahme von diesen Menschen. Es gibt viele Menschen, die bemüht und engagiert sind, sich in dieser Gesellschaft einzubringen. Viele Menschen haben die Sprache gelernt, beteiligen sich am Arbeitsmarkt und nehmen einen aktiven Teil in unserer Gesellschaft wahr, versuchen, dadurch etwas zurückzugeben an diese Gesellschaft, die uns 2018, aber auch schon viele Jahre vorher aufgenommen hat und mit Willkommenskultur begegnet hat. Leider sind diese positiven Beispiele nicht groß in den Medien verbreitet und ich glaube, das soll sich ändern in der nächsten Zeit.

Heinlein: Viele negative Berichte, wenige positive Beispiele – das bemängeln Sie. Wie groß sind denn die wechselseitigen Vorurteile zwischen Deutschen und Syrern? Gibt es da auf beiden Seiten viele Vorurteile und vielleicht auch Missverständnisse?

Alaows: Es gibt auf jeden Fall Missverständnisse. Das gehört auf jeden Fall dazu. Aber trotzdem: Ich sehe eine große Willkommenskultur. Als ich in Deutschland angekommen bin, habe ich gesehen, wie die Menschen mich unterstützt haben, aber auch viele andere Menschen, nicht nur ich. Ich habe gesehen, wie diese Zusammenarbeit viele Themen vorangebracht hat und eine Lösung für viele politische Debatten war. Ich sehe das als einen Vorteil. Ich sehe, dass wir die Aufgabe haben, ein Konzept von einem Zusammenleben, von einer Inklusion in diese Gesellschaft voranzubringen.

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"Keine Person gesehen, die sich nicht integrieren möchte"

Heinlein: Wie schwer fällt es denn geflüchteten Menschen aus Syrien, sich an die deutsche Gesellschaft zu gewöhnen, unsere Werte, unsere Normen und Spielregeln zu akzeptieren? Stichwort Inklusion, Stichwort Integration.

Alaows: Ich habe bisher keine Person gesehen, die sich nicht integrieren möchte, und es geht nicht nur um geflüchtete Menschen aus Syrien in diesem Fall. Viele Menschen bemühen sich, einen aktiven Teil in dieser Gesellschaft wahrzunehmen und sich zu beteiligen. Ich sehe aber auch, dass es viele Probleme auf gesetzlicher Ebene, auf Bundesebene gibt. Viele Menschen haben Arbeitsverbote, dürfen nicht an Integrationskursen oder an Sprachkursen teilnehmen, und dadurch kann diese Gesellschaft nichts zurückgeben. Ich sehe auf jeden Fall, dass wir diese Themen grundsätzlich bearbeiten sollten.

Heinlein: Es gibt keine Schwierigkeiten, es gibt eine hohe Bereitschaft zur Integration, Herr Alaows, haben Sie gesagt. Wie fremd ist denn Deutschland für Menschen aus Syrien? Können Sie sich noch daran erinnern, was Ihnen fremd war, was Ihnen besonders aufgefallen ist, als Sie vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen sind?

Alaows: Ich habe nicht gesagt, dass es keine Schwierigkeiten gibt. Es gibt auf jeden Fall viele Barrieren. Es gibt eine neue Sprache, es gibt neue Gesetze, es gibt vieles anderes. Es gibt aber viele Bemühungen von geflüchteten Menschen, das kennenzulernen und sich einzubringen, was aber zum großen Teil erschwert ist. Auf der anderen Seite: Das Fremdgefühl habe ich nicht gefühlt. Das Thema Zugehörigkeit oder Heimat sind für mich miteinander verbunden. Als ich angekommen bin, habe ich eine große Willkommenskultur gesehen. Ich konnte mich in die Politik einbringen. Ich konnte schnellstmöglich die Sprache lernen und auch in kurzer Zeit eine Arbeitsstelle annehmen und mich weiterzubringen beziehungsweise mich an vielen gesellschaftlichen Debatten beteiligen, politisch aktiv zu werden. Das gehört dazu, dass ich eine Zugehörigkeit zu Deutschland habe, und deswegen will ich etwas zurückgeben. Deswegen beteilige ich mich und trete ich für die Einhaltung der Menschenrechte ein.

Enttäuscht von Lebensbedingungen Geflüchteter

Heinlein: Hat Deutschland, hat die deutsche Gesellschaft Ihre Erwartungen und vielleicht auch die Erwartungen Ihrer Landsleute, die 800.000, die hier hergekommen sind – Sie können nicht für alle sprechen, aber dennoch -, hat Deutschland Ihre Erwartungen erfüllt? Oder sind Sie eher ernüchtert, eher enttäuscht jetzt nach fünf Jahren?

