Samstag, 22.02.2020
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellMigration im Spiegel der Erbanlagen08.02.2017

Genetisches Porträt der USAMigration im Spiegel der Erbanlagen

In den USA ist die Ahnenforschung besonders populär, da die Mehrheit der Amerikaner von Immigranten abstammt. Die Fragen nach der eigenen Herkunft zu beantworten, versprechen Firmen wie Ancestry. Die hat nun mithilfe von Gendaten ein Porträt der USA erstellt.

Von Michael Stang

Schaufensterpuppen stehen im Foyer des Textil-Unternehmens Beysun, aufgenommen am Montag (09.05.2011) in Berlin vor dem Firmensitz. Allein 40.000 Selbständige nichtdeutscher Herkunft sind in Berlin gemeldet, davon 6.500 aus der Türkei.  (picture-alliance / Soeren Stache)
Herkunft: Anhand von Gendaten wird dazu geforscht. (picture-alliance / Soeren Stache)
Mehr zum Thema

Ahnenforschung Wenn Familiengeschichten Risse bekommen

Ahnenforschung Was hat Opa eigentlich im Krieg gemacht?

Integration von Flüchtlingen Kampf um Anerkennung - auch nach Jahrzehnten in Deutschland

Roman Auf den Spuren des Urgroßvaters

Vor 125 Jahren Einwanderungsbehörde auf Ellis Island öffnet

Einwanderermuseum in New York Schallplatten erzählen Geschichten deutscher Emigranten

Seit mehr als 30 Jahren bietet die US-amerikanische Firma Ancestry – zu Deutsch Herkunft – ihren Kunden an, Stammbäume zu erstellen. Auf der Webseite können sie Dokumente hochladen und die eigene Familiengeschichte rekonstruieren. Seit mehr als fünf Jahren erhebt die Firma auch genetische Daten. Für 99 US-Dollar können Kunden, die in der Mehrzahl US-Amerikaner sind, auch ihre Herkunft im Erbgut untersuchen lassen. Und wenn sie möchten, ihre Daten auch wissenschaftlichen Studien zur Verfügung stellen. Diese Daten hat die Genetikerin und Ancestry-Chefwissenschaftlerin Catherine Ball in San Francisco untersucht:

"Unsere These war, dass wir innerhalb der heutigen Amerikaner klar abgegrenzte Gruppen finden. Wir haben dazu mehr als 700.000 DNA-Proben aus unserer riesigen Datenbank untersucht und miteinander verglichen. Dabei haben wir tatsächlich solche Verwandtschaftsgruppen entdeckt."

774.516 genetische Datensätze haben die Forscher analysiert. Dabei haben sie sich weder das männliche Y-Chromosom angeschaut, was Aussagen über die väterliche Line ermöglicht, noch die mitochondriale DNA untersucht, die von der Mutter an die Kinder weitergegeben wird und Hinweise auf die mütterliche Linie erlaubt.

Konzentriert haben sich die Ancestry-Forscher auf die genetischen Bereiche außerhalb der Geschlechtschromosomen. Das hat jedoch den Nachteil, dass die sogenannte autosomale DNA mit jeder Generation verwässert wird und eine Ahnenforschung schwierig. Eine Person besteht zur Hälfte aus dem Erbgut eines Elternteils, zu einem Viertel aus dem Genom eines Großelternteils und so weiter. Dennoch ergaben die Analysen eindeutige Ergebnisse – durch die schiere Menge der Daten.

60 abgrenzbare Gruppen

Mehr als 60 eindeutige genetisch abgegrenzte Gruppen haben sie gefunden, so Catherine Ball. Nach dem Abgleich mit den historischen Daten war auch klar, wie sich Geschichte und Genetik miteinander verbinden lassen. Denn die einzelnen Gruppen entpuppten sich etwa als deutsche Nachfahren in Iowa, Mennoniten in Kansas oder irische Katholiken an der Ostküste.

"Viele Menschen aus Louisiana gehören genetisch betrachtet zu einer Region in Neu-England beziehungsweise dem französischen Teil Kanadas. Die historischen Daten sagen uns, dass sie alle Akadier sind, also Nachkommen der französischen Kanadier, die im 17. Jahrhundert von den Engländern besiegt und vertrieben wurden. Solche genetischen Spuren sehen wir heute noch. Und das ist sehr cool."

Die genetischen Gruppen lassen sich so klar abgrenzen, als hätte es natürliche Hindernisse wie eine Bergkette, einen Fluss oder eine Wüste gegeben, die eine Vermischung der Gruppen verhindert haben.

"Heutige Amerikaner verstehen sich ja als Produkt eines Schmelztiegels, aber das sind wir nicht. Wir sind genetisch sehr verschieden. Und das ist das Ergebnis unserer Geschichte, die entstanden ist durch politische Entscheidungen, religiöse und ethnische Unterschiede. Das hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind."

Erkenntnis ist nicht neu

Diese Erkenntnis, dass es nach wie vor abgrenzbare Gruppen gibt, sei jedoch keine Überraschung, wenden Kritiker ein. Zu ihnen gehört der Paläogenetiker Joachim Burger von der Universität Mainz, der selbst an frühen Wanderungsbewegungen verschiedener Populationen forscht.

"Das ist das alte Muster: unsere Gruppe gegen die andere Gruppe. Wenn dort keine Schranken bestünden, dann würden diese Gruppen nach und nach beginnen, sich aufzulösen. Und das ist in der Regel nicht das Selbstverständnis einer Gruppe, sondern eben Schranken aufzubauen ist eben sehr viel wichtiger für die Gruppenidentität."

Hilfreich sind diese Daten vermutlich für die Werbung. Denn jetzt kann die Firma Ancestry wissenschaftlich belegt jedem Kunden zeigen, woher er stammt.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk