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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWie sich rechte Rhetorik aushebeln lässt30.10.2017

GegenredeWie sich rechte Rhetorik aushebeln lässt

Dagegen halten ist wichtig, wenn professionelle Bauernfängerei am Werk ist. Die Strategien rechter Rhetorik, wie sie von den Identitären und Teilen der AfD praktiziert werden, sind immer wieder Thema. Mit welcher Haltung man diesen Mustern begegnet, damit befassen sich Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn in "Mit Rechten reden".

Von Claudia van Laak

Eine Frau und ein Mann (Schauspieler) gestikulieren mit erhobener rechter Hand (Hintergrundbild). Buchcover (Vordergrundbild). (picture-alliance / dpa / Peter Steffen und Klett Cotta Verlag)
Die Autoren analysieren die politische Rhetorik von Rechtsintellektuellen und helfen so zu verstehen, wie deren Kommunikationsstrategien funktionieren. (picture-alliance / dpa / Peter Steffen und Klett Cotta Verlag)
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Wer eine simple Anleitung erwartet - nach dem Motto: So mache ich meinen AFD-Nachbarn mundtot, erstens, zweitens drittens - der wird enttäuscht. Der Titel ist irreführend. Trotzdem lohnt es sich, das Buch von Maximilian Steinbeis, Per Leo und Daniel-Pascal Zorn zu lesen. Die Autoren analysieren die politische Rhetorik von Rechtsintellektuellen und helfen so zu verstehen, wie deren Kommunikationsstrategien funktionieren. Und sie halten allen anderen einen Spiegel vor, machen klar, warum es nur den Rechten nutzt, wenn diese von Podiumsdiskussionen oder anderen Veranstaltungen ausgeschlossen werden.

"Durch den Ausschluss bekommen die Rechten gratis eine Stärke bescheinigt, die sie sonst unter Beweis stellen müssten. Zugleich können sie sich als Opfer einer repressiven Moral ausweisen. Und was lernen sie daraus? Du musst ihnen nur drohen, dann kriegst du alles, was du willst."

Die Autoren kritisieren die politische Linke, machen sie mitverantwortlich für den Aufstieg der Rechten. Die Linke habe ihr einst so überlegenes Denken durch moralischen Eifer ersetzt. Lediglich eine entkernte Ideologie sei übrig geblieben, die nur notdürftig verhüllen könne, wie sehr sich die Linke ihrem politischen Feind angeglichen habe.

"Die Linke dachte im Freund-Feind-Schema. Wie die Rechte. Sie behauptete sich selbst in einer Welt von sich selbst behauptenden Völkern und Nationen. Wie die Rechte. Und dann entdeckte sie auch noch die Unterschiede zwischen den Rassen, Kulturen, Religionen und Geschlechtern, die alle um die eigene Identität kreisen. Wie die Rechte. Aus einem Gegner, dem die Linke ins Gesicht sehen konnte, war ein Feind geworden, dessen Züge sie fürchten musste, wenn sie selbst in den Spiegel sah."

Das Sprachspiel verstehen

Steinbeis, Leo und Zorn verstehen sich nicht als neutrale Sachbuch-Autoren, sie nehmen Partei, schreiben in der Wir-Form. Wir - das sind alle Nicht-Rechten, allerdings nicht "die Linken" - diese sind lediglich "unsere linken Freunde". Eine sehr simplifizierende Vorgehensweise, die es andererseits erleichtert, rechtsintellektuelle Diskursstrategien zu verstehen. Maximilian Steinbeis - der Jurist betreibt den bekannten "Verfassungsblog" - nennt diese Strategie das "Sprachspiel".

"Das rechte Sprachspiel erkennt man daran, dass eine Behauptung gemacht wird, die einen bestimmten Effekt provozieren soll, und wenn man sich auf diese Provokation einlässt, dann wird diese Reaktion als Angriff gewertet, der dann wiederum die Behauptung rechtfertigt. Und die Behauptung ist, ich werde hier zum Opfer gemacht einer Aggression, und anstatt zu fragen, was für eine Aggression, regt man sich dann auf über diese Behauptung. Und dann sagt er, siehst du, hier ist die Aggression, und zack, ist diese Behauptung gerechtfertigt. Und derjenige, der die Behauptung gemacht hat und eigentlich eine Begründung schuldig dafür wäre, der spart sich diese Begründung."

