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StartseiteForschung aktuellMit Gentech gegen Alterskrankheiten17.07.2018

GenomforschungMit Gentech gegen Alterskrankheiten

In Darmstadt feiert das Unternehmen Merck dieses Jahr seinen 350. Geburtstag - und hat dazu Dutzende Spitzenforscher einfliegen lassen, die bei der Zukunftskonferenz "Curious 2018" Einblicke in die Technologien von morgen geben. Darunter auch der Genomforschungspionier Craig Venter, der aktuell daran arbeitet, Alterskrankheiten auszubremsen.

Michael Lange im Gespräch mit Ralf Krauter

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DNA-Strang (imago/stock&people/Science Photo Library)
Interpretierbar: Aus ihrer DNA-Struktur können Computer inzwischen das Aussehen von Menschen rekonstruieren. (imago/stock&people/Science Photo Library)
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Ralf Krauter: Die Liste der Referenten liest sich wie das "Who is Who" der Wissenschaft: Die CRISPR-Entdeckerin Emmanuelle Charpentier ist dabei, der Virusforscher Harald zur Hausen sowie vier weitere Nobelpreisträger, der ESA-Astronaut Thomas Reiter und der US-Genomforscher Craig Venter. Auch der Wissenschaftsjournalist Michael Lange ist nach Darmstadt gefahren, um sich das Treiben im Kongresszentrum anzuschauen. Michael, ist das eher ein Schaulaufen der Wissenschafts-Promis, oder lässt sich bei dieser Konferenz wirklich Neues erfahren?

Michael Lange: Die Eröffnung erinnerte wirklich eher an eine Oscar-Verleihung als an eine nüchterne, seriöse Wissenschaftskonferenz. Bombastische Musik, Multimedia-Effekte - und alles perfekt organisiert. Auch das Publikum bei dieser Konferenz ist sehr ungewöhnlich: Weniger Wissenschaftler, dafür sehr viele Wirtschaftsvertreter - also mehr Anzüge als T-Shirts. Aber die Vortragenden, das waren tatsächlich meist Wissenschaftler, denn das sollten Leute sein, die die Zukunft gestalten, die mit ihren Ideen und Visionen das planen, was auf uns zukommt. Das war dem Veranstalter Merck wichtig. Und zu diesen Visionären gehört Craig Venter ja auf jeden Fall dazu.

Machine Learning: Genome werden interpretierbar

Ralf Krauter: Der Name Craig Venter ist ja ganz eng verknüpft mit der Entzifferung des menschlichen Genoms – das war 2001 ein Meilenstein der Biomedizin, von manchen sogar als Mondlandung der Biologie gefeiert. Das ist aber lange her. Was hat Craig Venter seitdem gemacht? Hat er Neues zu bieten?

Lange: Ja, es geht jetzt tatsächlich in Richtung Praxis. Bisher hat man ja meist Grundlagenforschung betrieben. Die meisten Forscher wollen einfach wissen, welches Gen macht was und wie kann man bestimmte einzelne Dinge vorhersagen. Aber jetzt lässt sich schon viel eher absehen, was sich daraus entwickelt. Die Genomentzifferung kommt dabei mit einer anderen neuen Technologie zusammen, und zwar mit dem Maschinenlernen. Das heißt, nicht die Wissenschaftler verstehen das Genom, sondern die Maschinen lernen das Genom kennen und lernen auch, das zu interpretieren. Und dafür hat Craig Venter ein sehr eindrucksvolles Beispiel präsentiert: Da sah man zwei Männergesichert auf dem Bild, und die sahen nahezu gleich aus:

"So this is the computer rendering from the 3D photo from an individual and just from the genetic code the A,C, G and Ts, here is what we came up with out of the computer."

Lange: Also links haben wir eine dreidimensionale Aufnahme eines Männergesichtes und auf der rechten Seite eine Rekonstruktion, und diese Rekonstruktion wurde allein auf Basis der Genetik erstellt. Das heißt, der Computer wusste nicht, wie dieser Mann aussieht, er hatte nur den genetischen Code, also Milliarden Buchstaben A, T, G und C, und hat daraus tatsächlich das Aussehen dieses Gesichtes errechnet. Und wenn man sich die beiden Gesichter auf dem Bild anschaute, dann war das sehr überzeugend: Tatsächlich, die sahen wirklich fast gleich aus, und der Computer hat das nur mit etwas Blut oder Spucke gemacht. Man kann eigentlich sagen, da lässt sich ein Gesicht rekonstruieren durch eine lernende Maschine.

