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StartseiteKultur heuteGenau hingeschaut25.01.2007

Genau hingeschaut

Das Theaterfestival "Under The Radar" im New Yorker Public Theater

Zum dritten Mal findet das internationale Festival "Under The Radar" in New Yorks Public Theater statt. Für Mark Russell, der Gründer und künstlerische Leiter, beschreibt der Name des Festivals seine wichtigste Funktion: neue Theaterproduktionen sichtbar machen, die aufgrund ihrer niedrigen Budgets und ungewöhnlichen Sujets für die Wahrnehmung innerhalb des etablierten Mainstreams unsichtbar sind.

Von Andreas Robertz

Unsichtbares sichtbar machen. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)
Unsichtbares sichtbar machen. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)

"Under The Radar" ist wie ein Filmfestival organisiert. Man kann an einem Tag vier bis fünf Theaterstücke sehen, zwischendurch immer noch einen Kaffee trinken, Kollegen treffen und sich mit den Künstlern zusammensetzen. Die Hoffnung ist, dass auf diese Weise in möglichst kurzer Zeit ein Publikum entsteht, das das ganze Festival trägt, denn ein Festival in einer Stadt zu veranstalten, in der eigentlich ständig alles gleichzeitig und im Übermaß stattfindet, ist ein äußerst schwieriges Unternehmen. Durch den glücklichen Umstand, dass das gastgebende Publik Theater sechs Theatersäle sein Eigen nennt - man also nicht ständig die Veranstaltungsorte wechseln muss - und Tickets nicht teurer als 15 Dollar sind, könnte das Abenteuer gelingen.

Zu den Highlights des Festivals gehört die kanadische Produktion "A Beautiful View" von Daniel MacIvor: Zwei bisexuelle Frauen leben mehr als 30 Jahre zusammen, ohne je die Art ihrer Beziehung zu hinterfragen, geschweige denn sich ihre Liebe zu gestehen. Als eine von beiden die anderer mit einer dritten Frau beim Sex erwischt, zerbricht die Konstruktion - eine Geschichte, die das Lebensgefühl vieler Menschen treffen dürfte, die mehr aus Gewohnheit und Zufall in Beziehungen leben. Das besonderer dieser Produktionen ist ihre minimalistische Umsetzung und die humorvolle Erzählstrategie der beiden Schauspielerinnen. Auf völlig leerer Bühne erzählen sie in einer hinreißenden Einfachheit und Unmittelbarkeit ihre Geschichte und benutzen dabei ständig das Publikum als dritte Person. Dabei entsteht ein Gefühl von Leichtigkeit, aber auch Belanglosigkeit - beides Gefühle, die auch ihre Beziehung charakterisieren. Eine kluge Regie und zwei Schauspielerinnen, die sehr genau wissen, was sie tun, helfen dabei dem Abend, nicht selber belanglos zu werden - eine sehr lohnenswerte Entdeckung.

Eine ganz andere Form von Erzähltheater bietet die bolivianische Gruppe Teatro de Los Andes mit ihrem Abend "En Un Sol Amarillo" - "In einer gelben Sonne": 4 Schauspieler erzählen die Geschichte einer Stadt und ihrer Bewohner, die durch das Erdbeben von 1998 völlig zerstört wurde. In atemberaubenden Bildern aus Staub und mit Gegenständen, die an langen Seilen hängen, entsteht eine Art Trauermarsch der Erinnerungen und Erzählungen, der - ab und zu durch die Satire über korrupte Militärs und Politiker unterbrochen - sich zu einem Protestmarsch einer ganzen Stadt entwickelt. "Wo das Leid zu Hause ist, gibt es keine Demokratie" - das Resümee einer Stadt als Aufschrei eines ganzen Landes. Dieser Produktion spürt man sein politisches und menschliches Engagement deutlich an und man kann sich der emotionalen Unmittelbarkeit der Akteure und der Flut der Bilder kaum entziehen. Sie ist wie ein Blick in eine unbekannte Welt - nicht umsonst gilt das Teatro de Los Andes als eine der erfolgreichsten Theatergruppen Südamerikas. Das Publikum bedankte sich mit einem begeisterten Applaus.

Dagegen wirkt ein anderer Höhepunkt des Festivals - die Uraufführung von "Radio MacBeth", einer Shakespearebearbeitung der bekannten SITI Company um die Regisseurin Anne Bogart - wie kaltes Wohlstandstheater. 7 Schauspieler treffen sich in einem verlassenen Theaterraum um Macbeth zu proben. Aus dem anfänglichen Lesestadium mit all den Schauspieleranimositäten heraus entwickelt sich ein System aus Szenen und Rollenwechseln, die uns die Geschichte des schottischen Tyrannen erzählen. Dabei begrenzt sich der Abend leider auf möglichst entspannt herumsitzende Schauspieler und das saubere Skandieren der Texte in möglichst dramatischem Licht - eine Art selbstverliebter Dekonstruktion. Es fehlt an spezifischen Gefühlen und Erzählstrategien, die uns etwas Neues zu Macbeth erzählen würden - trotzdem viel Applaus.

16 verschiedene Vorstellungen sollen uns schnappschussartig einen Eindruck von dem Reichtum nationaler wie internationaler zeitgenössischer Theaterarbeit vermitteln. Auf die Frage nach der Kompatibilität der Vorstellungen mit dem doch sehr eigenen New Yorker Publikum antwortet Mark Russell süffisant: "Das New Yorker Publikum ist ein "Alphapublikum" - es will alles Neue als Erstes sehen, dann ist es glücklich."

Nach der Stimmung im um Mitternacht noch überfüllten Foyer zu urteilen, hat er wohl den Geschmack getroffen.

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