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StartseiteCampus & KarriereWarum die europäische Hochschule auf sich warten lässt11.04.2019

Gemeinsamer WissenschaftsraumWarum die europäische Hochschule auf sich warten lässt

Vor eineinhalb Jahren forderte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die grenzübergreifende Vernetzung von Hochschulen. Passiert ist seitdem wenig. Über die Gründe haben Experten jetzt in Köln diskutiert. Eine Erkenntnis: Die europäische Hochschul-Idee scheitert aktuell nicht nur an der Bürokratie.

Von Felix Schledde

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Eine Studentin hält ein Buch über das Erasmus-Programm und Informationsbroschüren über Auslandspraktika in den Händen (dpa / Jens Kalaene)
Sinkende Mobilitätsbereitschaft sowowohl bei Studierenden als auch bei Forschenden ist ein Grund dafür, dass die europäische Hochschul-Idee nicht in gang kommt (dpa / Jens Kalaene)
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"Für mich ist die europäische Hochschule eine Hochschule, die als solche auch wahrgenommen wird, weil die Professoren aus allen europäischen Ländern kommen, weil die Studenten aus allen europäischen Ländern kommen."

Martin Wortmann, Präsident der Rheinischen Fachhochschule Köln und Ideengeber der Diskussionsrunde, beschreibt gleich zu Beginn seine Idealvorstellung. Aber alle Diskussionsteilnehmer in der Kölner Wolkenburg wissen genauso gut wie er, dass die  Diskrepanz zwischen europäischem Ideal und verwaltungstechnischer Realität groß ist.

"Komischerweise ist Bildung eine Dienstleistung, die müsste eigentlich über Grenzen gehen können. Das tut sie aber nicht. Das heißt, wir haben alle nationale, in Deutschland sogar noch Ländersysteme, und der Bologna-Prozess, der das ja eigentlich forcieren sollte, Europa und Universitäten, hat eigentlich zu ner Bürokratisierung geführt."

Bürokratische Hürden

Emmanuel Macron hatte vor anderthalb Jahren einen Vorschlag unterbreitet, um wieder Bewegung in die europäische Hochschullandschaft zu bringen: Mindestens drei Universitäten aus verschiedenen Ländern sollen Allianzen bilden und Studierende, Forschende und Lehrende sich untereinander austauschen. Doch dazu müssen noch einige Hürden genommen werden,:

"Die Franzosen fangen am ersten September an und hören am 1. Mai auf mit dem Jahr. Die Deutschen fangen am ersten Oktober an, erstes Semester, und zweites Semester beginnt dann im April und hört dann im Juli auf, wo die Franzosen schon wieder ans studieren im September denken."

Joern Pütz ist Vizepräsident für Forschung bei Eucor – das steht für: The European Campus. Der europäische Campus kommt schon sehr nah an Macrons Vorstellungen heran. Er ist ein Verbund von fünf Universitäten in drei Ländern: Freiburg, Karlsruhe, Basel, Straßburg und die Universität des Oberelsass haben sich zusammen getan, um mit ihren Studierenden und Forschenden einen gemeinsamen Wissenschaftsraum zu bilden. In diesem Fall sind sogar die räumlichen Hürden nicht allzu hoch.

"Man fährt mit der Straßenbahn nach Kehl, man ist in Baden-Württemberg, man muss nur einmal in Offenburg umsteigen, um nach Freiburg zu kommen, hat ein Semesterticket."

Aber selbst bei Eucor kollidiert das Ideal der grenzübergreifenden europäischen Hochschule noch häufig mit dem Alltag der Verwaltungshürden: Neben dem unterschiedlichen Semesterbeginn werden Leistungen  der einen Uni an der anderen nicht immer anerkannt. Stichwort ist dabei das ECTS – das European Credit Transfer System. Das schreckt viele Studierende ab, sagt Joern Pütz. Ein Umstand, der sich ändern muss.

"Und das kann ich natürlich nur dann, wenn ich sage: Wenn du gehst, dann kannst du sicher sein, wenn du zurückkommst, wird alles anerkannt. Und du brauchst nicht ein halbes Jahr, um dich für deine ECTS zu streiten mit den jeweiligen Verwaltungen, dass du das überhaupt anerkannt bekommst."

Es scheitert oft an Kleinigkeiten

Zudem ist das BAföG für den Auslandsaufenthalt viel zu niedrig. Gerade dieser finanzielle Faktor ist ein Grund dafür, dass sich viele Menschen die europäische Bildungsidee einfach noch nicht leisten können, vermutet Hartmut Ihne,  Präsident der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

"Die europäische Hochschul-Idee ist natürlich ganz klar eine Elitenidee, aber die darf keine bleiben. Man muss viele Menschen gewinnen, um sich mit dem Ausland zu vernetzen, zu kooperieren und dafür braucht man als Hochschule Formate, um auch andere Kreise der Bevölkerung zu gewinnen. Es scheitert ja oft an Kleinigkeiten wie die Finanzierungsfrage."

Selbst, wenn es nicht am Geld scheitert, sind zumindest die Studierenden in Deutschland derzeit nicht mehr so reisefreudig wie früher, sagt Christiane Konegen-Grenier. Sie ist im Institut der deutschen Wirtschaft Referentin für Bildung, Zuwanderung und Innovation:

"Wir beobachten doch mit einer gewissen Sorge, dass die Mobilitätsbereitschaft so ein bisschen nachlässt bei den Studierenden. Das könnte daran liegen, dass der Arbeitsmarkt gerade so gut ist. Oder auch an der Angst, wenn ich zu lange studiere, hab ich schlechte Karten beim Berufseinstieg."

Mehr Mobilität von Forschenden gefordert

Allerdings sind sich die Diskutanten einig, dass der Erfolg der europäischen Hochschule nicht nur an den Studierenden hängen kann. Auch Forschende sollten für Lehraufträge viel häufiger in andere Länder gehen. Und ganz wichtig: Alle Verwaltungsmitarbeiter sollten mehr Bewusstsein für die Herausforderungen eines europäischen Bildungsraumes mitbringen. 

Im Laufe der knapp zweistündigen Diskussion wurde klar: Bis europäische Hochschulen reibungslos funktionieren, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Das ist aber auch in Ordnung, findet Martin Wortmann. Er sieht diese erste Diskussion sowieso nur als Startschuss für einen Dialog über die europäische Hochschule, der von nun an kontinuierlich weiter geführt und auch nach draußen getragen werden müsse. Damit könne man  zeigen, dass  Diskussionen um Europa eben keine Eliten-Angelegenheit, sondern eine öffentliche ist.

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