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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Inflation steigt - kein Grund zur Panik04.09.2021

GeldentwertungDie Inflation steigt - kein Grund zur Panik

Die Pandemie hat die Inflation zurückgebracht - nach jahrelangem Kampf gegen Stagnation sei das gut so, meint Eva Bahner. Gelassenheit sei jetzt vernünftig, denn diese Sondereffekte würden 2022 verschwinden. Deshalb hielten die Hüter stabiler Preise in der Eurozone erstmal die Füße still - in den USA sei das anders.

Ein Kommentar von Eva Bahner

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Ein Einkauf liegt in einem Einkaufswagen in einem Supermarkt. Statistisches Bundesamt gibt Inflationsrate für April 2021 bekannt. (dpa)
Die Preise steigen - und damit die Inflationsrate. Nach dem Preiseinbruch durch die Pandemie ein normaler Effekt und kein Grund zur Panik, meint Eva Bahner. (dpa)
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Die Geldentwertung schreitet voran, der Ruf nach einer Inflationsbremse wird lauter. Mehr als fünf Prozent Inflation in den USA, drei Prozent in der Eurozone. Und in Deutschland, da steigen die Preise mittlerweile um knapp vier Prozent, so stark wie zuletzt in den Boom-Jahren nach der Wiedervereinigung vor 28 Jahren. Nur allzu verständlich, dass einigen Sparerinnen, Hartz-IV-Empfängern und Rentnerinnen angst und bange wird.

Dabei sind steigende Preise eigentlich ein gutes Zeichen - ein Zeichen dafür nämlich, dass die Wirtschaft in vielen Ländern wieder anspringt nach dem Ausnahmezustand der Pandemie. Verbraucher und Verbraucherinnen das nachholen, was in den langen Lockdown-Phasen nicht möglich war: ausgiebig zu verreisen und zu konsumieren. Unternehmen sich wieder über volle Auftragsbücher freuen können, und die Bänder in den Fabriken nicht stillstehen.

Nebeneffekte der Erholung: steigende Energiepreise, teure Rohstoffe

Dazu gesellen sich, zugegeben, einige unerwünschte Nebeneffekte, nämlich, dass auch Energie teurer wird, wenn die Konjunktur anspringt, und Lieferengpässe dafür sorgen, dass die Preise für Vorprodukte und Rohstoffe steigen, und damit auch die für Autos, Fahrräder oder Möbel.

  (Imago / SKATA) (Imago / SKATA)Inflation - Warum steigen die Preise?
Laut Schätzung des Statistischen Bundesamts waren Dienstleistungen und Waren im August 2021 durchschnittlich 3,9 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Einen stärkeren Preisauftrieb gab es zuletzt vor 28 Jahren. Was treibt die Inflation an und welche Maßnahmen werden ergriffen, um Preise stabil zu halten? Ein Überblick.

Die Corona-Pandemie hatte am Anfang auch für die globale Wirtschaft einige Überraschungen parat, Unternehmen wurden herausgefordert in ihrer Logistik und vieles wurde auf den Kopf gestellt. Dass dabei auch das Preisgefüge durcheinandergerät, ist eigentlich nicht weiter verwunderlich.

Die Pandemie hat also die Inflation zurückgebracht in die westlichen Industriestaaten. Und das ist gut so, für Geldpolitiker zumindest, die jahrelang gegen Stagnation oder gar Deflation gekämpft haben. Sinkende Preise also, die zu gefährlichen Spiralen führen können, in denen die Nachfrage immer weiter zurückgeht, so dass Unternehmen und Arbeitsplätze zerstört werden. Ein Szenario, dass viel gefährlicher ist als Inflation, die Notenbanken schneller in den Griff bekommen können.

Inflation als Sondereffekt, der 2022 verschwinden dürfte

Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Inflationszahlen, die für Deutschland nun Monat für Monat gemeldet werden, nur scheinbar hoch sind. Dafür verantwortlich ist schlichtweg auch ein Sondereffekt, der im nächsten Jahr verschwinden dürfte: Inflationsraten werden auf Jahresbasis verglichen, und die Preiseinbrüche zu Beginn der Pandemie 2020 waren enorm. Dazu kommen der neue CO2-Preis und eine Mehrwertsteuer, die wieder auf ihrem alten Niveau ist.

Gefährlich sind stetig steigende Preise, wenn sie dazu führen, dass auch die Beschäftigten eine Kompensation fordern für die Geldentwertung, höhere Löhne also, und auch Unternehmen höhere Preise verlangen, unter der Prämisse, dass alles teurer wird, sich also die Inflation verfestigt. Doch eine derartige Lohn-Preis-Spirale, da sind sich so gut wie alle Ökonomen einig, ist derzeit nicht in Sicht, nicht in Europa, aber auch nicht in den USA.

Inflationsangst ist im Moment nicht angebracht. Das sehen auch die Hüter stabiler Preise so und halten erstmal die Füße still. Auch weil sie sich selbst mehr Spielraum verschafft haben durch die Verschiebung ihrer Inflationszielmarken. Ihr Mantra: die Inflation zieht vorüber.

  (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto) (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto)Deutschland und die Inflation - Die Verlierer sind die Armen
In Deutschland ist die Inflationsrate seit langer Zeit wieder sprunghaft gestiegen. Der Grund: Sondereffekte der Pandemie. Auf Teuerungen reagieren die Deutschen allerdings höchst sensibel. Doch die Europäische Zentralbank bleibt ihrer lockeren Linie treu. Wie lange kann das noch gut gehen?

Zeit, den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik vorzubereiten

Diese Gelassenheit mag befremdlich erscheinen, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt nur vernünftig, wo ehrlicherweise keiner genau vorhersehen kann, wie die Folgeerscheinungen eines noch nie dagewesenen Pandemieschocks aussehen.

Wachsam sollten die Währungshüter jedoch bleiben, denn vor allem in den USA hat sich die Inflation ja bereits sehr weit vom selbst gesteckten 2-Prozent-Stabilitätsanker entfernt. Ohnehin ist es jetzt an der Zeit, den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik vorzubereiten. Nicht unbedingt wegen der Gefahr galoppierender Preise, vielmehr, weil die Wachstumszahlen diesseits und jenseits des Atlantiks billionenschwere Anleihekäufe und Pandemie-Notprogramme langsam nicht mehr rechtfertigen.

In der Europäischen Zentralbank bringen sich die Falken, die Befürworter einer Straffung der Geldpolitik, schon in Stellung. Ob sie in der kommenden Woche bei der nächsten Zinssitzung schon für Bewegung sorgen werden, ist jedoch nicht ausgemacht.

Die Rückkehr zur geldpolitischen Normalität wird schwierig für die Notenbanker. Sie wird zum Spießrutenlauf zwischen der Politik, die niedrige Zinsen braucht, um ihre Schuldenberge abzutragen und den Finanzmärkten, die empfindlich reagieren, wenn die Geldflut zu abrupt endet. Schon allein deshalb wäre blinder Aktionismus angesichts steigender Inflationsraten fehl am Platz.

  

Eva Bahner, Wirtschaftsredaktion, Funkhaus Köln, 27.06.2019 (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner wurde 1973 in Baden-Württemberg geboren. Sie studierte Volkswirtschaft in Tübingen und Boston, danach Volontariat in der n-tv-Wirtschaftsredaktion und an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Heute arbeitet sie in der Deutschlandfunk-Wirtschaftsredaktion.

  

 

 

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