Gesundes Altwerden

Krauter: Das klingt nach einer Jahrmarktsattraktion oder wenigstens nach einer spannenden Technik für CSI. Aber als die Genomforschung damals begann, da wurden ja ganz andere Versprechungen gemacht. Von einer Revolution der Medizin wurde da gesprochen. Auch Craig Venter hat davon öfter gesprochen. Wann können denn diese Versprechen wirklich eingelöst werden?

Lange: Also wenn man Craig Venter glaubt, dann hat das tatsächlich schon begonnen. Und jetzt sind bereits erste Anwendungen möglich. Es wird noch mehr kommen. Er selbst interessiert sich dabei besonders für das gesunde Altwerden. Er ist ja auch mittlerweile 71 Jahre alt, hat die Firma Human Longevity Incorporation mitgegründet, inzwischen ist er an der Leitung dieser Firma nicht mehr beteiligt. Und diese Firma will tatsächlich unser Leben gesünder und länger machen. Und dazu lassen schon jetzt sehr viele Probanden ihr Erbgut, ihr Genom untersuchen, aber auch viele andere Tests machen: Ganz viele chemische Parameter, ganz viele bildgebende Verfahren werden da eingesetzt. Da werden wirklich tausende Menschen vermessen in diesem Projekt.

Krauter: Länger leben mit Craig Venter, das ist die Vision. Klappt das denn auch schon? Also können die Leute von Craig Venter zum Beispiel an meinem Genom ablesen, wie lange ich wahrscheinlich noch leben werde?

Lange: Im Moment können sie das noch nicht. Craig Venter würde das sicher für sich selber auch sehr gerne berechnen. Aber es ist noch nicht genau möglich, aber es wird daran gearbeitet. Also die Maschinen lernen zurzeit, und es gibt solche Vorhersagen, die sind aber wahrscheinlich noch sehr ungenau. Man sieht es daran, dass die Vorhersagen aus dem Erbgut, aus dem Genom, ein ganz anderes Ergebnis ergeben, als wenn man zum Beispiel die bildgebenden Verfahren und die medizinischen Werte dafür heranzieht. Also man kommt zu völlig unterschiedlichen Zahlen. Und welche Zahlen stimmen, wird man erst wissen, wenn die Menschen, die heute untersucht wurden, gestorben sind. Dann wird man sagen: Okay, diese Vorhersage war richtig. Aber die Daten lassen sich jetzt schon nutzen, denn damit lassen sich ja Krankheiten erkennen, die man heute behandeln kann und die das Leben verkürzen. Und dann kann man, rein theoretisch, das Leben verlängern:

"You think you are healthy if you don’t have symptoms. We can determine in fact if you are really healthy."

Lange: Venter sagt also: Sie denken, Sie seien gesund, weil Sie keine Symptome haben. Aber wir finden heraus, ob Sie wirklich gesund sind.

Gesunde werden zu Patienten

Krauter: Das klingt so vollmundig, wie man das von Craig Venter erwarten würde. Es klingt vor allem aber auch nach einem sehr lukrativen Geschäftsmodell. Denn de facto heißt das ja, dass gesunde Menschen zu Patienten gemacht werden müssen, damit sie letztlich länger leben können.

Lange: Ja, zumindest Menschen mit genug Geld. Die will man tatsächlich so jetzt untersuchen, und bei 40 Prozent der bisher Untersuchten wurden tatsächlich Risiken entdeckt, die man behandeln kann. Also man kann das Risiko entweder beseitigen oder zumindest vermindern. Also 40 Prozent der Untersuchten wurden von gesunden Menschen zu Patienten. Man fühlt sich krank plötzlich, weil man diese Untersuchung macht, und die Hoffnung ist, dass man dadurch gesünder wird und länger lebt. Da hat man die Wahl, ob man das wirklich möchte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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