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StartseiteMusikjournalMeister der Entschleunigung30.07.2018

GeigenbauerMeister der Entschleunigung

Serie: Perspektivwechsel - ein Tag als ...

Guarneri, Amati und Stradivari - über den Klang der Streichinstrumente dieser Geigenbauer wird geforscht und spekuliert. Unser Autor Raoul Mörchen wollte dem Geheimnis dieses Handwerks auf die Spur kommen und hat dafür einen Tag in einer Brühler Geigenbauwerkstatt angeheuert.

Von Raoul Mörchen

Blick auf die Werkbank eines Geigenbaumeisters (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
300 bis 400 Stunden Arbeit braucht es für eine Geige (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
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"Dein Arbeitsplatz ist hier."

"Okay. Eine große Werkbank aus Holz. Da ist schon viel dran gearbeitet worden."

"Das sind schon viele, viele schöne Instrumente dran entstanden. Auch viele Praktikanten haben hier schon gearbeitet."

"Sind das Blutspritzer?"

"Nein, das sind Lackspritzer."

"Gottseidank."

"Da fangen wir mit einer ganz einfachen Übung an, mit der jeder Geigenbauer anfangen würde: nämlich aus etwas Viereckigem etwas Rundes zu machen. Weißt du, wo man runde Stäbe beispielsweise braucht?"

"Beim.... St ... wie heißt das Ding zwischen der Decke und dem Boden?"

"Das ist die Stimme. Die Stimme, Seele oder Anima, das ist eigentlich die zentralste Arbeit, die ein Geigenbauer macht: aus einem Stück Holz die zentrale Stelle zwischen Boden und Decke herzustellen."

Fichte ist nicht gleich Fichte

Also vom Prinzip alles verstanden. Das Eckige muss rund werden. Ich soll also mit einem Hobel eine Art Schüppenstiel schnitzen, ein möglichst rundes Stück Holz, das am Ende eingepasst wird im Hohlkörper eines Streichinstruments, direkt unter dem Steg. Klingt nach einer Menge Arbeit für etwas, was man sich im Baumarkt für ein paar Cent einfach zuschneiden lassen könnte – denkt der Praktikant, und wird vom Meister Willi Balsereit eines besseren belehrt. Einfach ist im Geigenbau gar nichts.

"Also für die Stimme brauchen wir ein Stück Fichte."

"Ein Regal mit viel Holz, ist das alles Abfall?"

"Das sind Stücke, die schon mal verwendet wurden, aber die wollen wir nicht wegwerfen."

"Jetzt ist Fichte ja kein besonders wertvolles Holz."

"Falsch. Zwischen Fichte und Fichte gibt es große Unterschiede. Wenn wir jetzt eine Fichte nehmen, die hier in solchen wiederaufgeforsteten, waldkulturell zerstörten Gebieten wächst, wo der Boden unorganisch gewachsen ist oder aufgeschüttet wurde, da können wir sagen: Dieses Holz kann auch nichts richtiges werden. Aber es gibt natürlich gewachsene Bodenstrukturen, wo auch das Holz organisch wächst. Für uns ist besonders geeignet, wenn zum einen eine besondere Gleichmäßig da ist in den Jahresringen und dann in den weichen Jahresringen ... hart sind immer die Jahresringe, die im Winter wachsen, die sind dunkel und ganz dicht und im Sommer sind die hell und weich. Aber genau diese Mischung ist das, was uns die Fichte so wertvoll macht; die federnd ist und leicht, die eine Elastizitätsmodul hat wie kaum ein Material, das wir nicht mal synthetisch herstellen können."

Zurück an meine Werkbank, in der Hand ein Stück Fichte aus dem bayrischen Karwendel-Gebirge, beinahe perfekt gewachsen, über Jahrzehnte sorgfältig gelagert, knochentrocken und doch ... im Grunde sieht es aus wie ein Stück Anmachholz. Da soll nun eine sogenannte Stimme draus werden.

"Du wirst jetzt da mit dem Hobel drüber fahren."

"Das wird jetzt eingespannt."

"Das kannst du jetzt damit festklemmen, aber nicht zu viel, damit sich das nicht wölbt. ... Damit ist jetzt fest genug; und mit einem Hobel fängst du jetzt an, das zu bearbeiten. Du stellst dich jetzt so hin wie ich..... Da kommen dann diese Löckchen raus. Die sind der Beweis deiner Arbeit. Die Löckchen lässt du auch hier liegen bis zum Schluss."

"Da hätte ich mir mal eine Tüte mitbringen sollen."

"Und dieses Lineal hier hältst du hier drauf, damit du auch siehst."