Alaows: Ich weiß nicht, ob wir über Erwartungen reden können. Die Menschen, die hier hergekommen sind, beziehungsweise ich damals, ich bin überhaupt nach Europa gekommen, um ein Leben in Sicherheit und Würde zu haben. Ich war enttäuscht von den Lebensbedingungen geflüchteter Menschen und deswegen war ich aktiv. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich das als Erwartung bezeichnen kann. Ich sehe nur bestimmte Probleme, die sich ändern können. Ich sehe Lösungsansätze, die eingesetzt werden können. Ich sehe manchmal auch existierende Rechte für Menschen, die nicht komplett umgesetzt werden, und dazu würde ich gerne arbeiten.

Heinlein: Bestimmte Probleme, sagen Sie. Sie haben auch das Stichwort Willkommenskultur jetzt mehrfach genannt. Aber es gibt ja nicht in allen Bereichen, in allen Ländern, in allen Gesellschaftsschichten die Bereitschaft, Flüchtlinge mit offenen Armen in Empfang zu nehmen. Haben Sie Verständnis dafür, dass es in Teilen der deutschen Bevölkerung Vorbehalte gegenüber den Flüchtlingen gibt, gerade aus der arabischen Welt, dass vielen Menschen allein die große Zahl, diese 800.000 Menschen, die zu uns gekommen sind, Angst macht?

Alaows: Ich sehe einfach die Reaktion auf meine Kandidatur. Ich sehe die vielen positiven Nachrichten, die ich bekam. Ich sehe die Unterstützung von der politischen Seite, aber auch von der zivilgesellschaftlichen Seite, und ich kann dazu sagen, dass es eine große Bereitschaft gibt in der Gesellschaft, die Menschen aufzunehmen. Das sind aber eher Menschen, die mit Taten was tun, die sich tagtäglich engagieren, und immer noch nach sechs Jahren kenne ich Menschen, die jeden Tag geflüchtete Menschen unterstützen, und das finde ich das Allerwichtigste.

Klimakrise und Migrationspolitik

Heinlein: Es gab ja ein großes Interesse – Sie haben es erwähnt – an Ihrer Kandidatur. Sie haben Anfang Februar gesagt, Sie kandidieren für die Grünen für den Bundestag. Was schließen Sie aus dieser Tatsache? Warum interessieren sich so viele Menschen und wir Medien für Ihren Entschluss, Berufspolitiker zu werden?

Alaows: Diese Reaktionen haben bestätigt, wie notwendig und wichtig dieser Schritt ist. 26 Prozent der Bevölkerung sind Menschen mit Migrationshintergrund. Deren Repräsentation in der Politik liegt bei sechs bis acht Prozent, und das ist ein geringer Anteil an dieser Gesellschaft. Deswegen habe ich den Schritt als solchen gemacht und ich glaube, viele Menschen sehen das auch als notwendig, sehen auch die Beteiligung der betroffenen Personen an den politischen Debatten auch sehr notwendig. Es handelt sich nicht nur um den politischen Bereich, sondern auch um viele Bereiche in unserem Leben.

Heinlein: Warum kandidieren Sie für die Grünen? Es war ja die Große Koalition, es war die Bundeskanzlerin, die 2015 die Grenzen für Sie und die anderen Flüchtlinge offengehalten hat.

Alaows: Da die Klimakrise, die soziale Krise und die Krise der Asyl- und Migrationspolitik zusammengehören. Die Klimakrise betrifft Menschen im globalen Süden besonders und führt zu Verteilungskonflikten. Die Lösungsansätze für diese Krise, aber auch für viele anderen Themen gehören zusammen und müssen untrennbar umgesetzt werden.

Heinlein: Würden Sie sich dennoch, wenn Sie es in den Bundestag schaffen und Angela Merkel treffen, einmal bei ihr, bei der Bundeskanzlerin bedanken für ihre Entscheidungen im Jahr 2015?

Alaows: Ja, natürlich! Die Entscheidung damals war notwendig. Viele Menschen hatten schlimmes Leid erlebt und ich glaube, mit ihrer Entscheidung hat sie auch gezeigt, dass es damals und bisher eine Zivilgesellschaftliche Bereitschaft gibt, die Menschen aufzunehmen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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