Mittwoch, 20.02.2019
 
Seit 04:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteBill Viola meets Michelangelo 29.01.2019

Gemeinsame Ausstellung in LondonBill Viola meets Michelangelo

Vor mehr als zehn Jahren besuchte Bill Viola Schloss Windsor und sah dort auch Zeichnungen von Michelangelo. Hier entstand die Idee einer Ausstellung mit den Werken beider Künstler. Von mystischem Erleben und Offenbarung handeln beide. Geht das Konzept in der Londoner Royal Academy auf?

Von Hans Pietsch

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ausstellungsbesucher betrachten am 01.06.2017 in Hamburg in den Deichtorhallen eine Videoinstallation des Künstlers Bill Viola. Die Ausstellung «Bill Viola - Installationen» war vom 2. Juni bis 10. September 2017 in der Hansestadt zu sehen. (picture alliance / Axel Heimken/dpa)
Eine Videoinstallation von Bill Viola, hier in den Deichtorhallen Hamburg (picture alliance / Axel Heimken/dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Pocket
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Guggenheim-Museum in Bilbao Illumination zum Jubiläum

Michelangelo-Ausstellung Göttlicher Zeichner

Michelangelos Fresko "Die Erschaffung Adams" Die Lücke zwischen den Fingerspitzen

Drei große Worte begrüßen den Besucher am Eingang der Schau: "Leben, Tod, Wiedergeburt". Dann ein dunkler Raum mit einer riesigen hochformatigen Leinwand. Ein nackter Mann mit geschlossenen Augen, unter Wasser. Langsam treibt er auf die Wasseroberfläche zu, durchbricht sie, schnappt verzweifelt nach Luft und wird wieder in die Tiefen hinuntergezogen.

Bill Violas "The Messenger" entstand 1996 für die Kathedrale im nordenglischen Durham. Erlebt der Bote eine Offenbarung? Sehen wir eine Auferstehung? Oder eine Grablegung? Vielleicht ist die Ambivalenz ja gewollt.

Die großen Worte setzen sich in den Wandtexten fort. Da ist von der "Natur der menschlichen Seele" die Rede, von der "Suche nach einer tieferen Bedeutung jenseits von Sterblichkeit" und anderem mehr. Sind solche Worte nötig, um zu beschreiben, was man von Viola und Michelangelo sieht? Andrea Tarsia ist Kurator der Royal Academy:

"Beide Künstler haben die Erforschung des Menschseins in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt", sagt der Kurator. "Sie stellen die großen Fragen, nach der condition humaine, der Vergänglichkeit des Lebens, nach der Möglichkeit von Transzendenz, wo man Erkenntnisse erlangt, die über das tägliche Leben hinausgehen. Und sie tun das auf eine spirituelle Weise, mithilfe der Darstellung des Körpers."

Michelangelo zieht den Kürzeren

Im Grunde präsentiert die Akademie eine Mini-Retrospektive von Violas Werk, und wen die Videos anziehen, kommt auf seine Kosten. Für andere könnten sie zu theatralisch sein, zu verschwommen in ihrer Mischung aus Weltreligionen, ihre Oberfläche zu geleckt. Und die extreme Zeitlupe der Bewegungen der Figuren unterstreicht nur noch die Pomposität.

In drei Räumen müssen die beiden Künstler direkt um die Aufmerksamkeit des Besuchers kämpfen, und Michelangelos delikate Blätter mit biblischen und antiken Szenen ziehen da den Kürzeren. Spotlights pellen sie aus der Dunkelheit heraus, man kann sich nicht auf sie konzentrieren, Violas Theatralik erschlägt sie.

Nur in einem Raum stehen sich beide gleichberechtigt gegenüber, denn hier zeigt Viola nur leicht gebrochene Realität. Sein 1992 für die Chapelle de L'Oratoire in Nantes entstandenes 'Nantes Triptychon' zeigt auf der linken Leinwand eine junge Frau im Kreissaal, die letzten Minuten bis zur Geburt ihres Kindes, und auf der rechten liegt die Mutter des Künstlers im Sterben. In der Mitte, schemenhaft, der Körper eines Mannes unter Wasser, "zwischen Geburt und Tod schwebend", so der Künstler.

Gegenüber hängen zwei von Michelangelos wunderbaren Zeichnungen der "Madonna mit Kind", eine "Beweinung" sowie das berühmte Rundrelief "Taddei Tondo" im Besitz der Akademie, ebenfalls eine "Madonna mit Kind". Hier kommt ein echter Dialog zustande.

Zwei Künstler, deren Werk Gemeinsamkeiten hat

Sollen wir also Viola als den Michelangelo unserer Zeit verstehen? Sollen wir glauben, dass Michelangelo heute Videos wie Viola machen würde? Kurator Andrea Tarsia weist das klar zurück:

"Ein solches Statement wäre völlig verfehlt, sagt Andrea Tarsia. Es geht darum, zwei Künstler zu untersuchen, deren Werk vieles gemeinsam hat. Beide haben sich persönlich stark in diese Motive vertieft, die nicht nur in ihrer künstlerischen Praxis auftauchen, sondern auch in ihrer Weltsicht. Und es gibt Gemeinsamkeiten, was ihr künstlerisches Können angeht."

Die noble Absicht in allen Ehren - doch die Schau greift daneben. Bill Viola scheint sich dabei wohlzufühlen, Michelangelo kann sich leider nicht gegen die ihm aufgezwungene Zusammenpferchung wehren.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk