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StartseiteEuropa heuteGegen Sextourismus und Prostitution22.12.2008

Gegen Sextourismus und Prostitution

Studentinnen in der Ukraine begehren auf

Seit 2005 besteht für die Ukraine keine Visumspflicht mehr und seitdem ist Kiew zu einem noch beliebteren Reiseziel für Westeuropäer geworden. Nicht alle Touristen bereisen die Hauptstadt allerdings aus kulturellem Interesse, viele suchen Sex. Seit einiger Zeit setzen sich Studentinnen dafür, ein, dass sich die Gesellschaft mit dem Thema Sextourismus und Prostitution beschäftigt.

Von Matthias Kolb

Die goldenen Dächer des Höhlenklosters in Kiew (AP)
Die goldenen Dächer des Höhlenklosters in Kiew (AP)

In einem Café in Kiew sitzt Anna Hutsol und zeigt ein Video auf ihrem Notebook. 50 junge Frauen stehen vor der türkischen Botschaft in Kiew, schwenken Plakate und rufen Slogans. Einige Passanten bleiben stehen und beobachten interessiert das Spektakel. Einige Mädchen sind als Krankenschwestern verkleidet, sie tragen kurze Röcke und hochhackige Schuhe. Als sich einige Männer nähern und die Mädchen betatschen wollen, zücken diese ihre Spritzen und impfen die Angreifer, die von Schauspielern gemimt werden. Die Forderung ist klar:

"Go home, sex tourist! Go home, sex tourist!"

Anna Hutsol klappt zufrieden den Computer zu. Die 24-Jährige ist dezent geschminkt, ihr Outfit passt perfekt zu den kurzen, feuerroten Haaren. Hutsol hat "Femen" im Frühjahr 2008 gegründet:

"Bei uns in der Ukraine hat es bisher keine Organisation gegeben, die für junge Frauen und Studentinnen interessant war und sich um deren Probleme kümmerte. Die Frauenorganisationen hier werden von alten Damen geleitet und die etablierten Parteien interessieren sich nicht für diese Themen."

Bisher gibt es bei "Femen" weder offizielle Mitglieder noch ein Budget oder ein Büro. Und doch ist die Organisation ausgesprochen erfolgreich: Sie ist im Internet präsent und sorgt mit öffentlichen Aktionen für Aufsehen und damit für gute Bilder, so dass ukrainische und internationale Medien berichten. Mittlerweile informieren sich 12.000 Mädchen über die Internetplattform vkontakte, etwa 50 junge Frauen und Männer treffen sich regelmäßig, um Aktionen zu planen. Im Mittelpunkt steht der Kampf gegen den Sextourismus - denn vielen Mädchen geht es im Sommer wie Sascha:

"Ich muss nur abends durch die Innenstadt von Kiew gehen und es dauert keine zwei Minuten, bis mich fünf Ausländer anfassen oder mir Geld anbieten!"

22 Millionen Touristen kamen 2007 in die Ukraine - die Zahlen steigen, seit die Visumspflicht für viele Länder 2005 aufgehoben wurde. Viele sind an einem interessiert: an gekauftem Sex. Der Markt boomt: Im Internet werden entsprechende Reisen angeboten, die Stadtmagazine sind voller Anzeigen für Massagesalons und Eskortservice. Manch eine Studentin in finanziellen Nöten kann da nicht "nein" sagen, wie Nastja berichtet:

"Meine Mitbewohnerin ist mit einem Engländer mitgegangen. Sie sagte mir, dass sie kein Geld mehr hatte und deswegen gemacht habe. Ich finde das schrecklich. Ausländer denken, dass Ukrainerinnen billig zu haben sind, nur weil einige von uns mit ihnen mitgehen."

Der Name "Femen" täuscht: Die jungen Frauen sind keine Feministinnen, die sich im theoretischen Diskurs verlieren, sondern wollen ganz konkret für die Frauen aktiv werden. Um mit Argumenten überzeugen zu können, sammelt "Femen" Informationen über die Prostitution in der Ukraine. Die offiziellen Angaben, wonach es im 47-Millionen-Einwohner-Land nur 15.000 Prostituierte gibt, hält Anna Hutsol für untertrieben. Sie fordert keine Legalisierung der Prostitution, sondern will vielmehr die Freier kriminalisieren - bisher gibt es nur Strafen für Prostituierte und ihre Zuhälter. Im September, erzählt Anna Hutsol, habe Femen der Regierung ihre Vorschläge unterbreitet:

"Wir waren 60 Leute und haben gegenüber des Regierungsgebäudes mit unseren Körpern die Buchstaben des Slogans formiert: "Die Ukraine ist kein Bordell". Aber niemand traute sich heraus und so konnten wir nur Briefe abgeben. Seitdem haben wir nur eine Antwort erhalten - vom Anti-Aids-Komitee, das wir gar nicht kontaktiert hatten. In dem Schreiben stand: Leider sind wir nicht zuständig."

Bisher findet "Femen" wenig Gehör, denn die Politiker beschäftigen sich mehr mit der Finanzkrise und der Präsidentschaftswahl 2010. Im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft , die 2012 in Polen und der Ukraine stattfinden soll, spielt das Thema Sextourismus ebenfalls keine Rolle. Kyrill Savin von der Heinrich-Böll-Stiftung rechnet nicht mit schnellen Veränderungen. Zu viele, sagt er, profitierten vom bestehenden System - etwa jene Polizisten, die Schutzgelder erpressen oder selbst die Mädchen benutzen:

""Die Miliz deckt ja diese Netzwerke auf, um selbst von diesen Netzwerken zu profitieren letztlich. Also sie erpressen, aber nicht mit gesetzlichen Mitteln, sondern mit anderen Methoden und machen die Mädchen ängstlich. Dadurch ist das System so zementiert, dass es sehr schwer ist, das durchzubrechen.” "

Doch es gibt kleine Fortschritte: "Femen" steht nun in Kontakt mit einigen Polizisten und wird sich mit Hilfe der Böll-Stiftung offiziell registrieren. DJ Hell aus Berlin, einer der bekanntesten Techno-Diskjockeys Europas, möchte im Frühjahr bei einer Aktion auftreten, um "Femen" zu unterstützen: Im von Glamour besessenen Kiew ist Aufmerksamkeit garantiert. Die Gruppe hat einen großen Vorteil und das ist ihr Idealismus: Der ist untypisch für die Ukraine und könnte dazu führen, dass "Femen" einiges verändern wird.

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