"Aha! Ob das gerade oder noch bucklig ist."

"Das ist das erste."

"Okay!"

Geigenbauer und Entschleunigung

Ich hobele und hobele und hobele, und während sich die Späne tatsächlich bald zu einem ansehnlichen Häufchen aufschichten, wird mir immer klarer: dass ich heute Nachmittag mit einer fertigen Geige nach Hause gehen kann, daraus wird wohl nichts. Mehr als ein kleiner Stab aus Fichte ist vermutlich nicht drin, doch mit jedem Mal, mit dem ich den Hobel über das Holzstück schiebe, werde ich geduldiger: Geigenbauer sind ganz offenbar Meister der Entschleunigung.

Während ich so vor mich hinhobele, mein Werkstück dabei immer wieder drehe, um die Kanten zu glätten, schweift mein Blick durch die große Werkstatt. Auf einem Tisch entdecke ich etwas Sonderbares: einen noch unlackierten Kontrabass mit einem Loch in der rechten unteren Seitenwand, der Zarge, und einer Klappe auf der anderen: Ein Straßenmusiker hat den bestellt, in das Loch kommt später noch ein Lautsprecher, ins Innere ein Verstärker samt zusätzlicher Effekte. Noch allerdings ist der Korpus leer, die Klappe steht offen und das erlaubt mir, mal hineinzuschauen und nach dem Teil zu suchen, das ich gerade herstelle: der Stimme. Und Willi Balsereit zu fragen, was dieses komische runde Stück Holz in einem Streichinstrument überhaupt verloren hat.

"Wir brauchen technisch gesehen, physikalisch gesehen einen Ruhigstellungspunkt, denn die Decke wird an diesem Teil nicht schwingen, sondern muss präzise ruhig gestellt werden. Und diese Ruhigstellung, den die Stimme herstellt, ist der zentrale Punkt, um die Decke zum Schwingen zu bringen, so wie wir uns das wünschen."

Ich habe bald den Eindruck, dass es keine Frage gibt, die Willi, so darf ich ihn ja nennen, nicht beantworten kann. Aber was noch überraschender ist: Nie redet er, wenn er eine Sache erklärt, von Tradition, und das man halt etwas so oder so macht, weil das Geigenbauer eben genauso seit Jahrhunderten machen. Für Werkstadtleiter Balsereit und Geschäftsführerin Uta Führer, eine promovierte Biologin, ist Geigenbau ein Handwerk, das wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt, und mit der Wissenschaft blickt der Geigenbau in der Brühler Werkstatt neugierig in die Zukunft: Maschinen, Computer und Geräte zu Materialanalysen gehören so selbstverständlich zur Arbeit wie mein kleiner Hobel.

Neue Entwicklungen im Geigenbau

So wundere ich mich auch nicht weiter, als ich auf einem anderen Tisch ein fünfsaitiges Cello liegen sehe mit einem Corpus aus Carbon. Balsereit hat sogar mal Geigen aus Aluminiumblechen gebaut – die klangen wunderbar, sagt er, nur drauf spielen wollte keiner. Viel größere Chancen hat da schon seine neuste Entwicklung: eine Wirbelkasten für Kontrabässe mit kleinen Motoren, die das Instrument unentwegt und dabei ganz unhörbar nachstimmen. Wers lieber altmodisch mag, kann auch das haben – und sogar selber machen. Denn tatsächlich ist das die tollste Erfahrung, die ich an diesem Tag machen: Wenn ich wollte, dann könnte ich sogar meine eigene Geige hier bauen: 300 bis 400 Stunden Zeit müsste ich investieren, ein paar halbwegs geschickte Hände mitbringen und mir den Rest einfach zeigen lassen. Wie gesagt: Bei Diastrat ist Geigenbau keine Hexerei, sondern Wissenschaft, und deren Formeln kann man lernen.

Das bearbeitete Stück Holz liegt auf einer Werkbank neben Holzspänen (Deutschlandradio/Raoul Mörchen)Handarbeit von unserem Autor Raoul Mörchen (Deutschlandradio/Raoul Mörchen)

Ich allerdings bleib erst einmal bei meinen Leisten, spricht meiner Stimme, die schon deutliche Fortschritte macht. Heute morgen noch ein krauses Stück Anmachholz, wird sie zur Mittagspause immer runder und schöner. Meister Willi nickt und ist zufrieden:

"Na, das sieht doch schon mal gar nicht so schlecht aus, was Du hier machst. Also, wenn das mit deiner Reportertätigkeit mal nicht mehr funktioniert, dann hast du als Stimmenbauer schon noch eine Zukunft vor dir."

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