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StartseiteEuropa heuteDer Rabbiner, der Bus und die Banlieues09.04.2019

Gegen Vorurteile und Hass Der Rabbiner, der Bus und die Banlieues

Emmanuel Macron hat von dunklen Zeiten gesprochen, als er die jüngsten antisemitischen Vorfälle in Frankreich aufzählte. Hass und Vorurteile treffen Juden, aber auch Muslime. Der Präsident wünschte sich mehr Engagement. Dabei gibt es Leute, die längst machen, was der Staatschef fordert.

Von Ursula Welter

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Auf der Rückseite eines Transporters ist ein Plakat mit einer schwarzen Frau und der Aufschrift "Ich habe von Gott geträumt, sie war schwarz" zu sehen. (Deutschlandradio / Ursula Welter)
"Ich habe von Gott geträumt, sie war schwarz" steht auf der Rückseite des Busses, mit dem das Team durch Frankreich fährt. (Deutschlandradio / Ursula Welter)
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Erste Etage in einem Zweckbau, Rue Jean Moulin in Ris-Orangis. Räumlich geht es ein wenig durcheinander: Im Souterrain das Büro des Jüdisch-Muslimischen Freundschaftsvereins AJMF. Im Parterre, mittig, die örtliche Polizeistation. In den übrigen Räumen die Moschee. Die Frauen beten in der ersten Etage, die Männer im Untergeschoss.

Gerade ist keiner da, der betet. Stattdessen sitzt Mohamed an der Stirn des Gebetsraums, an einem Tisch mit Infobroschüren. Mohamed war schon im Jahr der großen Anschläge, 2015, mit von der Partie im Freundschaftsverein, er hat die Zeit der islamistisch motivierten Attentate erlebt, in seiner Funktion als Mittler zwischen der jüdischen und der muslimischen Welt.

"Manche Muslime in den Vororten haben nie einen Juden gesehen"

"Es gibt noch viel Vorurteile und viel zu tun, das zeigen die jüngsten Ereignisse. Nicht nur hier im Großraum Paris, überall in Frankreich. All das kommt, weil wir zu wenig übereinander wissen."

Der Rabbiner Michel Serfaty sitzt in der Synagoge auf einer Stufe und spricht mit muslimischen Jugendlichen (Deutschlandradio / Ursula Welter) (Deutschlandradio / Ursula Welter)Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Entdeckt mich! Ich bin Jude. - Unterwegs mit einem französichen Rabbi.



Mohamed zieht durch die Lande mit anderen Muslimen und mit dem Rabbiner der Gemeinde von Ris-Orangis, Michel Serfaty. Die Synagoge steht 100 Meter weiter, auf derselben Straßenseite. Woher kommen die Vorurteile?

"Von Kindheit an wächst man damit auf. Die Eltern geben das an ihre Kinder weiter, weil sie es nicht besser wissen… die jungen Muslime in den Vororten haben nie einen Juden gesehen. Auf unseren Touren lernen sie etwas über Juden, dass es viele Ähnlichkeiten gibt, kein Schweinefleisch zum Beispiel, das wichtigste ist, sich kennenzulernen, das ist der Schlüssel!"

Immer mehr Kommunen melden sich

Mohameds Chef, der Rabbiner Michel Serfaty, ist das Gravitationszentrum des Vereins. Der 76-jährige, großgewachsene Franzose mit marokkanischen Wurzeln hat acht Mitarbeiter.

"Wir haben viel geredet und zu wenig getan", hat Emmanuel Macron gerade erst formuliert. Der Präsident ist alarmiert: Gewalt gegen Menschen, weil sie jüdischen Glaubens sind; die Hakenkreuz-Schmierereien; die Friedhofsschändungen; die öffentliche Pöbelei gegen Juden bei Demonstranten der Gelbwesten. Darüber ist nicht nur die Staatsspitze erschrocken.

"Wir gehören zu den wenigen, die vor Ort arbeiten. Es ist nicht meine Aufgabe, mit der Politik zu streiten. Wenn der Präsident jetzt also sagt, da wurde viel geredet und wenig getan, nun denn, warten wir ab."

