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StartseiteKultur heuteGemütslage einer weitgehend sorgenfreien Bildungsschicht03.11.2012

Gemütslage einer weitgehend sorgenfreien Bildungsschicht

"Onkel Wanja" von Tschechow an der Wiener Burg

Matthias Hartmann inszeniert Anton Tschechows Theaterstück "Onkel Wanja" am Wiener Burgtheater als ein psychologisch hochkompliziertes Beziehungsdrama. Aber ausgerichtet auf das Funktionieren, das Surren des dramaturgischen Räderwerks.

Von Christian Gampert

Matthias Hartmann inszeniert "Onkel Wanja" an der Wiener Burg. (AP)
Matthias Hartmann inszeniert "Onkel Wanja" an der Wiener Burg. (AP)

Geschossen wird gleich zu Beginn: Iwan Wojnizkij, genannt Wanja, der vom Leben Enttäuschte, der auf dem Land Versauernde, der selbstlose Arbeiter, der hilflos Liebende - er drückt ab auf den Professor Serebrjakow, den er einst verehrte und dessen Frau er nun rasend begehrt. Natürlich schießt Wanja daneben, weil ihm nichts gelingen mag in diesem Leben. Der Pulverdampf hängt noch länger in der Luft.

Matthias Hartmann lässt die letzte Szene zuerst spielen. Das ist wieder so ein didaktischer Spleen – er hängt eine Art Leitmotiv über die Inszenierung, damit alles schon erklärt ist und man sich den Details zuwenden kann, der Familienkatastrophe, dem misslingenden, parasitären Dasein des Bürgertums, der Erotik und dem Müßiggang. Die Regie schießt in den folgenden 160 Minuten nicht wirklich daneben, im Gegenteil: Es ist sehr, sehr gutes Schauspielertheater, das man in Wien sehen kann, wahrscheinlich das derzeit beste überhaupt im deutschsprachigen Raum.

Ohne aktualisierende Mätzchen, ohne Video, ohne Textgeschnippel. Aber so richtig quälend ist es nicht, was diese Unglückswürmer einander da im bürgerlichen Salon antun. Dazu ist Hartmann viel zu verliebt in das Funktionieren des Stücks, in das Surren des dramaturgischen Räderwerks. Doch es gelingen ihm großartige Paarungen, Zweier-Konstellationen, in denen die Verzweiflung der Menschen wie ein großes Fragezeichen im Raum steht.

Warum Tschechow gestern, heute und immerdar uns so viel zu sagen hat, ist klar: Er beschreibt die Gemütslage einer gebildeten, materiell angekratzten, aber doch weitgehend sorgenfreien Schicht, die die Intensität des Lebens fanatisch will, aber das richtige Leben im falschen nicht gelernt hat. Was für die russische Oberschicht des 19. Jahrhunderts galt, das gilt umso heftiger für die durch allerlei Bildungsreformen zu geistigem Kapital gekommenen europäischen Mittelschichten des Nachkriegs, also für uns alle.

Diese emotionale Disposition, die Bereitschaft zu Lebensunfähigkeit und großem Unglück einigermaßen in die Gegenwart zu übersetzen, das ist schon filigrane Kunst, zumal uns heute ja kaum noch Konventionen hindern, sondern in der Tat nur die eigene Mutlosigkeit die eigene Biografie, die Politik, den Finanzmarkt energisch in die Hand zu nehmen.

Hartmann gelingt die Übersetzung durch eine starke Frauenfigur, durch die Elena Andrejewna der wunderbaren Caroline Peters. Sie, die ihr Talent viel zu oft in drittklassigen Fernsehserien verschleudert, ist auf der Bühne eine großartige, abwartende, stolze, ungeheuer präsente Schauspielerin, die den Widerspruch einer Figur auch körperlich andeuten, zeigen, aushalten kann.

Hier spielt sie das Luxusweibchen im roten Kleid, das als junge Frau den älteren Herrn Professor geheiratet hat, weil der "so faszinierend" war. Jetzt ist er nur noch ein eitler Schwätzer und ziemlich hinfällig, was schöne Frauen ja auf neue Ideen bringen kann.