Der Opfermythos sei nicht nur zentral für die Rechte, sie bettele geradezu um diese Opferrolle, heißt es bei Steinbeis, Leo und Zorn. Für ein Verständnis ihrer Kommunikationsstrategie sei dies wichtiger als die politischen Inhalte. Diese erklären die Autoren geradezu für irrelevant. Wenn man sich dieses Sprachspiel nicht klarmache, sei man grundsätzlich Verlierer in einer politischen Auseinandersetzung.

"Das ist unser Problem mit den Rechten. Nicht weil sie irgendwelchen Ideen anhängen, die vielleicht ein bisschen skandalös klingen mögen, […] machen sie uns zu schaffen, sondern weil sie anderen die Schuld dafür geben, dass kein Gott und kein Präfekt erscheint, um sie zu erlösen. Sie spucken und fauchen von ihrem selbstgewählten Kreuz auf uns hinab - und hoffen, dass wir zurückfauchen. Und wenn wir es tun, dann klagen und jammern und schimpfen sie so lange über diese entsetzliche Schandtat gegen ein wehrloses Opfer, bis einige Zuschauer tatsächlich Mitleid mit ihnen kriegen. So mobilisieren sie ihren Anhang. Nicht durch Programme, sondern durch Provokationen. Und Gejammer."

Die Sachebene nicht verlassen

Mit Rechten reden. Dazu fordern die Autoren am Ende des Buches auf. Aber wie nun genau? Sie als "Nazi" zu titulieren, sie zu dämonisieren sei genauso falsch wie immer und überall als moralisch Überlegener aufzutreten, sagt Co-Autor Per Leo.

"Wenn man aus dem Empörungsgestus rauskommt und auf die Sachebene wechselt, dann spielt man das eigene Spiel, anstatt sich ihr Spiel aufdrängen zu lassen."

Das Buch liest sich locker weg, der Stil ist flapsig, die Autoren wollen mit aller Macht unterhalten. Sie lieben es, das Deutsche mit englischen Ausrufen und Begriffen zu mischen. Der Text ähnelt stellenweise einem WhatsApp-Chat, mehr gesprochene als geschriebene Sprache. Außerdem enthält das Sachbuch auch belletristische Teile - eine Art Fabel. Ein Text-Experiment also, das vielleicht eher auf eine Bühne gehört als zwischen zwei Buchdeckel? Maximilian Steinbeis und Per Leo finden diese Idee super.

"Theater wäre eigentlich ein idealer Ort. Ja, warum nicht, hätten wir großen Spaß dran. Haben wir auch schon rumgespielt mit dem Gedanken. Wenn die Kollegen vom Theater an einer Bühneninszenierung interessiert sind, wir sind sofort zu haben."

Eine kritische Anmerkung: Das Buch ist aus der Haltung derjenigen geschrieben, für die es ein Spaß ist, sich mit Vertretern der neuen Rechten rhetorisch zu messen. Die Autoren sind Großstadtintellektuelle und Salondemokraten - für sie ist es lediglich ein Spiel ohne Konsequenzen - zumal nicht alle von ihnen praktiziert haben, was sie in ihrem Buch vorschlagen. Hier rächt sich die mangelnde Differenzierung - Rechte, das sind nicht nur feingeistige, sich intellektuell gebende Neue Rechte. Dazu gehören auch Neonazis, die Andersdenkende physisch und psychisch bedrohen. "Rechte Rede" wird da schnell zu Hass und Einschüchterung. Für einen Flüchtlingshelfer aus einem sächsischen Dorf sind rechte Kommunikationsstrategien und "Sprachspiele" eben kein intellektueller Spaß.

Maximilian Steinbeis, Per Leo, Daniel-Pascal Zorn: "Mit Rechten reden. Ein Leitfaden"
Klett Cotta, 183 Seiten, 14 Euro

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