Mohamed, Rabbi Serfaty und Isadora (v.l.n.r) stehen in T-Shirts des Freundschaftsvereins vor einer Fotowand mit Porträts von Männern und Frauen. (Deutschlandradio / Ursula Welter)Rabbi Serfaty (Mitte) mit Mohamed und Isadora, einem Teil seines Teams. (Deutschlandradio / Ursula Welter)

Serfaty ist seit 2005 aktiv mit seinem Verein. Die Lage im Land spitzt sich zu, er merkt es auch daran, dass immer mehr Gemeinden sein Team anfordern:

"Es läuft die 14. Tour de France mit unserem Bus. Man fragt uns an, bittet uns, wiederzukommen, ob in Straßburg, Nizza, Montpellier. Wir haben inzwischen zehn Filialen in ganz Frankreich, mit Büros und Aktivisten, die unsere Arbeit fortsetzen."

Der Bus. Ohne den Bus ginge es nicht.

"Jedes technische Hilfsmittel, mit dem wir unsere Botschaft rüberbringen können, ist willkommen. Der Bus ist überraschend, er ist werbewirksam. Die Leute bleiben stehen und fragen, so was gibt es? Ja, so etwas gibt es!!"

Mit dem Bus geht es in die aufgeladenen Vorstädte

Ein weißer Transporter, französische Bauweise. AJMF steht darauf, der Name des Vereins. Telefonnummer, Adresse, alles transparent. Auf dem Lack überall Sinnsprüche: "Wir ähneln uns mehr, als es scheint", steht an der Seite, am Heck das dunkelhäutige Gesicht eines Mädchens mit dem Satz zitiert "Ich habe von Gott geträumt, sie war schwarz."

"Der Bus ist ein Mittel, um die Diskussion zu beginnen, um die Leute zum Nachdenken anzuregen."

Mit dem Bus fahren der Rabbiner und seine muslimischen Freunde in die von Gewalt aufgeladenen Vorstädte Frankreichs. Auf den öffentlichen Plätzen diskutieren sie mit jungen Leuten, versuchen in die "maisons de quartier" zu kommen, in die Jugend- und Kulturzentren, aber der laizistische Staat, der sich streng von Religion abgrenzt, sieht es nicht gerne, wenn der Rabbiner mit der Kippa auftaucht, obwohl er stets das T-Shirt des Freundschaftsvereins überstreift.

"Wenn der Bürgermeister 'Njet!' sagt, kommen wir da nicht rein. Da haben wir also ein politisches Problem. Manche Leiter von Jugendzentren setzen sich darüber hinweg. Aber wir müssen immer werben."

Außenansicht eines Gebäudes in  Ris-Orangis, in dem auch die Moschee untergebracht ist. (Deutschlandradio / Ursula Welter)Moschee, Polizeistation, Büro des Freundschaftsvereins: der graue Zweckbau vereint (Deutschlandradio / Ursula Welter)

Serfaty selbst wurde 2003 angegriffen. Das hatte nichts mit dem Freundschaftsverein zu tun, den gab es da noch nicht. Aber ganz Frankreich, bis hinauf zum Staatspräsidenten, sprach damals über den Fall. Vor so was, sagt er heute, haben viele Bürgermeister Angst. Die wollen keine zusätzliche Unruhe.

"Man weiß, dass es in Frankreich zwischen dem Jahr 2000 und heute 11.000 antisemitische Übergriffe gegeben hat. 11.000. Und ich mit meinem Team? Wir treffen jedes Jahr zwischen 10.000 und 12.000 Menschen und das seit fast 15 Jahren, und es gab nicht einen einzigen Zwischenfall. Tut mir leid, aber da ist doch ein Widerspruch. Wir gehen in die dunkelsten Stadtteile, wir hören schreckliche Sprüche, aber wir lächeln unser Gegenüber an, sagen, lass es raus und jetzt reden wir seriös miteinander."

Der Hass spielt auch im Netz

Michel Serfaty und sein Team arbeiten gegen die Vorurteile in den Einwanderer-Vorstädten. Aber was ist mit dem anderen Antisemitismus in Frankreich, der Ideologie im rechten und linken politischen Raum?

"Man muss sagen, dass die extreme Rechte und die extreme Linke während der vergangenen 15 Jahre eher die Moscheen und die Muslime angegriffen haben, weniger die Juden. Das heißt nicht, dass die antisemitische Ideologie nachgelassen hat, aber diese Form von Hass spielte immer eher auf einschlägigen Bühnen, im Netz, und es gab keine direkten Aggressionen. Aber mit den Protesten der "Gelbwesten" ist dieser Hass jetzt in den öffentlichen Raum zurückgekehrt."

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