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StartseiteSport am WochenendeGeheimdienstler am Ball23.10.2011

Geheimdienstler am Ball

Viele Fragen zum angekündigten FIFA-Reformkurs bleiben offen

"FIFA bekräftigt Reformwillen", schreibt der Welt-Fußballverband auf seiner Homepage. Viele Beobachter sind da anderer Meinung.

Ein Kommentar von Jens Weinreich

Blick auf das FIFA-Hauptquartier in Zürich. (picture alliance / dpa)
Blick auf das FIFA-Hauptquartier in Zürich. (picture alliance / dpa)

DFB-Präsident Theo Zwanziger, Neuling im FIFA-Exekutivkomitee, hat sich mit Interviews zur FIFA zuletzt zurückgehalten. Er hielt es nicht für nötig, auf aktuelle Korruptionsvorgänge unter seinen 23 Kollegen einzugehen. Nun hat er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einiges diktiert. Details seines Plans, die FIFA-Statuten zu reformieren, bleiben zwar noch geheim. Zwanziger will, wie üblich, intern revolutionieren, was eigentlich nur von außen zerschlagen werden kann und zerschlagen werden müsste: Ein im Grunde hochkorruptes Gebilde, das Exekutivkomitee, die Wurzel des Übels.

Etliche Aussagen von Zwanziger irritieren extrem - andere ergeben durchaus Sinn. Zum halbwegs Positiven darf man zählen, dass er eine Überprüfung der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar nicht ausschließt - und ausdrücklich Russland in diese Überlegungen einbezieht. Zwanziger sagt aber nicht laut und deutlich: Komme, was wolle, wir müssen beide WM-Vergaben unabhängig und von wirklichen Experten prüfen lassen, nämlich Kriminalisten, international tätigen Fahndern auf den Feldern Geldwäsche und Wirtschaftskriminalität. Zwanziger verlangt auch nicht, dass seine Exekutivkollegen ihre Konten offenlegen sollen, obgleich das angebracht wäre. Zumal doch gerade aus Argentinien vermeldet wurde, dass der total korrupte FIFA-Vizepräsident Julio Grondona in der Schweiz Konten unterhält, die mit 30 Millionen Dollar gefüllt sind.

Es gibt andere Beispiele, die belegen, dass eine knallharte Untersuchung angebracht wäre. Aber derlei Recherchen gibt es nicht. Weltweit befassen sich vielleicht ein halbes Dutzend Journalisten ernsthaft mit den ominösen Geldtransfers aus Russland und Katar, die ein Volumen von mehreren Hundert Millionen Dollar umfassen dürften. Eingebunden sind auch Geheimdienste und mit ehemaligen Geheimdienstlern besetzte Agenturen - allerdings auf Seite derjenigen, die etwas zu verbergen haben, nämlich Russland und Katar. Diese Nationen, man darf gewiss von Staatskorruption sprechen, haben seit dem 2. Dezember 2010 viel investiert, um die Spuren der schmutzigen WM-Geschäfte zu verwischen.

Theoretisch hätten aufgrund zahlreicher Medienberichte eigentlich Fahnder die Büros von FIFA-Exekutivlern durchsuchen und Unterlagen beschlagnahmen müssen. Rein theoretisch, wohlgemerkt. Denn die FIFA bewegt sich im ABSOLUT rechtsfreien Raum - es gibt kaum einen Ansatz für derlei Ermittlungen, und auf diese partielle Rechtlosigkeit ist das System des Milliardenkonzerns FIFA ausgerichtet. Allenfalls das FBI könnte ein wenig Aufklärung schaffen, wenn es die bereits eingeleiteten Ermittlungen gegen den US-amerikanischen FIFA-Vorständler Chuck Blazer wirklich intensivieren sollte.

Die FIFA aber unternimmt nichts gegen Blazer. Bislang nichts gegen Makudi, Teixeira, Havelange, Grondona, Leoz, Anouma und wie sie alle heißen. Wenn Zwanziger nun behauptet, Blatters Road Map bis 2013 "Reformen" durchzusetzen, sei "ambitioniert", ist das Unsinn.

Ein Beispiel nur: Das IOC hat einst im Bestechungsskandal im Salt Lake City drei Monate gebraucht, um erste Konsequenzen zu ziehen und einige Sünder zu exmatrikulieren. Nach elf Monaten wurden von der IOC-Vollversammlung einige einschneidende Regeländerungen verabschiedet. Zwar lassen sich die Fälle schwer vergleichen, dennoch: Die FIFA genehmigt sich, vom Herbst 2010 an gerechnet, knapp drei Jahre bis auf dem Kongress 2013 in Mauritius alle Statutenänderungen implementiert werden sollen.

Das ist indiskutabel. Da kann Zwanziger erzählen, was er will. Und wenn eine Institution mit so wenig Fachkenntnis und Manpower wie Transparency International, dies auch noch als Durchbruch lobt und sich vom Korruptions-Hauptverantwortlichen Blatter in den Beraterstatus erheben lässt, ist dies schlichtweg ein Skandal für sich - und nichts anderes als Propaganda im Sinne der FIFA-Führungsclique.

Zwanziger spricht nun davon, man müsse "Feindbilder abbauen" und den "Blick nach vorn richten". Ein Rücktritt Blatters wäre nur ein "populistisches Signal" gewesen.

Nonsens: Blatters Rücktritt und die Demission des gesamten Exekutivkomitees wäre der einzig konsequente Schritt, um mit einer Aufarbeitung zu beginnen!

Auch das ominöse Versprechen Blatters, Einblick in die Einstellungsverfügung aus dem ISL-Bestechungsskandal zu gewähren, ist bisher nichts weiter als eine Propaganda-Finte. Diese Unterlagen gehören an die Öffentlichkeit. Die FIFA und ihre korrupten Vertreter haben einmal 2,5 und einmal 5,5 Millionen Schweizer Franken Schweigegeld gezahlt, um die Namen der Schmiergeldempfänger geheim zu halten. Jetzt, da die Gefahr drohte, dass die Justiz die Unterlagen an Medien herausgeben muss, kommt Blatter mit diesem Trick. Er will keine totale Offenlegung, sondern nur Einsichtnahme durch ein noch zu benennendes Gremium. Absurd.

Beim Stichwort ISL muss man zwei weitere wichtige Fakten nennen, die von den meisten Berichterstattern immer noch negiert werden:

Erstens: Konjunktive verbieten sich. Es war ein Schmiergeldsystem vom mindestens 141 Millionen Franken, das ist gerichtsfest. Und FIFA-Funktionäre wie Leoz, Havelange, Teixeira und Hayatou haben kassiert.

Zweitens: Dieses Schmiergeldsystem wurde in Deutschland von einem Deutschen geprägt und entworfen. Die Korruption im Weltsport ist ein Gespenst aus Deutschland. Es war der ehemalige Adidas-Chef und ISL-Gründer Horst Dassler, der die Fäden gezogen hat. Blatter und Franz Beckenbauer gehörten zu Dasslers besten Freunden. Beckenbauer war sogar mal Teilhaber einer ISL-Vorläuferfirma. Beckenbauer hat noch nie etwas zur Aufklärung beigetragen, sondern stand stets an Blatters Seite.

Es ist deshalb ein Treppenwitz der Weltsportgeschichte, wenn diese Personen sich nun an die Spitze von angeblichen Reformbestrebungen setzen.

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