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Startseite@mediasresSchreiben und sprechen für alle Geschlechter01.06.2020

Gendern im JournalismusSchreiben und sprechen für alle Geschlechter

Die Diskussion über geschlechtergerechte Sprache gibt es seit Jahrzehnten. Inzwischen ist es in vielen Redaktionen normal, nicht immer allein auf die männliche Formulierung zurückzugreifen. Trotzdem ist das generische Maskulinum immer noch deutlich überrepräsentiert - nicht selten aus profanen Gründen.

Von Annika Schneider

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Auf einer Ausgabe des Duden formen Buchstaben das Wort Gender mit einem Gendersternchen am Ende. (Imago Images)
Viele Journalist_innen greifen inzwischen auf gendergerechte Sprache zurück (Imago Images)
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Haben Sie Lust auf ein Gedankenexperiment? Stellen Sie sich zwei Polizisten vor. Nun geben Sie den beiden Namen. Und? Haben Sie an Frauen- oder Männernamen gedacht?

Studien zeigen immer wieder: Theoretisch meint das Wort "Polizisten" männliche und weibliche Einsatzkräfte. Praktisch denken die meisten Menschen an Männer – außer es ist auch von "Polizistinnen" die Rede. Dabei arbeiten heute in fast allen Berufen Männer und Frauen – in der deutschen Sprache geht diese Information schnell unter. Das hat Folgen.

Alle angesprochen und nicht nur mitgemeint

Eine Studie der Freien Universität Berlin hat gezeigt: Wenn in Berufsbeschreibungen die männliche und die weibliche Bezeichnung genannt wird, trauen sich Kinder – Mädchen und Jungen – den Job eher zu. Sprache prägt also unsere Realität.

Trotzdem ist in Radio und Fernsehen meistens das generische Maskulinum zu hören, also die männliche Form. Aber: Es tut sich etwas. Zum Beispiel im ZDF-Heute-Journal mit Claus Kleber:"Unsere Reporter_innen berichten in NRW und Oberbayern aus Kliniken, in denen sie inständig hoffen, dass es so weit nicht kommt."

Die kleine Lücke zwischen männlicher und weiblicher Form heißt Gender Gap. Geschrieben mit Unterstrich, zu hören als winzige Pause. Der Gender Gap soll ausdrücken, dass alle Geschlechter gemeint sind. Anne Will stellte das vor kurzem in ihrer ARD-Talkshow klar, als sie ihre Gäste präsentierte.

Will: "…und der Präsident des Bundes der Steuerzahler_innen, Reiner Holznagel, herzlich willkommen! Da staunen Sie, dass ich Steuerzahler_innen sage. Ich weiß gar nicht, ob Sie den Verband so nennen schon inzwischen."
Holznagel: "Steuern zahlen müssen alle, insofern sind auch alle angesprochen. Ist völlig in Ordnung so."
Will: "Siehste, und nicht nur mitgemeint!"

Mehr als nur Sternchen und Lücken

Um alle anzusprechen, muss es aber nicht der Gender Gap sein: Geschlechtergerecht formulieren geht auch anders. Statt von Studenten sprechen viele inzwischen von Studierenden. Statt von Experten ist von Fachleuten die Rede. Christine Olderdissen macht sich für solche Ausdrücke stark. Sie ist Projektleiterin bei Genderleicht – einem Webportal des Journalistinnenbundes mit Tipps zu geschlechtergerechter Sprache.

"Wichtig ist eigentlich immer, dass eine Redaktion für sich eine Haltung entwickelt: Wollen wir Geschlechtergerechtigkeit auf unsere Fahnen setzen oder überlassen wir es den Einzelnen? Ich erlebe so eine Mischung. Also mal ist es in einem Beitrag, da höre ich raus: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht im Text. Mal wird es nachlässig gemacht. Es ist viel im Fluss, und es macht Spaß, es zu beobachten."

"Unser wichtigstes Handwerkszeug ist die Sprache"

So richtig durchgesetzt hat sich die gegenderte Sprache bei deutschen Medien noch nicht. Im Radio und Fernsehen sei zu wenig Zeit, um Frauen immer mitzunennen, sagen Skeptiker_innen. Das gilt ganz besonders für knappe Formate wie die Nachrichten, wo in wenigen Minuten viele Informationen stecken – und die Redaktion unter hohem Zeitdruck arbeitet.