Matthias Hartmann gelingt es an diesem Abend, die Figuren alle zu ihrem Recht kommen zu lassen. Und das ist nicht so einfach. Der Professor des Gert Voss, des großen Gert Voss, ist nicht nur ein narzisstischer, alter Sack, sondern auch in der Tragik des selbstbezogenen Menschen gefangen, der nichts sieht, nichts hört, nichts versteht, nur sich selbst. Voss zeigt eine manchmal ziemlich komische Gebrechlichkeit, eine Gelehrtenparodie, die in einem großen Auftritt mündet – als der Professor das von Wanja schuldenfrei gemachte Landgut verkaufen will. Der hat gar keine bösen Hintergedanken, er ist nur völlig unfähig, andere Menschen zu sehen. Er sieht seine Frau nicht, und er sieht Wanja nicht, der sein Leben für dieses Landgut geopfert hat.

Wanja ist bei Nikolas Ofczarek ein weinerlicher Kraftkerl, ein wandelnder Widerspruch. Ständig steht er mit seinen roten Rosen da wie bestellt und nicht abgeholt, ständig bettelt er bei der von allen begehrten Elena Andrejewna um ein wenig Zuneigung – während die eher dem Arzt Astrow zugetan ist, aber den Absprung scheut. Astrow wird von dem ganz leichthändig agierenden Michael Maertens zu einem ironischen Sozialutopisten gemacht, der den Kampf um die bessere Welt schon verloren gibt und nebenbei König Alkohol huldigt. Und den Frauen natürlich. Dass es mit der drallen Elena Andrejewna nichts wird, wirft ihn auch nicht aus der Bahn; er entzieht sich einfach. Dafür wird die junge Sofia, die bis zur Selbsterniedrigung in Astrow verliebt ist, gründlich aus der Bahn getragen, als sie von ihm ein Nein bekommt – Sarah Viktoria Frick zeigt das verkrampfte Unglück des Mauerblümchens, Aussehen als Schicksal. Mit der schönen Elena Andrejewna hat sie eine wirklich große Szene, als die beiden "Bruderschaft" trinken und über ihre aussichtslose Lage in ein minutenlanges hysterisches Giggeln verfallen.

Bei der Elena Andrejewna der Caroline Peters fragt man sich, wie sie sich in diese morbide Gesellschaft verirrt hat: Sie ist die einzige patente, lebensfähige Person in diesem Unglückshaufen. Allerdings ist Matthias Hartmann gerecht genug, auch ihr ein paar dunkle Seiten zu lassen: Der sozialen Revolution steht diese Frau mit völligem Unverständnis gegenüber. Und das eigene Leben ändern will sie auch nicht recht. Sie ist einfach eine immer präsente Verführung, Erotik plus Trägheit – und dann ist da doch ein ungeheurer Lebenswille. Caroline Peters spielt das aber so, als sei sich die Figur ihrer erotischen Wirkung gar nicht bewusst, als sei sie auf völlig naive Weise erwachsen geworden.

Das ist also psychologisch alles hochkompliziert. Und Hartmann lässt diese Ambivalenzen mit diebischer Freude im Raum stehen. Was er leider nicht tut: Er nimmt sich zu wenig Zeit. Obwohl die Aufführung fast drei Stunden dauert, werden viele dieser Verzweiflungsdialoge zu früh abgebrochen. An eine existenzielle Grenze, ins Winseln und Flennen kommen die Figuren deshalb nie, es geht immer doch irgendwie weiter, die Stückmechanik ruckt eine Umdrehung nach vorne.

Vielleicht ist das ganz im Sinne Tschechows, der ja auch an das Weitermachen glaubte – genau wie Wanja und Sonja, die am Ende allein zurückbleiben und arbeiten wollen. Die Arbeit, die den ganzen Abend lang ausgeblendet war, sie ergreift am Ende die Macht: Wir müssen leben. Einen Tag, noch einen Tag und immer weiter.

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