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StartseiteInformationen am MorgenEntschuldigung für die Familien der Opfer 30 Jahre danach16.08.2018

Geiseldrama von Gladbeck Entschuldigung für die Familien der Opfer 30 Jahre danach

Vor 30 Jahren hielt das Geiseldrama von Gladbeck die Republik rund 54 Stunden lang in Atem - begleitet von unzähligen Journalisten. Drei Menschen starben. Kritik an der Berichterstattung gab es schon damals. Doch erst jetzt kommen die Fehler der damaligen Behörden zur Sprache.

Von Moritz Küpper

Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen am 17.8.1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Die Geiselnehmer hatten am 16.08.1988 in Gladbeck-Rentfort eine Bank überfallen und zwei Geiseln genommen. Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd über Bremen, den Niederlanden und Köln, stoppte die Polizei am 18.08. auf der Autobahn Richtung Frankfurt am Main die Geiselnehmer mit Waffengewalt. (dpa / Hartmut Reeh)
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen am 17.8.1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus (dpa / Hartmut Reeh)
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Die Anspannung, die Intensität der Situation, sie ist bis heute spürbar: "Du alte Dreckssau, geh da oben weg, sonst knall ich Dir einen rein, Du Penner."

Auch in diesem Moment, als das Geiseldrama von Gladbeck schon über einen Tag läuft: "Warum geht da keiner ran?" Hans-Jürgen Rößner, einer der beiden Geiselnehmer, der mit dem Vollbart, alkoholisiert, aufgeputscht von Amphetaminen, mit aufgerissenen Augen, gerät in Bremen ins Visier von Scharfschützen. Niemand schießt, aber Rößner wird immer nervöser.

"Wenn hier keiner kommt, dann knall ich. Gott."

"Sie sind der Bankräuber?"

Es ist einer diese vielen Momente, in denen das Gladbecker Geiseldrama, zu eskalieren droht. Jenes schreckliche Ereignis aus dem August 1988, in dem Rößner, zusammen mit seinem Kompagnon Dieter Degowski, beide vorbestraft, rund 54 Stunden lang die Republik in Atmen hielten, das letztendlich drei Menschen das Leben kosten wird – und das alles ausgeleuchtet und live verfolgt von unzähligen Journalisten:

"Guten Abend meine Damen und Herren. Ein Banküberfall mit Geiselnahme hält Polizei und Bürger von Gladbeck in Atem. Noch immer befinden sich zwei Angestellte in der Hand von zwei Schwerbewaffneten Räubern in einer Filiale der Deutschen Bank."

Der Wagen mit den Geiselnehmern wird bei einem Stopp in Köln von Journalisten belagert. (dpa)Der Wagen mit den Geiselnehmern wird bei einem Stopp in Köln von Journalisten belagert (dpa)

Interviews, direkt, per Telefon: "Wer sind Sie denn bitte?"

"Na wer wohl, der Bankräuber."

"Bitte was?"

"Der Bankräuber."

"Sie sind der Bankräuber?"

"Ja."

"Können Sie mir sagen, welche Forderungen Sie über die 300.000 Mark hinaus stellen? Was für einen Fluchtwagen wollen Sie denn haben?"

"Dass wir die 300.000 Mark fordern, Handschellen fordern…"

"Wozu brauchen Sie denn Handschellen? Das heißt, Sie wollen ihre Geisel nicht freilassen, wenn sie die Forderungen erfüllt haben, zunächst?"

"Zunächst nicht, wir wollen sie mitnehmen."

"Wo wollen Sie denn hinfahren?"

"Das werde ich Ihnen noch sagen."

"Na gut, man kann sie mit Hubschraubern verfolgen."

"Das Gespräch ist beendet."

Gespräche im Fluchtauto in der Fußgängerzone, umgeben von unzähligen Schaulustigen:

"Sind Sie wirklich bereit, Leute umzubringen?"

"Ja."

"Wie geht es Ihnen mit der Pistole am Hals?"

"Na, eigentlich ziemlich gut, dafür, dass… Mir ist das eigentlich gar nicht so bewusst irgendwie."

"Zu jung."

"Können Sie sich wirklich vorstellen, dass er wirklich abdrückt?"

"Nein."

Posieren, mit der Geisel Silke Bischof.

