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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Geist ist aus der Flasche02.12.2018

Genmanipulation an EmbryonenDer Geist ist aus der Flasche

Es ist offenbar möglich, menschliche Babys genetisch zu verändern. Der Fall aus China sei ein Weckruf, kommentiert Michael Böddeker. Unerwünschte Nebenwirkungen bei solchen Eingriffen ins entstehende Leben seien nicht komplett auszuschließen, die Debatte darüber müsse dringend geführt werden.

Von Michael Böddeker

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Sie sehen ein symbolisches Bild für Designer-Babys: Die Silhouetten von Embyonen in grellen Farben. (imago)
Werden Designer-Babys irgendwann zur Normalität? Rückgängig machen kann man es nicht mehr, kommentiert Michael Böddeker. Der Geist ist aus der Flasche, die Babys sind geboren. (imago)
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Wenn es stimmt – und das erscheint zum jetzigen Zeitpunkt zumindest plausibel – dann ist es ein wissenschaftlicher Durchbruch. Vergleichbar mit dem ersten geklonten Säugetier Dolly oder mit dem ersten in vitro gezeugten Menschen. Es wäre aber eine andere Art von Durchbruch. Denn der chinesische Forscher He Jiankui hat erst mal nichts Besonderes geleistet. Dass es technisch möglich sein dürfte, auch menschliche Embryonen mit Crispr-Cas9 genetisch zu verändern, das war anhand der bisherigen Forschungsergebnisse absehbar.

Er hat auch kaum neue wissenschaftliche Erkenntnisse zutage gefördert.

Nein: Ein Durchbruch - und auch ein Tabubruch - ist es, weil He Jiankui einfach losgelegt hat, während andere noch diskutieren über die medizinischen und ethischen Implikationen bei Eingriffen in die Keimbahn des Menschen.

Der chinesische Gen-Forscher He Jiankui auf einem hochkarätig besetzten Fachkongress in Hongkong am 29. November 2018.      (Imagine china / Ling/ dpa)Der chinesische Gen-Forscher He Jiankui hat vor einem hochkarätig besetzten Fachkongress in Hongkong seine Arbeit verteidigt und mitgeteilt, dass eine weitere Frau ein genmanipuliertes Kind austrage. (Imagine china / Ling/ dpa)
Denn wie hier einen kompletten Menschen zu verändern, also alle seine Zellen, und auch alle seiner potenziellen Nachkommen, das ist etwas ganz anderes als somatische Gentherapien, die nur bestimmte Zellen und Gewebe eines Menschen betreffen.

Aus großer Macht folgt große Verantwortung. Und die Genschere Crispr-Cas ist ein sehr mächtiges Werkzeug, mit dem man das Genom des Menschen verändern kann.

Warnung von Veränderung der menschlichen Keimbahn

Deshalb gibt es jetzt zu Recht Kritik. Auch am Vorgehen von He Jiankui: Er hat bis zuletzt im Geheimen operiert. Außerdem hat er nicht den in der Wissenschaft üblichen Weg gewählt, seine Ergebnisse zunächst in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Stattdessen gab es Agenturmeldungen und Youtube-Videos.

Im Kern aber geht es hier um die Frage, ob Eingriffe in die menschliche Keimbahn überhaupt erlaubt sein sollten. Die meisten Experten sagen: Nein! Zu riskant. Sogar eine der Erfinderinnen der Genschere CrisprCas9, die US-amerikanische Chemikerin Jennifer Doudna, hatte schon vor Jahren zusammen mit anderen Forschern in einem Aufruf gefordert: "Verändert nicht die menschliche Keimbahn!"

Die amerikanische Biochemikerin Jennifer A. Doudna (l) und die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier  (dpa)Die amerikanische Biochemikerin Jennifer A. Doudna (l) und die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier entdeckten die Genschere CRISPR/Cas in einem Bakterium. (dpa)

Dieser und ähnliche Appelle haben in diesem Fall offensichtlich nicht ausgereicht.

Das kann man jetzt bedauern und beklagen und anprangern. Aber rückgängig machen, kann man es nicht mehr. Der Geist ist aus der Flasche, die Babys sind geboren.

Um es mal positiv zu sehen: Vielleicht ist der Fall aus China zumindest ein Weckruf. Die lange befürchteten Designer-Babys sind damit ein Stück näher gerückt. Es ist offenbar möglich, menschliche Babys genetisch zu verändern. Und es ist somit potenziell auch möglich, schwere Erbkrankheiten zu beheben - in einigen speziellen Fällen. Oder eben auch andere Merkmale zu verändern.

Diskussion über Genomveränderungen dringend nötig

Die ethische Debatte ähnelt der zur Präimplantationsdiagnostik (PID): In beiden Fällen wird nachhaltig in die menschliche Evolution eingegriffen, auch wenn es Unterschiede gibt: Mit der Genschere Crispr-Cas9 werden die Embryonen aktiv genetisch verändert - womöglich mit unerwünschten Nebenwirkungen im Erbgut, die wir heute noch nicht komplett absehen können.

Bei der PID hat man eine Regelung gefunden. Zwar keine Lösung, die für alle Länder auf der Welt gilt. Und auch keine Lösung, mit der alle zufrieden sind. Es ist ein Kompromiss. In Deutschland zum Beispiel ist die PID nur in seltenen Ausnahmefällen zulässig, etwa zur Vermeidung von schweren Erbkrankheiten.

Sobald in Zukunft mehr über die möglichen Risiken bekannt ist, wären ähnliche Kompromisse auch für Genveränderungen mit CrisprCas9 denkbar.

Ein wichtiger erster Schritt wäre es aber, sich möglichst bald darauf zu einigen, zumindest vorerst nicht in die Keimbahn des Menschen einzugreifen. Dass die Genschere nämlich wirklich nur an den gewünschten Stellen des Erbmoleküls schneidet, ganz ohne Nebenwirkungen, das darf zu Recht bezweifelt werden.

Ob und in welchem Umfang der Einsatz an Embryonen in Zukunft denkbar sein könnte, und bei welchen Krankheiten, das wird am Ende wohl jedes Land für sich entscheiden müssen. Gut möglich, dass die Entscheidung für China dann anders ausfällt als für England, Belgien oder Deutschland. Aber die gesellschaftliche Diskussion darüber muss dringend geführt werden, auch in Deutschland, und zwar jetzt.

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