Tanja Köhler, stellvertretende Nachrichtenchefin beim Deutschlandfunk, lässt diesen Einwand so nicht gelten: "Wir sind ja alle Nachrichtenjournalistinnen und -journalisten. Unser wichtigstes Handwerkszeug ist die Sprache. Deshalb finde ich, dass Geschwindigkeit als Herausforderung nicht zählt, weil es kein Aufwand ist, über eine Formulierung nachzudenken. Im besten Fall müssen wir irgendwann auch gar nicht mehr darüber nachdenken, weil geschlechtergerechte Sprache selbstverständlich geworden ist."

Wie gehen die Dlf-Nachrichten mit geschlechtergerechter Sprache um? Das vollständige Interview mit Tanja Köhler finden Sie hier.

Auch aus inhaltlichen Gründen sinnvoll

Die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion hat dazu im vergangenen Jahr einen Workshop gemacht. Das Ergebnis: Gendergerechte Sprache ist nicht schwerer verständlich. Und: Faire Formulierungen sind keine reine Formsache – sie wirken sich auch auf die Recherche aus:

"Gab es bei den Protesten wirklich nur Demonstranten oder auch Demonstrantinnen? Das klingt jetzt banal. Aber die Frage ist nicht unerheblich, weil sie auch gesellschaftspolitische Bedeutung haben kann. Nehmen wir zum Beispiel die Proteste im Sudan, die zum Sturz der Militärdiktatur geführt haben. Die wurden maßgeblich von Frauen initiiert, und Frauen haben damals 70 Prozent der Demonstrierenden ausgemacht. Das ist für unsere Berichterstattung ein ganz wichtiger Fakt", sagt Tanja Köhler.

Auch beim deutschen Nachrichten-Flaggschiff, der Tagesschau, läuft seit einem knappen Jahr ein Projekt zu geschlechtergerechter Sprache. Vor allem die 20-Uhr-Nachrichten seien eine Herausforderung, berichtet Burkhard Nagel, Qualitätsmanager der Tagesschau:

"Wenn Sie für einen schwierigen Text 24 Sekunden haben und da kommen drei Worte drin vor, die männlich ausgerichtet sind und die Sie anders ausdrücken müssen, dann ist das eine Zusatzaufgabe, die man erst einmal ein bisschen lernen muss."

Aus Gewohnheit zur männlichen Form greifen

Außerdem hat die gendergerechte Sprache Nebenwirkungen. Zum Beispiel, wenn nicht von Klimaschützern, sondern von Klimaschutzorganisationen die Rede ist. Das mache die Nachrichten unpersönlicher, sagt Burkhard Nagel – eine ständige Gratwanderung. Die kennt auch Tanja Köhler.

"Besonders gelungen sind Meldungen immer dann, wenn man selbst gar nicht mehr merkt, dass sie geschlechtergerecht formuliert wurden. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, gerade wenn es schnell gehen muss, und das ist in einer aktuell arbeitenden Redaktion wie den Nachrichten ja oft der Fall, dann greifen wir noch oft auf die männliche Form zurück. Das geht schneller, da muss man nicht viel nachdenken, weil geschlechtergerechte Sprache ja immer noch eine ungewohnte Form des Schreibens ist."

Das könnte sich ändern, wenn geschlechtergerechte Sprache irgendwann normal wird. Darauf hofft auch Christine Olderdissen vom Projekt Genderleicht:

"Vor einigen Jahren haben wir das Wort Auszubildende gelernt. Wir hatten vorher den Lehrling, da gab es gar keine weibliche Form: Die Lehrlingin gibt es nicht. Wir haben uns an dieses Auszubildende gewöhnt. Der Sprachwandel, der dauert normalerweise 30 Jahre. In diesem Fall wird es etwa 20 Jahre dauern, weil so viele Menschen mit dran herumbasteln: Wie kriegen wir eine bessere Sprache miteinander hin?"

Viel diskutiert wird das Thema auf jeden Fall – nicht nur in Redaktionen. Die Gesellschaft für Deutsche Sprache betreibt eine Hotline für Sprachberatung. Auf Anfrage des Deutschlandfunks ist zu erfahren: Geschlechtergerechte Sprache ist eines der Top-Themen, nach denen am häufigsten gefragt wird.

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