"Es gab einen Kollegen, der kam zu spät und sagt dann zu dem Degowski: Hör mal, halt doch dem Mädchen noch mal die Pistole an den Kopf. Ich glaub, mir sind die Ohren abgefallen, ja."

Kritik an der Berichterstattung

Gladbeck, das ist ein Synonym geworden, für das Versagen der Medien, für eine zu große Nähe zwischen Journalisten und den Tätern, die durch die Medien auch noch geschützt wurden:

"Medien halten sich in solchen Situationen nicht zurück, jeder will das beste Bild machen. Und wenn es ein Interview mit einem Gangster gibt, dann macht man auch das. Und die Polizei war nicht in der Lage oder unfähig, wie immer sie wollen, die Medienvertreter abzudrängen und zurückzudrängen. Das muss sie eigentlich machen, auch nach dem polizeilichen Dienstvorschriften. Das ist hier nicht passiert und so ist das alles möglich gewesen."

Es ist – neben eben jener Medienkritik, die zu einer Verschärfung des Pressekodex führte – eine weitere Ebene, die zuletzt zu Sprache kam. Denn: Der damalige, mittlerweile verstorbene, nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau von der SPD, übte im Nachgang zwar Kritik an der Berichterstattung:

"Es wird vielen unter ihnen so gehen, dass man es nicht vergessen kann, dass eine junge Frau mit einer Pistole bedroht wird und dann fragt ein Journalist: Wie fühlen Sie sich?"

Mehrere Gelegenheiten zum Zugriff verpasst

Sein eigenes Kabinett, inklusive vor allem dem damaligen Innenminister Herbert Schnoor, ebenfalls SPD, verschonte er – obwohl es offensichtliche Fehler gegeben hatte. Hinweise im Vorfeld wurden ignoriert, mehrere Gelegenheiten zum Zugriff blieben im Namen einer Null-Risiko-Strategie ungenutzt. Schnorr selbst, mittlerweile hochbetagt und nicht mehr redefähig, sagte Jahre später im Deutschlandfunk:

"Sehen Sie, wenn sie wissen, in einer solchen schwierigen polizeilichen Lage, sind Profis am Werk. Und Bessere gibt es nicht. Und sie haben sich in jeder Phase immer informiert, dann wissen sie zumindest eins: Diese Profis haben alles drangesetzt, um einen Erfolg zu haben. Und dann kann man sich auch zu ihnen stellen. Dies habe ich getan. Nur: Es blieb der Misserfolg."

Keine Aufarbeitung unter NRW-Ministerpräsident Johannes Rau

Doch Rau stellte sich – trotz aller Zweifel – vor Schnoor und beendete die Aufarbeitung. In Bremen dagegen trat sogar der SPD-Innenminister zurück. Nun, fast 30 Jahre später, will auch NRWs Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU mit dieser, wie es die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nannte, "politische Lebenslüge der nordrhein-westfälischen Landesgeschichte" aufräumen:

Es sei mehr als überfällig, dass sich nun auch Nordrhein-Westfalen zu seiner Verantwortung bekenne, so Laschet vor einigen Tagen in der "FAZ". Es sei die oberste Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen. Dies sei ihm in Gladbeck und in den Stunden danach unter dramatischen Umständen nicht gelungen.

Und während sich einer der Geiselgangster, nämlich Dieter Degowski, der damals den 15-jährigen Emanuele De Giorgi erschoss, seit Februar auf freiem Fuß befindet, bittet Laschet die Angehörigen der drei Todesopfer und die weiteren Opfer um Entschuldigung. Fast 30 Jahre später also, als am 18. August 1988, die Polizei doch noch, auf der Autobahn, eingriff:

"Also kam dann das Kommando: Zugriff freigegeben." So erzählte es Willi Rupieper, damals SEK-Beamter, Jahre später dem Deutschlandfunk. Doch als der damals 38-Jährige das Fluchtauto auf dem Standstreifend stehend ansteuerte, ruckte dieses los:

"Somit war für mich eine Treffermöglichkeit in Höhe der Fahrertür nicht mehr möglich."

Es kam zu einer wilden Schießerei, bei der die 18-jährige Silke Bischof tödlich getroffen wurde – und es war der Polizist Rupieper, der die tote Geisel im Arm halten musste und dies nie vergessen wird.

"Das Gesicht von Silke Bischoff."

"Das Geiseldrama ist heute gewaltsam beendet worden." Doch dessen Wirkung bis heute hält – 30 Jahre später.

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