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StartseiteKalenderblattGelöst aus dem Schatten des Übervaters27.03.2009

Gelöst aus dem Schatten des Übervaters

Zum 100. Geburtstag von Golo Mann

Seine Jugend stand im Schatten des Übervaters, des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Erst im französischen Exil, weit weg vom "Alten", wie er ihn in seinen Memoiren despektierlich nennt, vermochte sich Golo Mann aus dessen Bannkreis zu lösen. Als Historiker, Schriftsteller und politischer Beobachter gewann er Profil und wurde einer der Stichwortgeber der Intellektuellen-Debatte in der Bundesrepublik.

Von Peter Hölzle

Golo Mann, Schriftsteller und Publizist, in Westberlin (AP)
Golo Mann, Schriftsteller und Publizist, in Westberlin (AP)

"Die Goebbels-Propaganda ist am Ende. Sie hat nichts mehr anzubieten als Selbstmord. Noch heute ist viel Reichtum in Deutschland. Häuser, Maschinen und Vieh und Ackerland, das vom Krieg verschont wurde. Ob all das zerstört werden wird oder nicht, wird für Deutschland einen großen Unterschied machen."

Mit diesen Worten rief Golo Mann am 10. März 1945 im "Amerikanischen Frontsender in Europa" die deutsche Bevölkerung zur Kapitulation auf. Nach Kriegsende wollte er nach Deutschland zurück. Aber dort fand sich keine Verwendung für den 1933 von den Nazis Vertriebenen. Nicht einmal in München, wo er am 27. März 1909 als Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann zur Welt gekommen war. Dabei hatte Golo Mann bei Gelehrten von Rang studiert: Geschichte bei Hermann Oncken und Friedrich Meinecke, Soziologie bei Werner Sombart und Max Weber, Philosophie bei Karl Jaspers, bei dem er auch promovierte.

Nach der Vertreibung aus Deutschland waren Jahre akademischer Lehre in Frankreich, der Schweiz und wieder in Frankreich gefolgt, ehe er erneut hatte fliehen müssen. Im September 1940 entkam er seinen deutschen Verfolgern mit knapper Not in die Vereinigten Staaten. Dort lehrte er, von drei Jahren Kriegsdienst in der US-Armee unterbrochen, bis 1958 Geschichte an verschiedenen Colleges. Seine Rückkehr nach Deutschland beschränkte sich auf ein Gastspiel.

"Ich hatte wenig Studenten und einiges sogenanntes Pelzmantelpublikum, und ich empfand die große Anstrengung, die ich machte, als nicht sinnvoll genug und war aus diesem Grunde nicht glücklich","

bekannte Golo Mann 1981 in einem Rundfunkinterview über seine Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule Stuttgart, wo er zwischen 1960 und 1964 eine Professur für Politische Wissenschaften innehatte. Der bescheidene Lehrerfolg stand im Missverhältnis zu erstem literarischen Ruhm. Seine 1958 erschienene "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" wurde ein Bestseller. Die von zeitgenössischen deutschen Historikern mit stilistischer Eleganz nicht eben verwöhnte Leserschaft genoss sie bei der Lektüre Golo Manns und erkannte in dessen Prosa Anklänge an die Formkunst seines Vaters.

Die Fachzunft hingegen nahm überwiegend Anstoß an der Unwissenschaftlichkeit des Werkes, die beabsichtigt war.

" "Das war ein Buch für Schüler, für Studenten im Nebenfach, für ein allgemeines, interessiertes Publikum ... .","

… entgegnete er den Kritikern unter seinen Kollegen, um ihnen dann ihr eigenes Versäumnis vorzuhalten:

""Ich weiß, dass es eine Generation von jungen Deutschen wieder an deutsche Geschichte überhaupt herangeführt hat. Insofern ist das Buch nicht ohne Verdienste."

Sein Hauptwerk, die 1971 erschienene "Wallenstein"-Biographie, ließ keine Wünsche offen, auch keine wissenschaftlichen. Mit berechtigtem Stolz sagte er von ihm:

"Das ist ein völlig wissenschaftliches Werk und gleichzeitig ein Werk von literarischem Wert."

Geschrieben von einem, dessen Selbstverständnis über das eines Historikers hinausweist. Wie sagt er doch über sich?

"Ich bin natürlich Schriftsteller, aber ein Schriftsteller, der sich überwiegend mit historischen Stoffen befasst."

Nicht nur als solcher hat er sich einen Namen gemacht, sondern auch als politischer Beobachter. In dieser Funktion trat er frühzeitig für die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze und später für die von der sozialliberalen Koalition durchgesetzte Ostpolitik ein. Ein Engagement, das ihm zunächst viele Feinde und manche Fehleinschätzung eintrug.

"Dass man mich für einen Linken hielt, weil ich für die Ostverträge war, war ein Missverständnis. Es war Realismus, und Realismus ist eher konservativ","

gab er zu Protokoll. Und Konservativer ist er immer geblieben. Wie sehr, das zeigte sich 1980, als er sich im Wahlkampf für den Kanzlerkandidaten von CDU und CSU einsetzte. Der hieß damals Franz-Josef Strauß.

Als Golo Mann am 7. April 1994 starb, war er schon ein halbes Leben lang nicht mehr nur der Sohn Thomas Manns. Aus dem Schatten des Übervaters hatte er sich bereits im Exil in Frankreich gelöst.

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